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Was im Handwerk möglich ist

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Von: Ursula Sommerlad

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Minister Al-Wazir und Frank Martin (Arbeitsagentur) schrauben mit Tom Luca Stein und Jakob Heß um die Wette; hinten Ausbilder Dominik Philipp. © Ursula Sommerlad

Dem Handwerk geht der Nachwuchs aus. Strategien gegen den Fachkräfte-mangel standen im Mittelpunkt eines Besuchs von Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir bei Walz Gebäudetechnik in Lich.

Tarek Al-Wazir ist Diplom-Politologe. Aber er hält sich handwerklich nicht für ganz unbegabt. »Bei uns zu Hause repariere ich fast alles selbst.« Diese Talente kamen dem Hessischen Wirtschaftsminister am Mittwoch bei einem Besuch der Firma Walz in Lich zupass. Im Wettbewerb mit zwei Azubis schlug er sich mit Zange und Schraubenzieher ganz passabel. Eröffnen sich da neue berufliche Perspektiven? »Wir nehmen jeden, den wir kriegen können«, scherzte Geschäftsführer Hans-Heinrich Walz.

Ganz so ist es dann auch wieder nicht. Ja, die Firma Walz sucht qualifizierten Nachwuchs. Und sie tut viel dafür, damit junge Leute für sich eine Ausbildung in der Gebäudetechnik in Betracht ziehen. Motiviert sollen sie sein, interessiert und »mit dem Herzen dabei«. So jedenfalls umschrieb Hans-Heinrich Walz die Anforderungen im Gespräch mit dem Minister und Dr. Frank Martin, dem Geschäftsführer der Regionaldirektion Hessen der Bundesanstalt für Arbeit. Beide waren nach Lich gekommen, um die aktuellen Arbeitsmarktzahlen für den Monat Oktober vorzustellen (siehe Seite 8).

Besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Ausbildungsmarkt. Ob man hier die Lage als gut oder schlecht bewertet, ist eine Frage der Perspektive. »Großartig ist sie für alle, die eine Stelle suchen«, sagte Frank Martin. Aktuell seien in Hessen 35 611 Ausbildungsstellen nicht besetzt, aber nur 1700 Jugendliche unversorgt.

Für die Unternehmen allerdings ist die Situation problematisch. Sie suchen händeringend nach Fachkräften. »Der Engpass bremst das Wirtschaftswachstum bereits jetzt signifikant«, unterstrich Martin.

Wirtschaftsminister Al-Wazir setzt in dieser Lage auf Überzeugungsarbeit. »Wir müssen der jungen Generation deutlich machen, welche Chancen eine betriebliche Ausbildung bietet.« Eine abgeschlossene Ausbildung sei die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. Und sie eröffne vielfältige Möglichkeiten. Auch die, vielleicht später noch einmal zu studieren. »In Sachen Hochschulzugang gibt es in Hessen keine Sackgasse mehr«, unterstrich Al-Wazir.

Der personifizierte Beweis für diese These saß nur zwei Stühle vom Minister entfernt. Marcel Jox ist 2002 als Azubi bei Walz gestartet. Später hat er die Technikerschule absolviert, hat im Betrieb Projekte geleitet und Personalverantwortung übernommen. Heute ist er als Geschäftsführer für die Bereiche Elektrotechnik und Planung zuständig. Er weiß aus eigener Erfahrung: »Die Entwicklungsmöglichkeiten sind riesig, wenn man im richtigen Unternehmen ist.«

Eine beeindruckende Laufbahn hat auch Dominik Philipp hinter sich. Seine 2014 begonnene Ausbildung hat er als Innungsbester abgeschlossen. Sein Weg führte ihn 2019 bis nach Kasan, wo er bei der Weltmeisterschaft der Berufe unter 29 teilnehmenden Nationen als Viertbester abschnitt. Mit gerade mal 24 Jahren ist er heute Meister und Ausbilder. Sein Fazit: Mit Interesse und Spaß an der Sache könne man im Handwerk nicht nur einiges erreichen. »Man kann auf der Ausbildung sein Leben aufbauen.«

Und man kann Vorbild sein. Zum Beispiel für Tom Luca Stein und Jakob Heß, die beide nach dem Fachabitur eine Ausbildung bei Walz begonnen haben. Tom ist nach seinem Jahrespraktikum gleich geblieben, »weil es so viel Spaß gemacht hat«, Jakob wollte einen »Beruf mit Zukunft« und einen Arbeitgeber mit gutem Ruf.

Hans-Heinrich Walz weiß, dass sein breit aufgestelltes Unternehmen mit über 120 Mitarbeitern gegenüber anderen Betrieben im Vorteil ist. Man lege aber auch großen Wert auf die Nachwuchsförderung. Personalleiterin Martina Jilg begleite die jungen Leute sehr eng. Und man achte auf die Work-Life-Balance. »Geregelte Arbeitszeiten sind wichtig.«

Ein Problem aber bleibt: »Was in Deutschland nachwächst, reicht nicht«, sagt der Geschäftsführer. Er setzt auf Menschen aus anderen Ländern. Seit 2015 habe man mit den Einwanderern sehr gute Erfahrungen gemacht. Auch unter den Ukrainern gebe es perfekte Handwerker. Was fehlt, sind Sprachkenntnisse und in Lich darüber hinaus Wohnraum. Um hier Abhilfe zu schaffen, gebe es im Unternehmen bereits Überlegungen für einen »Walz-Campus«.

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