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Jürgen Bludau

Wenn das »Zurückdenken« nicht mehr funktioniert

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Lich (pm). Anlässlich des Welt-Alzheimertags am morgigen Dienstag informiert Dr. Jürgen Bludau, Leitender Arzt Geriatrie an der Klinik für Innere Medizin der Asklepios-Klinik Lich, über das Krankheitsbild und zeigt, wie Patienten und Angehörige zwischen »normalem« Vergessen und den ersten Anzeichen einer möglichen Demenzerkrankung unterscheiden können.

In Deutschland leben nach jüngsten epidemiologischen Schätzungen rund 1,6 Millionen Menschen mit Demenz. Tendenz steigend.

»Demenzielle Erkrankungen, unter denen die Alzheimer-Demenz die häufigste Demenzform darstellt, sind eine der größten Herausforderungen für unser Gesundheitssystem im 21. Jahrhundert«, so Bludau. 70 Prozent der Demenzerkrankten werden zu Hause von Angehörigen betreut - mit häufiger Vernachlässigung der eigenen Gesundheit.

»Demenz ist ein Syndrom als Folge einer langsam fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störungen höherer Gehirnfunktionen«, erläutert Bludau, der sich seit Jahrzehnten mit altersbedingten Erkrankungen beschäftigt. Betroffen sind vor allem das Gedächtnis, die Orientierung, die Lernfähigkeit, die Sprache sowie das Urteilsvermögen und die Fähigkeit zur Entscheidung. Diese Veränderungen führen dann zum Verlust der Alltagskompetenzen und zu Störungen im Sozialverhalten und der emotionalen Kontrolle.

Diese genannten Veränderungen entstehen über einen langen Zeitraum, was häufig dazu führt, dass frühe Warnzeichen einer möglichen Demenzerkrankung sowohl von den Patienten als auch von Angehörigen leicht übersehen werden können.

Die Alzheimer-Krankheit beginnt mit einem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses. Termine werden verpasst und Betroffene stellen immer wieder dieselben Fragen. Das Namensgedächtnis lässt nach und selbst die Namen der engsten Freunde und Verwandte werden vergessen und verwechselt. Die Betroffenen beginnen sich unsicher zu fühlen, manchmal kommt es zu einer depressiven Verstimmung, vor allem wenn Angehörige und Freunde Bemerkungen machen. Natürlich vergessen wir schon mal den Namen eines Nachbarn, verlegen unseren Hausschlüssel und vergessen warum wir in den Keller gegangen sind. Wir können aber in der Regel mit einiger Konzentration »zurückdenken« und den Schüssel finden und schließlich die Kartoffeln aus dem Keller holen.

Ein weiteres Merkmal einer beginnenden Demenzerkrankung ist, dass Betroffene schnell überwältigt sind von alltäglichen Aufgaben, die zuvor mit Leichtigkeit verrichtet wurden. Eine häufige Bemerkung von Betroffenen ist, dass ihnen Vieles einfach zu viel wird. Auch das Interesse an vielen Dingen lässt nach und man zieht sich aus dem Alltag zurück.

»Obwohl wir von einer Heilung der Alzheimer-Krankheit noch weit entfernt sind, kann eine frühzeitige Diagnose einige der oben beschriebenen Merkmale zum Teil verhindern oder wenigstens lindern«, erläutert Bludau. Anfangs unbedenklich erscheinende Veränderungen wie etwa wiederholte Anrufe und Fragen, unsicheres Autofahren, Konzentrationsschwäche, depressive Verstimmung, Schwierigkeiten den Haushalt zu führen und Veränderungen der Persönlichkeit sollten nicht ignoriert werden. Vielmehr sollten sich Betroffene und Angehörige an ihren Hausarzt wenden.

Wenn dann eine Demenz-Erkrankung vorliegt, ist es sinnvoll sogenannte Antidementiva-Medikationen wenigstens probeweise einzunehmen. Studien haben eindeutig gezeigt, dass Patienten mit unterschiedlichen dementiellen Erkrankungen von diesen Medikamenten profitieren.

»Die Behandlung einer an Demenz erkrankter Person muss auch immer die Angehörigen miteinbeziehen. Der richtige Umgang mit und vor allem die richtige Kommunikationsstrategie mit an Demenz Erkrankten ist für die Lebensqualität beider Personengruppen wichtig«, betont Bludau, der auf dem Instagram-Account der Asklepios-Klinik unter @humansofasklepios Videos mit Erklärungen und Tipps zur Verfügung stellt, um insbesondere Jüngere zu erreichen und für den Umgang mit Eltern und Großeltern zu sensibilisieren.

Weitere Entlastungen bieten Selbsthilfegruppen, die Angehörigen bei individuellen Problemlösungen helfen, Tagesstätten erlauben Angehörigen etwas Ruhe und Erholung, und eine frühzeitige Planung bei den Finanzen und der Vorsorgevollmacht sind unentbehrlich.

Sollte der Pflegeaufwand zum Ende der Krankheit stark zunehmen, dann darf ein notwendiger Umzug in ein Pflegeheim nicht unnötig verschoben werden. Eine gute 24-Stunden-Pflege ist zu Hause häufig nicht mehr möglich.

»So lange wir auf eine bessere Diagnostik und Therapie warten, müssen an Demenz Erkrankte und deren Angehörige kompetent behandelt und unterstützt werden«, so Bludau abschließend. FOTO: PM

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