sued_bender_0265_131121_4c
+
Dieter Bender Lokalhistoriker

Vergessene Opfer

  • VonSascha Jouini
    schließen

Lich (jou). Im Rahmen der Reihe zum 9. November 1938 präsentierte der Wettenberger Antifaschist und Lokalhistoriker Dieter Bender am Donnerstag im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge Ergebnisse seiner verdienstvollen Forschung zu Opfern des Nationalsozialismus. Sein Vortrag »Verschleppt, zugrunde gerichtet, ermordet - die vergessenen Opfer der Zwangsarbeit« erwies sich als Bereicherung der Gedenkveranstaltungen zur Reichsprogromnacht.

Millionen Menschen wurden zur Zwangsarbeit herangezogen, vor allem aus der Sowjetunion, Frankreich und Polen, und kamen auch in Lich zum Einsatz. So fand Bender bei seiner Recherche zum Beispiel Belege für Zwangsarbeiter in Bettenhausen und Birklar.

Quellenstudien vertiefen

Eingesetzt wurden sie unter anderem bei der Firma Schieferstein, die damals Granathülsen und Panzerteile herstellte. Ein Großteil arbeitete in der Landwirtschaft. Darunter waren auch Kinder - dies werde häufig verschwiegen, betonte der Referent.

Darauf lässt sich durch Quellen wie Melderegister oder Archive zur Sozialversicherung stoßen. Selbst Schwangere, Neugeborene und ihre Mütter wurden zu Opfern, dafür fand der Historiker auch Belege in Lich. Ab Ende 1942 seien Schwangere nicht mehr in die Herkunftsländer zurückgeführt worden, um keine Informationen über die Arbeitsverhältnisse nach außen dringen zu lassen.

Bender widerlegte typische Zeitzeugenaussagen, denen zufolge es den Arbeitern gut ging. Vielmehr hatten sie keinen eigenen Raum, mussten meist im Schuppen oder Stall schlafen.

Durch die prekären Lebensbedingungen sowie Mangelernährung erkrankten viele an Tuberkulose, führte er weiter aus. Kranke Zwangsarbeiter galten als wertlos und wurden in Isolationslager gebracht, wo man sie sterben ließ; viele wurden in der Tötungsanstalt Hadamar umgebracht.

Während »Haupttäter laufen gelassen wurden«, führe die Justiz heute Prozesse gegen betagte Randfiguren. Der darin durchschimmernde Aufklärungswille zeigte sich besonders deutlich bei Benders Anmerkungen zum Kriegsgräberfriedhof in Kloster Arnsburg, wo auch Zwangsarbeiter liegen. Zwar gebe es nach der Kontroverse in den 1980er Jahren dort inzwischen eine Gedenktafel, doch müsse nachgebessert, zu etlichen Toten nähere Angaben geliefert werden.

Zumindest zu einem Teil der Zwangsarbeiter sei es möglich, die Quellenstudien zu vertiefen, etwa Einsatzstellen zu nennen und Biografien anzufertigen - andere Forscher könnten hier anknüpfen.

Nach dem Vortrag entwickelte sich eine angeregte Publikumsdiskussion, unter anderem über die schwierige Täter-/Opferfrage. Hielten es einige Besucher für problematisch, dass in Kloster Arnsburg Zwangsarbeiter neben Wehrmachtsoldaten begraben sind, so offenbarte sich darin die symbolische Bedeutung, die dieser Gedenkort für viele hat.

FOTO: JOU

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare