Harald Unger hofft, dass die Tanzflaute allmählich vorüber ist - und bald mehr Kunden seine Tanzschuh-Boutique am neuen Standort besuchen.
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Harald Unger hofft, dass die Tanzflaute allmählich vorüber ist - und bald mehr Kunden seine Tanzschuh-Boutique am neuen Standort besuchen.

Corona zum Trotz

Bekannte Tanzschuh-Boutique stand vor Aus – wagt nun aber Neustart

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Nach mehr als 40 Jahren ist die Licher Boutique Unger für Tanzschuhe umgezogen. Inhaber Harald Unger stand wegen Corona kurz vor der Geschäftsaufgabe, wagt nun einen Neustart.

Lich - Während das Licher Rathaus allmählich in der Abenddämmerung verschwindet, hallen tanzbare Tango-Klänge durch die hell erleuchtete Boutique gegenüber. Hunderte Schuhpaare reihen sich in Kartons in den Regalen aneinander, ein großer Kronleuchter hängt an der Decke. Strahlend lächelnde Tänzerinnen und Tänzer mit funkelnden Outfits blicken von großformatigen Fotos an den Wänden herab. »Tanzen ist zu 30 Prozent Ausstrahlung«, sagt Harald Unger - ein Wiener Walzer in Jogging-Klamotten, das könne er sich nicht vorstellen.

Im September hat der 58-Jährige die Tanzschuh-Boutique an neuem Standort in zentraler Lage eröffnet, zuvor war sie in der Schillerstraße mitten in einem Wohngebiet zu finden. Vor mehr als 40 Jahren hatte seine Mutter, selbst passionierte Tänzerin, den Laden aufgebaut und 2019 schließlich an ihren Sohn übergeben. Hoffnungsvoll blickte er in die Zukunft. Dann kam Corona - und um ein Haar wäre die Boutique Unger Geschichte gewesen, berichtet der Inhaber.

Tanzschuh-Boutique im Kreis Gießen: Staatliche Hilfen während der Pandemie kamen nicht in Frage

Betrübt blickt Unger auf das Frühjahr 2020 zurück. Vor allem auch Kunden von Tanzschulen gehörten normalerweise zu seiner Stammkundschaft, die zum Teil aus ganz Hessen komme. »Von heute auf morgen hatten viele Tanzschulen zu. Das hat mich getroffen wie ein Schlag.« Die Boutique hatte kein großes Team, war und ist laut Unger insgesamt neun Stunden pro Woche geöffnet. Drei Aushilfen habe er vor Corona gehabt - und im letzten Jahr wegen des pandemiebedingten Einbruchs alle entlassen. »Der Bedarf an Schuhen war einfach nicht da, weil nicht getanzt wurde.« Staatliche Hilfen seien für ihn kaum in Frage gekommen.

Auf Online-Vertrieb umzusteigen, das war laut Unger keine Option: »Dann würden die Schuhe x-mal hin- und hergeschickt werden, das macht keinen Sinn«, zumal die Kunden gerade auch wegen der Beratung vor Ort kämen. »Wenn man das über 40 Jahre macht, weiß man, wo der Schuh drückt.« Zuletzt sei das Geschäft am alten Standort über Monate geschlossen gewesen, Ausgang ungewiss. Ohnehin habe es dort an Kundenparkplätzen gemangelt.

Über Jahrzehnte habe sich die Boutique zwar gerechnet, »aber Gewinnoptimierung stand nie im Vordergrund«. Nun überlegte Unger, ob der Laden überhaupt noch eine Zukunft hat. Doch nach und nach hätten Stammkunden wieder angerufen, sich erkundigt. Unger: »Ich kann doch nicht Kunden in der vierten Generation vor den Kopf stoßen!«

Tanzschuh-Boutique im Kreis Gießen nach Neueröffnung: Beitrag für die Licher Innenstadt

Zufällig sei er dann auf eine Geschäftsaufgabe in der Unterstadt gestoßen, habe schnell reagiert und schließlich neu eröffnet. Dort könne er auch einen Beitrag leisten, um die Licher Innenstadt zu beleben, findet Unger. Und für teils weiter gereiste Kunden habe der neue Standort den Vorteil, dass sie nun den Boutique-Besuch mit einem Stadtbummel verbinden können.

Von reißendem Absatz kann weiter keine Rede sein, an diesem Nachmittag bleibt der Laden leer. Doch trotz niedriger Umsätze komme er mit der Boutique über die Runden - nicht zuletzt, weil er als Anschub Privatvermögen in den neuen Standort investiert habe. Eine Möglichkeit, die während der Pandemie freilich nicht jeder Inhaber in der Hinterhand hat.

Der Licher Unternehmer hat in der Schuhbranche schon vieles erlebt, hat unter anderem selbst Modelle mit entworfen, war Geschäftsführer bei Leder Meid in Gießen, prüft seit vielen Jahren auch Auszubildende. Und die Begeisterung für sein Metier ist ihm schnell anzumerken: Unger schnappt sich einen Tanzschuh aus dem Regal und knetet ihn mit beiden Händen kräftig durch. »Das ist ein Hochleistungs-Sportartikel«, sonst würde das Produkt diesen Test nicht überstehen, erklärt er.

Tanzschuh-Boutique im Kreis Gießen: Bedarf nach Tanzschuhen steigt allmählich wieder

Unger bedient eine Nische, die während der Pandemie besonders schwierige Voraussetzungen hat: Paartanz lebt von Körpernähe und wird meist in Innenräumen betrieben. Doch allmählich, so sein Eindruck, werde wieder mehr getanzt, bei den Tanzschulen sei unter Einhaltung der Corona-Einschränkungen wieder manches möglich. Auch er selbst habe mit seiner Lebens- und Tanzpartnerin wieder angefangen.

»Es kommt langsam, die Leute wollen sich wieder bewegen und tanzen«, sagt Unger. »Wenn die Bälle wieder stattfinden, kommt auch der Bedarf nach Tanzschuhen - nicht gleich wie früher, aber in ein, zwei Jahren ist es wieder gut«, hofft er - wobei sich die Corona-Lage aktuell wieder drastisch zuspitzt.

Die Leute ziehen die Schuhe an, stellen sich vor den Spiegel - und du siehst, wie sich etwas verändert, wie gut es der Seele tut.

Harald Unger

Zurzeit seien die Umsätze noch weit von denen in Hochzeiten entfernt, doch es gehe etwas aufwärts, so Ungers Eindruck. Er zückt den nächsten Schuh, Modell »Tamara«. Unger spricht leise, aber an Selbstvertrauen mangelt es ihm nicht: »Da war ich vor dreißig Jahren bei der Entwicklung dabei«, sagt er stolz. »Warum sollte sich der meistverkaufte Schuh nicht weiter verkaufen?« Er ist sich sicher: Es werden wieder bessere Zeiten kommen.

Ungers Vater ist kürzlich gestorben. Sein Sohn ist froh, dass der Vater die neue Boutique vor seinem Tod noch einmal sehen konnte. Für seine Mutter sei es gerade eine schwere Zeit, sagt Unger, »aber sie war happy, dass ich gesagt habe: Ich mache weiter, investiere nochmal.« Ab und an schaue sie nun vorbei, um ihr Lebenswerk an neuem Ort zu begutachten. Auch der Sohn könnte sich ein Leben ohne die Boutique und die Stammkunden nur schwer vorstellen. »Die Leute ziehen die Schuhe an, stellen sich vor den Spiegel - und du siehst, wie sich etwas verändert, wie gut es der Seele tut.« (Jonas Wissner)

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