Achtung, Nebenwirkung

Warum Nebenwirkungen der sogenannten Tranquilizer gerade für Ältere fatal sind

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Sie heißen Tavor oder Valium und helfen bei Ängsten und unruhigem Schlaf. Auch viele Senioren nehmen sie. Dabei können die Nebenwirkungen fatal sein. Dr. Jürgen Bludau aus Lich klärt auf.

Die alte Dame neigte zu Stürzen. Mal fiel sie beim Aufstehen aus dem Fernsehsessel, mal beim Gang ins Bad, mal in der Küche. Lange hatte sie Glück. Bis zum jüngsten Sturz. Da brach sich die 82-Jährige den Oberschenkelhals. Ein mehrwöchiger Krankenhausaufenthalt war die Folge. Was zu dem Unfall geführt hatte, vermochte die Frau nicht zu sagen. Möglicherweise ist ihr Schlafmittel Schuld. Die Patientin bekommt von ihrem Hausarzt seit vielen Jahren Tranquilizer verschrieben. Doch Fachleute halten die Einnahme von Benzodiazepinen gerade bei älteren Menschen für problematisch. Warum, erläutert der Licher Geriater Dr. Jürgen Bludau im Interview.

Warum werden Benzodiazepine verschrieben?

Dr. Jürgen Bludau: Sie werden in der Hauptsache schlaffördernd, sedierend, also beruhigend, und angstlösend angewendet. In Deutschland gibt es 20 verschiedene Sorten.

Laut Schätzungen erhalten mehr als 1,5 Millionen Deutsche über Monate oder Jahre hinweg Benzodiazepine, darunter auch viele Senioren. Sie aber raten älteren Menschen von der Einnahme von Benzodiazepinen ab. Warum?

Bludau: Benzodiazepine sind sehr fettlöslich. Mit zunehmenden Alter verändern sich im Körper die Anteile von Muskeln, Fett und Wasser. Der Fett-Anteil nimmt zu, was aber keineswegs bedeutet, dass die Leute dicker werden. Wenn ältere Menschen Benzodiazepine nehmen, dann bleiben die Wirkstoffe daher länger im Körper.

Verstehe ich das richtig: Wenn der Körper das Medikament nur langsam abbaut, der Patient es aber immer wieder nimmt, gerät er schnell in einen Zustand der Überdosierung?

Bludau: Ja. Und das birgt die Gefahr vermehrter Nebenwirkungen. Deshalb raten wir vom Gebrauch dieser Medikamente ab.

Das größte Problem ist die Sturzgefahr

Jürgen Bludau

Welche Nebenwirkungen meinen Sie?

Bludau: Stürze, Verwirrtheit, Depressionen. Das größte Problem ist die Sturzgefahr.

Woraus resultiert die?

Bludau: Aus dem Überhangeffekt, der möglicherweise am Morgen auf die Tablette vom Vorabend folgt. Auch Müdigkeit kann zu Stürzen führen. Oder Verwirrtheit, gerade, wenn schon eine Demenz vorliegt. Und ein Sturz kann wirklich eine Katastrophe sein.

Warum?

Bludau: Auch wenn nach einem Bruch die Operation gut verläuft, wird der Patient nie wieder an den Punkt kommen, an dem er vorher war. Deshalb muss alles getan werden, um einen Sturz zu vermeiden.

Es heißt, man soll Benzodiazepine nur über einen kurzen Zeitraum nehmen.

Bludau: Richtig.

Warum?

Bludau: Weil der sedierende und angstlösende Effekt in der Langzeitwirkung nicht mehr gegeben ist. Benzodiazepine wirken auf kurze Sicht. Im Krankenhaus werden sie zum Beispiel als Angstlöser vor Operationen gegeben. Aber der Effekt lässt mit der Zeit nach.

Besteht die Gefahr von Abhängigkeit?

Bludau: Im Ärzteblatt von September 2018 steht, dass jede vierte Verordnung von Benzodiazepinen zu einer Abhängigkeit führt und dass in Deutschland vier bis fünf Prozent der gesetzlich Versicherten pro Jahr mindestens eine Verordnung haben. Aber nach neueren Studien ist gerade bei älteren Menschen weniger die Abhängigkeit ein Problem. Das Problem sind die Nebenwirkungen.

Wir haben immer wieder Patienten, die diese Medikamente zu Hause anwenden

Jürgen Bludau

Haben Sie in Ihrer klinischen Praxis häufiger mit Patienten zu tun, die Tranquilizer einnehmen?

Bludau: Ja. Wir haben immer wieder Patienten, die diese Medikamente zu Hause anwenden. Vor allem zum Schlafen. Wir stehen dann vor dem Problem, dass wir diese Medikamente ganz vorsichtig absetzen oder reduzieren müssen. Oder wir müssen Alternativen finden. Man kann zum Beispiel lang wirkende Benzodiazepine wie Valium durch kurz wirkende ersetzen.

Manche Leute nehmen diese Tabletten über einen sehr langen Zeitraum ein.

Bludau: Manchmal schon seit 20 Jahren. Dann können wir das nicht einfach absetzen. Das ist ein kompliziertes Thema, dem vor einiger Zeit auch das Fachblatt "Gerontologie und Geriatrie" einen langen Artikel gewidmet hat.

Warum werden diese Medikament überhaupt über einen längeren Zeitraum verschrieben?

Bludau: Häufig wegen Schlafstörungen. Die Patienten können schlecht einschlafen. Oder nicht durchschlafen. Manchmal werden die Tabletten auch in einer schwierigen Lebenssituation gegeben und dann immer weiter verschrieben. Die Patienten wünschen das, ohne sich über die erheblichen Nebenwirkungen im Klaren zu sein.

Sie würden Benzodiazepine aber nicht grundsätzlich verteufeln?

Bludau: Das Leben ist nicht schwarz-weiß. Ältere Menschen leiden häufig unter Angstzuständen. Und diese Medikamente wirken sehr schnell. Aber wenn man sie gibt, dann nur kürzer wirkende Benzodiazepine wie Lorazepam in Minimaldosierung und über einen kurzen Zeitraum.

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Zur Person

Dr. Jürgen Bludau wurde 1959 geboren und ging in England und Deutschland zur Schule. Nach dem Abitur in Bad Drieburg und dem Medizinstudium in Irland absolvierte er seine internistische und geriatrische Fachausbildung in den USA, wo er bis 2015 arbeitete. Seit Sommer 2017 leitet der Vater dreier erwachsener Kinder die Geriatrie an der Asklepios Klinik Lich. Er ist Autor des Buches "Aging, But Never Old", das 2010 in den USA erschienen ist. Zur Zeit arbeitet er an einer deutschen Fassung. (us)

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