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Das Skiteam Bellersheim wurde 2011 als Verein gegründet, zählt mittlerweile über 450 Mitglieder.

75 Jahre GAZ

Von wegen Vereinssterben: Es gibt immer mehr Vereine - Junge Leute sind besonders aktiv

  • VonPatrick Dehnhardt
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»Die Vereine sterben aus« oder »Die Jugend von heute macht doch nichts mehr« - diese Sprüche hört man immer wieder. Die Statistiken zeigen jedoch das Gegenteil. Ein Blick ins Gießener Land.

Als Helmut Köstler jung war, »da war es eine Mordssache«, im Gesangverein zu sein. Zunächst wurde geübt, danach ging es mit den Sängern in die Kneipe. »Da bekam man auch mal ein Bier spendiert«, erinnert sich der 74-Jährige. Besuche auf Festen waren die Höhepunkte des Jahres. »Heute interessiert das nicht mehr.«

Nachwuchssorgen bei Gesangvereinen und Chören im Gießener Land

Köstler ist Vorsitzender des Gesangvereins Cäcilia in Lich, der 1838 gegründet wurde.. Das 175-jährige Bestehen konnte die Cäcilia 2013 noch mit einem großen Fest feiern. Das 200-Jährige wird der Verein wohl nicht mehr erleben. Durch den Zusammenschluss 2014 mit dem Licher Frauenchor hoffte der zuvor reine Männerchor, noch fünf Jahre länger existieren zu können. Die Chorgemeinschaft hat dieses Ziel bereits übertroffen. Jedoch kommen keine jungen Sänger nach, das Ende ist darum absehbar.

Mit Nachwuchsarbeit habe es der Verein zwar probiert, berichtet der Vorsitzende. Jedoch sei die Nachwuchsabteilung bereits vor Jahren gescheitert. Gegen die Konkurrenz durch Sport, Musik, Computer und vielem anderem kam man nicht an. »Die Kinder wussten nicht mehr, was sie zuerst machen sollten.« Die Jugendlichen lassen sich heute nicht mehr mit der Hoffnung auf ein Bier in der Kneipe in die Chöre locken.

Die Cäcilia ist nur ein Beispiel von vielen. Etliche Gesangvereine kämpfen ums Überleben, sind überaltert. In Chorkreisen jedenfalls ist klar, dass es nicht alle Ensembles nach Corona noch geben wird.

Zahl der Vereine wächst insgesagtm seit Jahren

Viele Traditionsvereine sind in den vergangenen Jahrzehnten verschwunden oder kämpfen mit sinkenden Mitgliederzahlen. Dennoch sterben die Vereine nicht aus, wie ein Blick in den jüngsten Report »Zivilgesellschaft in Zahlen« der Bertelsmann-Stiftung belegt. Im Gegenteil: Gab es 1995 noch rund 417 000 eingetragene Vereine, waren es 2016 fast 603 000. Vor allem die Zahl der Fördervereine ist ansteigend.

Vor Verallgemeinerungen sollte man sich generell hüten. Wer etwa die Kleintierzuchtvereine tot reden möchte, der hat die Geflügelzüchter aus Langgöns nicht auf dem Schirm, die von 2017 bis 2019 ihre Mitgliederzahl auf 82 verdoppelten. Während in einer Stadt der Spielmannszug den Notenschlüssel umdrehen muss, hat der Musikzug ein paar Kilometer weiter keine Nachwuchssorgen.

Bereits in den 1950ern wurde der Niedergang der Sportvereine prophezeit. Einige gibt es nicht mehr. Bei anderen sind einst erfolgreiche Sparten mangels Interesse der Mitglieder aufgegeben worden. Bei den Fußball-Abteilungen sind Spielgemeinschaften mittlerweile eher die Regel denn die Ausnahme geworden.

Sportvereine locken mit neuen Angeboten Mitglieder

Dennoch sind die Sportvereine nicht vom Aussterben bedroht. Mit neuen Angeboten werden Mitglieder angelockt, Rehasportangebote boomen. Hatten 2000 die 87 700 deutschen Sportvereine noch 26,8 Millionen Mitglieder, waren es 2017 rund 89 600 Sportvereine mit 27,4 Millionen Mitgliedern.

Ein in dieser Zeit erfolgreich neu gründeter Verein ist das Skiteam Bellersheim. 2011 mit acht Mitgliedern gestartet, sind es mittlerweile über 450 - ein enormer Zuwachs.

Auch in anderen Handlungsfeldern gibt es erfolgreiche Neugründungen, etwa die Genossenschaft des Kino Traumstern, der Bürgerparkverein Lich oder die Karnevalsfreunde Beltershain. Den Mitgliedern dieser neuen Vereine geht es meist darum, gemeinsam einem bestimmten Hobby nachzugehen oder eine bestimmte Sache vor Ort zu fördern - in einem Fall die Karnevalskultur, im anderen die Kinokultur. Studien zeigen: Für solche gezielten Anliegen lassen sich leichter Menschen gewinnen. Teils sind es aber auch nur Engagements auf Zeit.

Will ein Verein bestehen, muss er sich an die Veränderungen in der Gesellschaft anpassen

Seit 75 Jahren ebenfalls ein Dauerthema in dieser Zeitung: Die Suche nach Mitgliedern für den Vorstand. Als vor sechs Jahren in Ober-Bessingen der Verein »Licher Pforte 1782« das Licht der Welt erblickte, war die Besetzung dieser Ämter kein Problem. Denn man ließ bewusst die jungen Leute ans Ruder. »Wenn da einer mitmacht, holt der sich seine Unterstützer«, sagt der stellvertretende Vorsitzende René Schäfer. Da sei schnell eine engagierte Truppe zusammengekommen.

Der Verein betreibt die Pilgerherberge, was viel Arbeit mit sich bringt. Jedoch hätten die Jüngeren keine Probleme damit anzupacken und Verantwortung zu übernehmen, sagt Schäfer. Zudem hatten die »Jungen« Zeit, da sie bislang in keinen anderen Vereinsvorständen saßen.

Schäfer hat beobachtet, dass sich in vielen Vereinen schwergetan wird, junge Leute in den Vorstand zu holen. »Das Problem ist, dass die Verantwortung abgegeben werden muss. Die älteren müssen die jungen Leute auch heranlassen und neue Ideen zulassen.« Wenn ein Verein 40 Jahre denselben Vorstand hat, bedeutet dies zwar Kontinuität. Kontinuität bedeutet allerdings auch, dass sich nichts verändert. Will ein Verein bestehen, muss er sich an die Veränderungen in der Gesellschaft anpassen.

Mehr als die Hälfte der 14- bis 19-Jährigen ist in einem Verein aktiv

Der Satz »Die Jugend will nichts mehr machen« gehört ins Reich der Märchen verbannt. Der Blick in die Statistik zeigt: Die am stärksten in Vereinen engagierte Altersgruppe sind die 14- bis 19-Jährigen, über 52,9 Prozent. Bei den 20- bis 24-Jährigen sind es 48,4 Prozent – bei den 65- bis 69-Jährigen hingegen 43,7 Prozent. 

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