Wider die Grenzen im Kopf

  • schließen

Lich (jou). Die Uraufführung wurde vor allem in der heimischen Musikszene mit Spannung erwartet: Fast voll besetzt war das Kino Traumstern am Mittwochabend bei der Premiere des Multimedia-Popmusicals "Samis Welt", dessen Musik und Texte aus der Feder von Peter Herrmann (Lollar) stammen. Bilder, Animationen und Musik verbanden sich nun zu einem großen Ganzen. Nur wurden die Zeichnungen von Stefan Maria Glöckner etwas kurz auf der Kinoleinwand eingeblendet, zudem mutete die Synchronisation zuweilen ein wenig improvisiert an.

So lagen die Stärken der Aufführung eindeutig auf der musikalischen Ebene. Gekonnt baute Keyboarder Helmut Fischer in der Einleitung mit Synthesizer-Klängen in den Bann schlagende Atmosphäre auf, ehe Erzähler Tom Liwa zur Thematik hinführte.

In der Geschichte geht es um Sami, Mitglied einer jungen Theatergruppe, dessen aus Afrika geflüchteter Vater spurlos verschwindet. Die mitunter melodisch eingängigen Stücke vermittelten anschaulich den Zusammenhang zwischen dem Leben der Jugendlichen und der Realität auf dem Schwarzen Kontinent. So hinterfragt das konsumkritische "Kaufen, Kaufen, Kaufen" die bunte, inhaltsleere Warenwelt. Das Stück wird besonders eindringlich durch gerappte Passagen. Die Verlockung liegt gerade darin, dass alles jederzeit verfügbar ist - auf Kosten armer Völker, die unter der Ausbeutung leiden.

In dem nachdenklich-ruhigen Song "Train, Train, Train" rückt Migrantin Zola in den Fokus. Sie träumt von der Zeit vor dem Krieg. Peter Herrmann lässt bewusst offen, um welchen Staat es sich handelt. Er verdeutlicht damit, dass Krisengebiete, in denen sich Menschen zur Flucht gezwungen sehen, in vielen afrikanischen Regionen anzutreffen sind. In Deutschland ist es freilich nicht unbedingt sicher: Sami gerät ins Visier aggressiver Jugendlicher. Der Song "Erde, Feuer, Wind und Wasser" bringt die Verbundenheit zu seinen afrikanischen Wurzeln ganz nahe, als er die Theatergruppe verlässt, um seinen Vater zu suchen. Demgegenüber erzählt "Wir" aus der Perspektive seiner Freundin Lisa, die nun um ihn bangt, von gemeinsamen Erlebnissen.

Schwere Kost leicht verpackt

Die Sänger Jessica Hormann, Lisa Marie Krause, Cynthia Nickschas, Mischa Jung und Yannick Bernsdorff sowie Rapper Viktor Hummel zeigten durchweg eine beeindruckende Leistung in ihren ausdrucksvollen Darbietungen; sie wurden vorzüglich von den Instrumentalisten um Herrmann am E-Bass unterstützt. Besonders haften bleibt der kraftvoll-schmissige Song "Klare Worte": Prägnanter ließe sich kaum warnen vor Vorurteilen über Migranten. Das Pendant dazu bildet "Miteinander reden", hier wird für offenen Austausch geworben.

Peter Herrmanns Verdienst ist es, in seinen Kompositionen die Botschaft auf leicht zugängliche Weise zu verpacken. Dabei vereint er in sich stimmig verschiedene Elemente - vom konventionellen Rock bis hin zu afrikanischen Einflüssen. Die Texte erweisen sich zudem als hochaktuell: In "Fake News" etwa geht es darum, wie schwer es ist, in einer Zeit, in der es - dank moderner Medien - schnelle Antworten auf viele Fragen gibt, sich ein differenziertes Bild von der Welt zu machen. Alsbald gerät die Clique in Streit, manche schieben Samis und Zolas Familie in eine kriminelle Ecke. In Kontrast dazu steht der beschwingte Song "Freunde" mit virtuosen Akkordeon- und Gitarrensoli, der den Wert echter Freundschaft nahebringt - und das Premierenpublikum zu begeistertem Applaus hinriss. Die Theatergruppe könnte auf einmal direkt mit dem Krieg in Afrika konfrontiert werden, wenn Sami dorthin reist, um seinen Vater zu finden. "Von hier oben sind keine Grenzen zu sehen", heißt es denn auch in einem weiteren Song, der vergegenwärtigt, wie klein die Welt doch sein kann. Am Donnerstagabend wurde "Samis Welt" an gleicher Stelle wiederholt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare