"Fehlbrand", Henrich Dörmers fünfter Kriminalroman, spielt 1927 und unter anderem am Gießener Flughafen. FOTO: US
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"Fehlbrand", Henrich Dörmers fünfter Kriminalroman, spielt 1927 und unter anderem am Gießener Flughafen. FOTO: US

Ein Licher schreibt über Gießen

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Eigentlich wollte Henrich Dörmer aus Lich nach vier Kriminalromanen eine Schreibpause einlegen. Dann befeuerte ein Besuch am ehemaligen Gießener Flughafen seine Fantasie. Jetzt ist "Fehlbrand", Dörmers fünftes Buch, erschienen.

Rüddingshausen, Beuern, Kloster Arnsburg, der Totenberg im Lumdatal und immer wieder Lich: Wenn Henrich Dörmer an einem neuen Buch bastelt, bedient er sich gerne aus der "Schatzkiste Oberhessen". Alle vier Kriminalromane, die er seit 2016 bei Books on Demand veröffentlicht hat, wurzeln tief in der Region und ihrer Geschichte.

Das ist auch beim fünften Werk nicht anders. Bei "Fehlbrand" allerdings rückt der Autor aus Lich erstmals Gießen in den Mittelpunkt.

Die Eröffnung des Flughafengebäudes vor den Toren der Stadt am 27. September 1927 bildet den Ausgangspunkt für einen Mordfall, der Kommissar Simon Rau von der Gießener Kriminalinspektion einige harte Nüsse zu knacken gibt.

Dörmer ist Vermögensberater bei der Volksbank Mittelhessen. Vor bald zwei Jahren hat er aus beruflichen Gründen an einer Führung über das ehemalige Flughafengelände teilgenommen. "Das ist ja klasse", fuhr ihm durch den Sinn, als er vor dem einstigen Empfangsgebäude im Bauhaus-Stil stand, von dem aus Passagiere in den 1920er Jahren mit der Lufthansa nach Frankfurt, Berlin, München oder Hamburg starteten.

Mörder im Volksbad

Eigentlich hatte Dörmer nach seinem Mittelalter-Krimi "Wüstes Hausen" eine Schreibpause einlegen wollen. Aber nach der Flughafenvisite war sein Interesse geweckt. "Ich bin mit anderen Augen durch die Stadt gegangen", erzählt er.

Postkarten und Bildbände vom alten Gießen, Internetrecherchen, dazu die Serie "Babylon Berlin" beflügelten seine Fantasie zusätzlich. Und so führt "Fehlbrand" zurück ins Gießen der "Goldenen Zwanziger", das zwei Jahrzehnte später, beim großen Luftangriff am 6. Dezember 1944, für immer untergehen sollte.

Der Autor aus Lich lässt die Stadt, wie sie einmal war, wiederauferstehen. Kommissar Rau und seine Kollegen tanzen in Rappmanns Collosseum in der Walltorstraße, sie dinieren im feinen Café Ernst-Ludwig gleich neben dem Stadttheater oder gönnen sich eine heiße Fleischwurst auf dem Wochenmarkt. Sie fahren mit der Straßenbahn quer durch Gießen, sind Teilnehmer bei der Hindenburg-Regatta auf der Lahn oder flirten im Palast-Lichtspiel am Lindenplatz. Ihren Fall lösen sie auch. Im alten Volksbad hinter dem Seltersweg steht Kommissar Rau schließlich dem gesuchten Mörder Auge in Auge gegenüber.

Ein Stadtplan mitten im Buch verdeutlicht, wie Gießen in den 1920er Jahren ausge- sehen hat. Dörner hat ihn, ebenso wie das Umschlagbild, selbst gezeichnet. "Als Self-Publishing-Autor muss man eben alles machen", sagt er. "Aber das macht Spaß."

Vom vertrauten Personal seiner ersten vier Bücher um den Ermittler Martin Benedikt Cervinus musste sich Dörmer in seinem Zwanziger-Jahre-Krimi trennen. Er hat neue Charaktere erschaffen, die in die Zeit passen und auch im typischen Jargon reden.

Kommissar Rau, Sohn eines Kriegsveteranen aus Allendorf/Lumda, ist überzeugter Sozialdemokrat, Kommissar-Anwärter Jakob "Köbes" Entenich aus Köln dagegen national eingestellt und Mitglied einer schlagenden Verbindung. Spannungen zwischen den beiden bleiben nicht aus.

Und dann ist da noch Therese Brunner. Die selbstbewusste junge Frau mit dem blonden Bubi-Kopf ist Medizinalassistentin am Pathologischen Ins-titut, die erste Frau in dieser Funktion. Kommissar Rau schätzt nicht nur ihre Expertise.

"Eine Liebeserklärung ans alte Gießen", so hat ein Freund Dörmers das Buch charakterisiert. Der Autor hat sich darüber sehr gefreut. Seinem sehr unterhaltsam geschriebenen Krimi hat er aber noch eine weitere und tiefere Dimension verliehen. Die Vorgeschichte führt zurück ins Jahr 1916, zur grausamen Schlacht um Verdun und zu Wunden, die nicht mehr heilen wollen.

"Für unsere Kinder - Pour nos enfants" - diese Widmung hat Dörmer dem Buch vorangestellt. Und in die Danksagung am Ende nimmt er ausdrücklich seine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern auf. "Ohne sie hätte auch diese Geschichte nicht erzählt werden können."

Dieser Satz ist wörtlich zu nehmen. Wenn sich auch die Handlung vorwiegend in Gießen zuträgt - das Mordopfer wird in Lich gefunden, im Ringofen der einstigen Tonwerke am Wall. Dessen Geschäftsführer heißt im Buch Heinrich Schlitt VIII. Den Mann hat es nie gegeben.

Historisch verbürgt hingegen ist der Licher Ziegeleibesitzer Heinrich Schmidt VIII. Er war Henrich Dörmers Urgroßvater.

Henrich Dörmer, Fehlbrand - Ein Kriminalroman im Gießen der Goldenen Zwanziger, BoD - Books on Demand; ISBN 978-3-7519-5207-1, 14,50 Euro.

Mehr Infos im Internet unter: www.henrich-doermer.de

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