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Digital statt rosafarbener Zettel: In den Apotheken hält die Zukunft ein

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Von: Ursula Sommerlad

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Mit dem E-Rezept wird das rosafarbene Formular für Rezepte abgelöst. In der Herde-Apotheke am Standtturm in Lich hat die Zukunft schon begonnen.

Lich – Das erste E-Rezept, das in seiner Apotheke eingelöst wurde, hat sich Olaf Herde zur Erinnerung eingerahmt. Es steht auf seinem Schreibtisch. Ein Blatt Papier, rosafarben wie gewohnt, aber größer als die herkömmlichen Formulare und mit einem QR-Code bedruckt. Seit der Premiere vor sechs Wochen hat das Team der Apotheke am Stadtturm, die Olaf Herde gemeinsam mit seiner Schwester Anke Herde-Bertram am Rande der Licher Altstadt betreibt, rund ein Dutzend E-Rezepte bearbeitet.

Die ersten Erfahrungen sind positiv. »Das E-Rezept vereinfacht Arbeitsabläufe, weil viele administrative Dinge entfallen«, sagt der Chef. Er selbst hat einen Draht zu neuen Technologien. Aber auch Kollegen, die in diesem Punkt zögerlicher sind, werden um die E-Rezepte nicht drum herumkommen. Ab dem 1. September muss jede Apotheke in Deutschland in der Lage sein, sie einzulösen.

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Die Digitalisierung im Gesundheitswesen kommt. Anke Herde-Bertram und ihr Team von der Apotheke am Stadtturm in Lich sind für die Einführung des E-Rezepts vorbereitet. © Ursula Sommerlad

Kreis Gießen: »Ohne ordnungsgemäße Verschreibung zahlen die Krankenkassen nicht«

Die bisherige Praxis ist bekannt. Anders als Privatpatienten müssen Kunden, die bei einer gesetzlichen Krankenkasse versichert sind, in der Apotheke nicht in Vorleistung treten. Sie zahlen lediglich einen Eigenanteil. Die Apotheke reicht anschließend das Rezept bei der Krankenkasse ein und bekommt die restlichen Kosten erstattet. Klingt einfach, ist es aber nicht immer. Zum Beispiel, wenn ein Medikament nicht lieferbar ist und durch ein anderes ersetzt werden muss. Telefonieren, das Rezept zurückbringen, ein neues beschaffen... - die Sache kann umständlich werden.

»Eine Person ist hier ständig mit Kommunikation beschäftigt«, sagt Olaf Herde. »Ohne ordnungsgemäße Verschreibung zahlen die Krankenkassen nicht.« Das E-Rezept werde das Prozedere wesentlich einfacher machen. Voraussetzung ist eine Software, die Arztpraxen und Krankenhäuser in die Lage versetzt, für ihre Verordnungen eine Datensatz zu erstellen. Dieser läuft auf einen Server und kann über einen QR-Code abgerufen werden.

Wer die entsprechende App, die »das E-Rezept« heißt, auf dem Smartphone hat, muss in der Apotheke nur noch das Handy vor einen Scanner halten. Wenige Sekunden später ist die Verordnung auf der anderen Seite der Bedientheke auf dem Bildschirm zu sehen. Auch für die Weiterleitung an die Krankenkasse braucht es nur einen Klick. Änderungen können die Mitarbeiter der Apotheke nach Rücksprache mit dem Arzt direkt im Computer vornehmen. Und damit kein Patient sein E-Rezept mehrfach einlöst, wird der QR-Code nach dem ersten Scannen gesperrt.

Kreis Gießen: Digitales Rezept für Arzneimittel soll ab 1. September eingeführt werden

Ab dem 1. September soll die neue Technik bundesweit sukzessive eingeführt werden, zunächst in zwei Modellregionen. Bei Olaf Herde kann man sich jetzt schon anschauen, wie die Sache funktionieren wird. Er hat ein Testrezept auf dem Handy und bereits einen kundenseitigen Scanner installiert. »Wir wollen vorne mit dabei sein«, sagt er.

De facto wird man aber auch in der Licher Apotheke noch eine Weile mit Papier hantieren. »Es muss jetzt niemand Angst haben, dass man nur noch mit dem Handy zum Arzt gehen kann.« Die Übergangslösung ist jene, die man auf Herdes Schreibtisch besichtigen kann: ein Blatt Papier mit aufgedrucktem QR-Code. Und Arztpraxen, die nicht in die neue Technik investieren wollen, sind nicht gezwungen, ihre Verordnungen in einen Datensatz umzuwandeln. Das Papierrezept wird es weiterhin geben.

Kreis Gießen: Apotheker sieht Digitalisierung „wie eine Welle“

Der Licher Apotheker sieht die Dinge realistisch. »Die Demographie wird das regeln«, sagt er. »Die Digitalisierung ist wie eine Welle. Sie kommt, egal ob man das möchte oder nicht.« Für jüngere Patienten werde das Rezept auf dem Handy ganz selbstverständlich sein. Deshalb wirbt Herde unter den Ärzten vor Ort auch für die neue Technik.

Manche Kritiker befürchten, dass von den E-Rezepten hauptsächlich die Versandapotheken profitieren werden, weil das umständliche Verschicken von Papier jetzt entfällt. Olaf Herde sieht das gelassen. »Wir Vor-Ort-Apotheken sind nah am Kunden. Heute bestellt, heute geliefert. Wir sind schneller und flexibler als die Versandapotheken.« (Ursula Sommerlad)

Im Kreis Gießen sehen sich viele Apotheken „zum Aufgeben“ gezwungen.

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