Roman Geyer: "Freude über WLAN". FOTO: GEYER
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Roman Geyer: "Freude über WLAN". FOTO: GEYER

Wi-Fi statt Draht zu Gott

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Lich(pad). Maria braucht keinen Draht zu Gott - schließlich gibt es ja "Wi-Fi". Die Gläubigen jubeln, die Heilige selbst faltet die Hände zum Dankesgebet. In der Ausstellung "Upcycling - die Verballhornung der klassischen Idylle" setzt der Licher Künstler Roman Geyer moderne Alltagsgegenstände mitten in altbekannte Motive, gibt ihnen so eine neue Bedeutung. Am Samstag, 8. August, wird sie im Kulturrestaurant Savanne eröffnet.

Keine Gnade mit "alten Schinken"

Mit den alten Werken kennt Geyer dabei keine Gnade: Er beschreibt seine Arbeit, dass er "existierende scheinbar nutz- und sinnlos gewordene Gebrauchskunst durch Nachnutzung und Sinnentfremdung in neuwertige Kunstprodukte umarbeitet". Sein Lieblingsrohmaterial sind dabei "alte Schinken, die sich in ihrer ursprünglichen Form heute niemand mehr ernsthaft an die Wand hängen würde". Diese findet er auf Dachböden, in Archiven oder auf Flohmärkten. Aus dem Internet holt er sich dann die Elemente mit aktuellen Zeitgeschehen, anonymisiert diese und druckt sie aus, um sie in die alten Bilder einzukleben.

Dabei bleibt es egal, ob es sich im Ursprung um eine Radierung, ein Schlafzimmerbild oder eine antiquarische Postkarte handelt. An der spitzen Kante des Anachronismus lässt der Künstler die verklärten Motive durch Elemente aus der aktuellen grotesken Realität zerbrechen. Da sind Jesus und seine Jünger mit Virtual-Reality-Brillen in einem Kornfeld unterwegs, nur der ungläubige Thomas kann es nicht fassen - oder ist er nur vom Handy-Mast im Hintergrund verstrahlt? Bei der Predigt auf dem See wird der Amazon-Boote von den Gläubigen erwartet, Leonardo da Vincis Abendmahlszene wurde in ein Fast-Food-Restaurant verlegt, und hinter einem idyllischen Wäldchen sprießt der Atompilz. Es sind Motive, die es so wohl auch in die Satire-Zeitschrift "Titanic" schaffen könnten, tiefschwarzer Humor, teils auch provozierend. "Das antiquierte Grundmotiv wird durch die Dekoration mit deutlichen Attributen des Heute mit einem komplett neuen Inhalt ausgestattet", erklärt Geyer. "Grundmotiv und digitale Bildbeigabe werden aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen und erhalten eine völlig andere, nun gesellschafts- und zeitkritische Bedeutung."

Auch die Ausstellungseröffnung am kommenden Samstag um 18 Uhr greift das aktuelle Zeitgeschehen auf: Statt einer Vernissage wird es eine "Coronissage" geben. Geyer will dabei den Besuchern den Protypen eines Ganzkörper- Virus-Scanners vorstellen. Schutzmasken und die Einhaltung des Sicherheitsabstandes sind selbstverständlich Pflicht.

Die Ausstellung in der "Savanne" ist bis 5. September jeweils dienstags bis sonntags von 17 bis 24 Uhr zu sehen.

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