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Eine Dampflokomotive macht Halt am Bahnhof Hof- und Dorf-Güll.

Teile der Bahnstrecke Lich-Muschenheim sind im Petersee versunken

  • VonPatrick Dehnhardt
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Bis 27. Mai 1961 gab es eine Zugverbindung von Lich über Muschenheim nach Butzbach. Die Strecke wurde demontiert, Teile der Trasse liegen nun auf dem Grund eines Sees.

Fast taggenau 60 Jahre ist es her: Am 27. Mai 1961 fuhr der letzte Zug von Lich-Süd nach Butzbach. Kurze Zeit später wurde der Abschnitt zwischen der Bierstadt und Hof Güll abgebrochen.

Hätte Wilhelm Joutz diesen Moment miterlebt, er hätte vermutlich den Kopf geschüttelt. Als Butzbacher Bürgermeister hatte er sich einst für den Bau der Strecke eingesetzt. Da das Land abwinkte, wurde die Berliner Firma Lenz Betreiber. Am 22. März 1902 gab es die Konzession, ab April 1903 wurde gebaut und schon am 28. März 1904 fuhr der erste Zug auf der 19 Kilometer langen Strecke.

Im Zuge des Bahnbaus wurde bei Münzenberg ein Quarzitlager entdeckt. Zunächst sollte eine Fabrik zur Weiterverarbeitung vor Ort eingerichtet werden, die Fabrik wurde jedoch 1907 in Mainzlar gebaut.

»Es war die Stammstrecke der Butzbach-Licher Eisenbahn«, sagt Bahnexperte Jürgen Röhrig. Bereits bei der Planung der Trasse ging es vor allen Dingen um Güterverkehr. »Die Beförderung landwirtschaftlicher Produkte und Bodenschätze sowie die Standorte von Industriebetrieben lagen im Fokus und beeinflussten die Standorte der Bahnhöfe. Der Personenverkehr war zweitrangig.«

Einige Bahnhöfe - etwa der für Eberstadt oder Dorf-Güll - lagen weit abseits der Orte, die sie anbinden sollten. »Darum stiegen viele Fahrgäste bereits in den 1950er Jahren auf Auto und Motorrad um«, sagt Röhrig. Zudem war der Umstieg in die Züge nach Gießen und Hungen unkomfortabel, da es keine Bahnunterführung gab und die Fahrpläne nicht aufeinander abgestimmt waren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Übernahme durch die Deutsche Eisenbahngesellschaft florierte der Betrieb noch einmal kurzzeitig. Die Fahrtzeiten wurden verkürzt, es gab neue Triebwagen und Züge. Danach sanken die Nutzerzahlen stetig. Am 3. Oktober 1953 kam das Aus für die Strecke von Lich nach Grünberg. Auch für die Strecke von Lich nach Butzbach sah es da schon nicht gut aus.

Ein Sargnagel war der Zugunfall am 1. Juni 1954. Die »Freie Presse« berichtete: »Das Unglück ereignete sich kurz vor der Bahnunterführung an der Hauptverkehrsstraße Butzbach-Lich. Die Lokomotive stürzte vollkommen um, während der erste anhängende Personenwagen halb auf den Schienen und der Böschung hängen blieb. Die übrigen Wagen sind leicht ineinandergeschoben und kamen auf den zerstörten Gleisen zum Stehen.« Glück im Unglück: Die Fahrgäste kamen mit dem Schrecken davon, auch der Lokomotivführer und sein Heizer wurden nur leicht verletzt.

Experten vermuteten, dass der schlechte Gleisunterbau an dem Unfall seinen Anteil hatte. Nach dem Zugunfall entschied sich die Bahnverwaltung dafür, nur noch notwendige Oberbauschäden zu beseitigen, sagt Röhrig. Die Strecke sollte langfristig stillgelegt werden.

Alfred Sommer hat als Kind die Züge auf der Bahnstrecke noch rollen sehen. Besonders der Bahnhof Lich-Süd und der Bahnübergang bei der Brauerei waren für ihn und seinen Cousin spannend. Denn dort tat in einem kleinen Backsteinhaus, dass zwischen der Bahnstrecke Gießen-Gelnhausen und Lich-Butzbach stand, ein Schrankenwärter seinen Dienst. »Der musste immer vor das Häuschen treten und die Schranken herunterkurbeln, wenn ein Zug kam. Und das kam sehr oft vor«, erinnert sich Sommer.

In der Nähe des Bierkutscherdenkmals stand einst das Bahnhofsgebäude, auf dem ehemaligen Aldi-Areal war der Lokschuppen zu finden. Dort warteten die Loks auf ihren Einsatz.

Als das Aus für die Bahnstrecke kam, durften er und sein Cousin noch einmal mit der »Bimbelies« fahren - damals von Butzbach nach Lich. Besonders die Fahrt hinab von der Höhe bei Dorf-Güll ins Wetteral war nicht ohne. »Da ist der Triebwagen ganz langsam heruntergefahren, erst im Tal hat er wieder Fahrt aufgenommen.«

Am 27. Mai 1961 war Endstation. Der Abschnitt zwischen Lich und Hof-Güll wurde kurze Zeit später komplett demontiert, ein Teil der Strecke versank im Petersee. Güterzuge fuhren ab sofort nur noch von Butzbach aus nach Hof-Güll.

Vor allen Dingen Quarzsand aus Gambach und Rüben wurden nun von der Bahn transportiert. 1985 wurde zunächst im Juni der Bahnabschnitt Hof-Güll-Muschenheim-Trais aufgegeben, im September dann auch der Abschnitt von Münzenberg nach Trais. 1991 wurden das letzte Mal Zuckerrüben abtransportiert, 2003 Quarzsand.

Dank der Eisenbahnfreunde Wetterau sind aber noch immer Zugfahrten auf der Strecke von Bad Nauheim nach Münzenberg möglich - mit Glück zieht den Sonderzug eine echte Dampflok.

Mehr zur Eisenbahngeschichte in der Region gibt es im Buch »150 Jahre Oberhessische Eisenbahnen« von Jürgen Röhrig, es ist in der Bahnhofsbuchhandlung in Gießen sowie bei Thalia für 29,50 Euro erhältlich.

Der letzte Zug fährt am Bahnhof Lich-Süd ab, im Hintergrund die Brauerei.

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