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Szene aus "Der Krieg in mir": Sebastian Heinzel bei einer Reinszenierung in der Stalin Line bei Minsk. FILMSTILL, KAMERA: ADRIAN STÄHLI

Kriegerische Konflikte

Wie Traumata von Generation zu Generation vererbt werden

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Der Filmemacher Sebastian Heinzel ist 40 Jahre alt und lebt friedlich auf einem Bio-Bauernhof. Dennoch träumt er häufig vom Krieg. Woher kommen solche inneren Bilder? Für seinen neuen Film hat er dazu recherchiert. In Lich spricht er über sein Werk.

Herr Heinzel, Ihr neuer Dokumentarfilm trägt den Titel "Der Krieg in mir". Welcher Krieg ist damit gemeint?

Ganz speziell geht es in meinem Film um die Frage, wie der Zweite Weltkrieg in der Generation der Kriegskinder und Kriegsenkel nachwirkt. Das lässt sich aber auch auf jeden anderen kriegerischen Konflikt übertragen. Ein Krieg hat immer Folgen über mehrere Generationen. Das will ich mit meinem Film und mit meinen Buch zeigen.

Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?

Es begann damit, dass ich anfing, selbst vom Krieg zu träumen. Ich habe mich gefragt, woher diese inneren Bilder kommen. Auf der Suche nach den Ursachen bin ich schnell bei der Geschichte meiner Großväter gelandet, die beide Soldaten waren. Durch die Bücher von Sabine Bode, die sich mit der Generation der Kriegskinder und auch der Kriegsenkel beschäftigen, habe ich erfahren, dass sich Traumata möglicherweise von einer Generation auf die nächste übertragen können.

Trauma-Übertragung: Können Sie erklären, wie das funktioniert?

Ich habe mich wissenschaftlich damit beschäftigt und für meinen Film unter anderem mit einer Epigenetikerin in Zürich gedreht. Sie hat bei ihren Studien an Mäusen festgestellt, dass Traumata genetisch übertragen werden können.

Woran sieht man das?

Man muss sich das so vorstellen, dass es auf der DNA Schalter gibt, die deaktiviert oder aktiviert werden können. Traumatische Erlebnisse wirken sich auf der Zellebene aus und können über die DNA übertragen werden. Bei Mäusen lässt sich das bis in die vierte, fünfte Generation nachweisen, diese Tiere zeigen andere Verhaltensmuster als ihre Artgenossen.

Gibt es auch Studien mit Menschen?

Es gibt Studien mit Soldaten, die in Afghanistan waren, die darauf hinweisen, dass sich auch in deren DNA Traumafolgen abbilden, die dann vermutlich an die nächste Generation weitergegeben werden. Man muss dazu sagen, dass es sich noch um ein sehr junges Forschungsfeld handelt. Es gibt aber auch psychologische Untersuchungen, die zu den gleichen Ergebnissen kommen.

Was schließen Sie daraus?

Dass die Vergangenheit uns oftmals viel stärker beeinflusst, als wir denken. Dass Verhaltensweisen in unserem heutigen Leben sich möglicherweise zurück führen lassen auf die Kriegserlebnisse unserer Eltern und Großeltern. Nehmen Sie mich als Beispiel. Als Filmemacher fahre ich schon seit 15 Jahren nach Weißrussland. Nun habe ich festgestellt, dass schon mein Großvater während des Kriegs in den gleichen abgelegenen Orten war. Ist das ein Zufall?

Ihre Großväter leben nicht mehr. Haben Sie vom Krieg gesprochen?

Mit meinem Großvater Fritz, dem Vater meiner Mutter, bin ich aufgewachsen. Er hat von seinen Kriegserlebnissen erzählt. Mein Großvater Hans aber hat geschwiegen.

Und Sie wollten nun genauer wissen, was er erlebt hat?

Genau. Es war einerseits ein persönliches Erkenntnisinteresse. Aber da ja praktisch jede Familie in Deutschland und auch in Europa auf irgendeine Art vom Zweiten Weltkrieg betroffen ist, war mir früh klar, dass ich meine Spurensuche weitergeben will. Sechs Jahre lang habe ich an dem Projekt gearbeitet, aus dem nun ein Kinofilm entstanden ist und ein Buch, in dem ich den Prozess dokumentiere, der mich meinem Großvater und auch meinem Vater näher gebracht hat.

Ihr Vater hat Sie begleitet?

Einmal bin ich alleine nach Weißrussland gereist und ein weiteres Mal mit meinem Vater an die Orte, an denen mein Großvater als Soldat war.

Wie hat Ihr Vater reagiert?

Er war eher zurückhaltend und stand meinem Projekt anfangs kritisch gegenüber. Das hat sich im Laufe der Dreharbeiten gewandelt, weil er festgestellt hat, dass er durch unsere Archivrecherchen und die Begegnungen mit Zeitzeugen mehr herausfinden konnte. Es gab in der Familie meines Vaters so eine Art Schweigen über diese Zeit. Ich war der Erste, der an diese alten Geschichten gerührt hat. Bei meinem Vater hat das letztlich dazu geführt, dass er sich mit der Geschichte seines Vaters versöhnen konnte.

Sie haben in Weißrussland niemanden gefunden, der persönlich mit ihrem Großvater zu tun hatte. Aber Sie haben Zeitzeugen getroffen, die den Vormarsch der deutschen Wehrmacht erlebt haben.

Genau.

Wie waren diese Begegnungen?

Sehr berührend und sehr erschütternd. Wir waren in den Dörfern, in denen mein Großvater als Soldat war. Dort leben noch Menschen, die den Krieg als Kinder erlebt haben. Wir sind überwiegend sehr herzlich empfangen worden. Wir haben aber auch einen alten Mann getroffen, der sehr verbittert war. Die Deutschen haben seine beiden Brüder erschossen. Das Trauma, das er erlebt hat, spürt man in seiner Familie noch sehr stark. Das Schreckliche, das damals dort passiert ist, hat uns sehr nachdenklich und teilweise auch sprachlos gemacht. Aber die Herzlichkeit, mit der wir dort empfangen wurde, hatte etwas Versöhnendes.

Ist das Ihr Anliegen? Versöhnung?

Ja, dass man Licht in die Vergangenheit bringt. Heute kann ich meinen Kindern mehr über ihre Urgroßeltern erzählen und so die Verbindung wieder herstellen, die durch das Schweigen in der Familie unterbrochen worden ist. Außerdem ist es mir eine Herzensangelegenheit, eine Brücke in den Osten zu bauen.

Warum?

Durch den Zweiten Weltkrieg sind ja Millionen Menschen auf beiden Seiten umgekommen. In Zeiten eines neuen kalten Krieges, wo es wieder Interessen gibt, den Konflikt mit Russland zu verschärfen, war es mir ein Anliegen zu zeigen, dass uns das kollektive Trauma des Zweiten Weltkriegs auch verbindet. Wir müssen in der Begegnung darauf hinarbeiten, dass sich so etwas nie wieder wiederholt. Ich habe schon viele Filme in Weißrussland gedreht und merke immer wieder, wie bereichernd es ist, dieses Fenster in den Osten zu öffnen.

Filmgespräch in Lich

- Welche Spuren hat die Kriegsgeneration in uns hinterlassen? Wie prägt sie uns bis heute? Mit diesen Fragen setzt sich Regisseur Sebastian Heinzel in seiner neuen Dokumentation "Der Krieg in mir" auseinander.

- Der Film ist am Sonntag, dem 26. Januar, in einer Matineevorstellung um 12 Uhr im Kino Traumstern in Lich zu sehen. Ein Filmgespräch mit dem Regisseur schließt sich an. Bundesweit kommt "Der Krieg in mir" am 5. März in die Kinos. Das gleichnamige Buch erscheint am 10. Februar.

- Mehr Informationen zu Film und Buch finden Sie im Internet unter www.derkrieginmir.de

Welche Spuren hat die Kriegsgeneration in uns hinterlassen? Wie prägt sie uns bis heute? Mit diesen Fragen setzt sich Regisseur Sebastian Heinzel in seiner neuen Dokumentation "Der Krieg in mir" auseinander. Der Film ist am kommenden Sonntag, dem 26. Januar, in einer Matineevorstellung um 12 Uhr im Kino Traumstern in Lich zu sehen. Ein Filmgespräch mit Regisseur Heinzel schließt sich an.

Bundesweit kommt "Der Krieg in mir" am 5. März in die Kinos. Das gleichnamige Buch erscheint am 10. Februar.

Mehr Informationen zu Film und Buch finden Sie im Internet unter www.derkrieginmir.de

FOTO: CHARLOTTE FISCHER

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