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Johanna Kießling gemeinsam mit ihrer Freundin auf dem Roys Peak in Wanaka auf der Südinsel Neuseelands. Bald nachdem die beiden per Fähre auf die Nordinsel übergesetzt hatten, wurde der Lockdown verhängt. FOTOS: PM

Corona

Studentin aus Lich saß in Neuseeland fest

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Johanna Kießling ist eine der 10 000 Deutschen die im Rahmen einer großen Rückholaktion aus Neuseeland ausgeflogen wurden. Als der Lockdown verhängt wurde, war sie in einem Camper unterwegs.

An den Abend, bevor es endlich zurückging, kann sich Johanna Kießling noch genau erinnern. "Wir sind mit gepackten Koffern und einem komischen Gefühl ins Bett gegangen", sagt die Studentin aus Lich. Am nächsten Morgen kam dann der erlösende Anruf.

Kießling ist eine von 10 000 Deutschen, die in den vergangenen Wochen im Rahmen einer großen Rückholaktion der Bundesregierung aus Neuseeland ausgeflogen wurden. "Als morgens um acht das Telefon klingelte, hieß es, wir haben 45 Minuten Zeit, um zum Flughafen zu kommen. Also sind wir aufgesprungen, haben uns fertig gemacht und sind los."

Dass sie sich am Ende über eine denkbar kurzfristige Rückflug-Möglichkeit freuen würde, die zudem ihr Budget sprengte, hätte sich Kießling niemals vorstellen können als sie am Aschermittwoch gemeinsam mit einer Freundin zu ihrer Neuseeland-Rundreise aufbrach. Denn damals war die Welt noch eine andere und Corona hierzulande kaum ein Thema.

Fiebermessen in Singapur

Die ersten Auswirkungen des Virus spürten die jungen Frauen jedoch bereits in Singapur, wo sie einen Zwischenstopp einlegten. "Im Hotel wurde sofort Fieber gemessen. Und bevor auch nur ein Wort mit uns gesprochen wurde, wurde uns erst einmal der Desinfektionsspender hingehalten", sagt Kießling, die anschließend mit ihrer Begleitung nach Christchurch flog. Von dort aus erkundeten die jungen Frauen Neuseeland mit einem Camper - zunächst die Süd- und dann die Nordinsel.

Neuseeland vermeldete am 28. Februar zwar seinen ersten Infektionsfall, doch einschränkende Maßnahmen gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Etwa zwei Wochen nach Ankunft der Freundinnen veränderte sich die Lage: Ab dem 16. März mussten Neuankömmlinge zwei Wochen in Quarantäne, am 19. März wurden Einreisen komplett untersagt und auch der für den 2. April geplante Rückflug der beiden junge Frauen wurde Mitte März gestrichen. "Wir haben einige Tage später einen neuen Flug gebucht, der aber fünf Stunden später auch wieder gecancelt wurde", sagt Kießling. "Dann haben wir uns überlegt, dass es nichts bringt, noch einen dritten Flug zu buchen und abgewartet."

Da die Rückholaktion der Bundesregierung, für die sich die beiden bereits eingetragen hatten, zu diesem Zeitpunkt noch nicht für Neuseeland galt, versuchten sie, das Beste aus der Situation zu machen. "Auf die Campingplätze durfte man nur noch, wenn man vor einem bestimmten Stichtag Mitte März eingereist war", berichtet Kießling. "Wir konnten also zum Glück weiterhin überall hin und waren von den Einschränkungen noch kaum betroffen."

Nachdem die beiden mit der Fähre auf die Nordinsel gefahren waren, ging es dann jedoch Schlag auf Schlag: Auf Einschränkungen und Desinfektionsspender beim Einkaufen folgte am 25. März die Ausrufung des nationalen Notstands. Die Regierung teilte mit, dass Stufe drei des vierstufigen Covid-19-Warnsystems gelte und kündigte an, dass 48 Stunden später das höchste Level und damit der komplette Lockdown augerufen werden würde.

"Wir hatten große Probleme, für die Nacht einen Campingplatz zu finden, weil viele geschlossen haben", erzählt Kießling. Schließlich hätten sie jedoch einen gefunden, sogar direkt am Strand. "Wir wollten während des Lockdowns auf dem Campingplatz bleiben, aber am nächsten Tag wurden plötzlich die sanitären Anlagen geschlossen." Ihnen sei nichts anderes übriggeblieben, als sich ein Hotel zu suchen - nach den Campingplatz-Erfahrungen vorsorglich mit eigenem Bad und eigener Küche.

Dort mussten die Freundinnen dann ausharren - abgesehen von kurzen Spaziergängen zum Einkaufen. "Wir haben gekocht, Yoga gemacht, Mittagsschlaf gehalten, Filme geschaut und mit Zuhause geskypt, was jedoch wegen der Zeitverschiebung schwierig war", sagt Kießling. "Als Neuseeland auf der Liste für die Rückholaktion stand, haben wir uns erst super gefreut, aber dann erfahren, wie viele hier festsitzen."

Nachdem ein erstes Flugzeug Deutsche nach Hause gebracht hatte, wurde die Aktion von der neuseeländischen Regierung sogar zeitweise unterbunden und erst Anfang April fortgesetzt.

Schließlich gab es eine spezielle Warteliste für Menschen, die schnell am Flughafen sein können. "Obwohl wir nur eine Viertelstunde entfernt gewohnt haben, haben wir uns zunächst nicht eingetragen", erzählt Kießling. "Immer alles perfekt gepackt zu haben, erschien uns erst zu anstrengend. Aber als uns langsam die Decke auf den Kopf gefallen ist, haben wir uns eines nachmittags dann doch dazu entschieden und am nächsten Morgen kam eben der Anruf."

Am Flughafen erwarteten die Reisenden leere Hallen, Botschaftstische, an denen sie sich anmelden mussten und handgeschriebene Flugtickets, weil die Fluglinien nicht alle im System des Flughafens eingetragen waren. Doch insgesamt habe alles gut geklappt, sagt Kießling.

Zurück in Deutschland habe man einem Polizisten melden müssen, in welches Bundesland man wolle und dann einen Zettel mit den entsprechenden Quarantäneregeln erhalten. In Kießlings Fall bedeutete das: ohne Zwischenstop zur "Quarantäne-Endstation", beim Gesundheitsministerium melden und zwei Wochen Isolation zu Hause.

Pünktlich zu Ostern, am Morgen des Karfreitag, kam Kießling bei ihren Eltern an - acht Tage später als geplant, mit einigen Reiseeindrücken weniger als erhofft und mit höheren Kosten als zuvor kalkuliert. Wie teuer die Rückholaktion war, weiß sie noch nicht genau. "Es soll ungefähr so viel kosten wie ein Economy-Ticket, aber Flugpreise sind ja sehr unterschiedlich", sagt sie. "Und wenn man hört, dass Rückkehrer aus Peru 1000 Euro bezahlt haben, kann man davon ausgehen, dass es für Neuseeland-Rückkehrer noch teurer wird". Vermutlich werde der Rückholflug am Ende so viel kosten wie sie ursprünglich für Hin- und Rückreise einkalkuliert hat. Zudem sei das nicht eingeplante Hotel sehr teurer gewesen, und ob sie Geld für die beiden gecancelten Rückflüge erstattet bekomme, wisse sie auch noch nicht. Wahrscheinlicher seien Gutscheine.

Letztendlich ist Kießling jedoch vor allem erleichtert, zu Hause zu sein. Zuzusehen, wie immer mehr Menschen die erhoffte E-Mail bekommen hätten, sie selber jedoch nicht, sei kein schönes Gefühl gewesen. "Aber im Gegensatz zu vielen anderen Leuten", sagt sie, "hatten wir nie das Gefühl, dass wir vergessen worden wären. Wir wussten, es geht voran."

Die Rückholaktion

Die Rückholaktion der Bundesregierung im Zuge der Corona-Pandemie steht kurz vor dem Abschluss: Laut Auswärtigem Amt wurden in den vergangenen Wochen über 240 000 Deutsche mit 240 Sonderflügen aus 62 Ländern zurück nach Deutschland geholt. Dabei hat die deutsche Botschaft in Wellington (Neuseeland) mit ca. 10 000 Heimreisenden nach eigenen Angaben die größte Rückholaktion durchgeführt. Die letzten der 26 gecharterten Flugzeuge starteten dort am 13. und 14. April.

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