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Die Camerata Vocale Hessen unter Leitung von Christof Becker. (Foto: jou)

Streng konzipiertes Karfreitagskonzert in Marienstiftskirche

Lich – Einen passenderen Auftakt als Johann Kuhnaus A-cappella-Chorwerk "Tristis est anima mea" hätte die Camerata Vocale Hessen unter Leitung von Christof Becker für das Konzert zur Andachtsstunde am Karfreitag in der Marienstiftskirche kaum finden können.

"Meine Seele ist betrübt bis an den Tod. Bleibt hier und wacht mit mir" heißt es in den eindringlichen Jesusworten. Die Camerata verlieh der Motette ruhige Besinnlichkeit, erzeugte sanft geschwungene musikalische Bögen. Wie nuanciert im Ausdruck, dabei stets klar und deutlich der Chor sang, berührte auch in Christóbal de Morales" Komposition "O sacrum convivium". Archaischer Zauber erfüllte hier das Gotteshaus – bis hin zum fließenden Ausklang. Für ansprechende instrumentale Farbtupfer sorgte das Posaunenquartett mit Kurt Förster, Thomas Lischka, Norlin Hahn und Alexander Schmidt-Ries in der Kanzone von Samuel Scheidt.

Das Ensemble spielte mit warmem, weiträumigem Klangbild, durchweg dynamisch fein abgestuft und harmonisch aufeinander abgestimmt. Kaum entziehen konnte man sich der emotionalen Reinheit in Heinrich Schütz’ Passionsmotette "Quid commisisti".

"Sieben letzte Worte"

Das Programm folgte einer strengen Konzeption: Werke gleicher Gattung waren jeweils achsensymmetrisch um Enjott Schneiders Komposition "Sieben letzte Worte Jesu" als Dreh- und Angelpunkt angeordnet. Einen ähnlichen Weg beschritt Becker bereits ein Jahr zuvor bei einem Duokonzert an selber Stelle. Der Aufbau erwies sich als abwechslungsreich, so stellte der Kantor der lateinischen die deutschsprachige Motette "Ehre sei dir Christe"von Schütz gegenüber, bei der die Camerata die Melodielinien wieder schön aussang. Organistin Katrin Anja Krauße spielte auf der großen Orgel die Choralbearbeitung "O Lamm Gottes, unschuldig" von Johann Sebastian Bach religiös inspiriert, mit behutsamer Tempogestaltung. Dazu korrespondierte vorzüglich dessen Choral "Christe, du Lamm Gottes", bei dem der Chor reizvoll von der Orgel und dem Englischhorn untermalt wurde, dem Peter Sanders immer neue Facetten entlockte.

Bewusst wurde mit den 2013 in Nürnberg uraufgeführten "Sieben letzten Worten" in der Vertonung von Schneider ein aktuelles Chorwerk ins Zentrum gerückt. Im Prolog entfaltete sich eine elegische Englischhornmelodie über der schillernden Orgel- und Schlagwerkbegleitung, die Krauße und Pierre Reinhardt lieferten. Von großer Expressivität war das erste Wort; die dynamisch lebhafte, assoziationsreiche Tonsprache erinnerte an Filmmusik – tatsächlich nimmt dieses Genre eine wichtige Rolle im Schaffen des Komponisten ein.

Die effektvolle Instrumentierung mit intimer Englischhornmelodie, sonoren Posaunenstimmen und farbigem Schlagwerk kam auch im zweiten Wort wirksam zur Geltung. Insgesamt widmeten sich Chor und Instrumentalisten dem gemäßigt modernen Werk recht hingebungsvoll; die Orgel und Posaunen ersetzten geradewegs ein Orchester. Gebannt lauschten die Besucher etwa dem dramatischen vierten Satz. Der spiegelbildliche, kreisartige Aufbau des hörenswerten Konzerts schloss sich mit einer Sonata für Posaunenensemble von Daniel Speer sowie Vokalkompositionen von Andrea Gabrieli und Francis Poulenc. Sascha Jouini

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