Sven Görtz und Anka Hirsch gestalten die Gedenkveranstaltung im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge. FOTO: USW
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Sven Görtz und Anka Hirsch gestalten die Gedenkveranstaltung im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge. FOTO: USW

Stille im Raum

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Lich(usw). Trotz der Einschränkungen allenthalben lässt sich die Kultur nicht entmutigen. Am Donnerstag fand daher im Rahmen der Reihe zum 9. November 1938 im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge eine Lesung mit Rezitator Sven Görtz statt. Er las aus Texten von Else Lasker-Schüler, Heinrich Heine und Hilda Stern Cohen; am Cello setzte Anka Hirsch prägnante Akzente. Publikum war nicht anwesend, stattdessen wurde der hochwertige Abend live ins Internet übertragen.

Eine Aufzeichnung wird kommende Woche gratis auf der Webseite der Kreisvolkshochschule verfügbar sein.

Die Bezalel-Synagoge war leer bis auf die Künstler und das Videoteam Dennis Körber und Markus Bender. VHS-Leiter Torsten Denker eröffnete mit einem Zitat von Carl Jaspers: "Was geschah, ist eine Warnung, sie zu vergessen ist Schuld." Landrätin Anita Schneider würdigte die bemerkenswerte Veranstaltung mit einem Grußwort.

Schneider lobte die Veranstalter der Reihe dafür, "dass wir durch solche Veranstaltungen gemeinsame Momente bekommen, die uns beim Erinnern unterstützen und Wissen vermitteln." Sie mahnte, einander "mit Respekt zu begegnen, unabhängig von Herkunft und Religion."

Den ersten künstlerischen Akzent setzte Cellistin Hirsch mit "Dark light" mit sanfter Dynamik und angemessen melancholischer Akzentuierung, später musizierte sie dramatischer, immer sehr vielseitig.

Rezitator Görtz begann mit Texten der jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler (1869-1945). Sie emigrierte 1933 in die Schweiz und ging später nach Palästina. "Sie zählt heute zu den bedeutendsten Vertreterinnen der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur," sagte er. Sie schuf neben Texten auch Zeichnungen. Görtz las einen Auszug aus "Weltende": "Es ist ein Weinen in der Welt, als ob der liebe Gott gestorben wär, der bleierne Schatten, der niederfällt, lastet gerade schwer." Und: "Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, an der wir sterben müssen."

Melancholisch und kraftvoll

Er sprach ohne verstärkende Technik, das Mikrofon nahm ihn nur für das Video auf. So war er im Saal tatsächlich schwer zu verstehen, ein ganz ungewohntes Erlebnis für die vier Zuhörer. Dadurch fiel die Stille im Raum besonders intensiv aus, leicht eingeschränkt nur durch leises Surren der Ventilatoren und das Geräusch einer Fotokamera, was man unter normalen Umständen gar nicht bemerkt.

Görtz fuhr fort mit vier Texten von Heinrich Heine (1797-1856), der ebenfalls antisemitischen Vorbehalten ausgesetzt war. Görtz fand mit leicht ironischem Ton sehr gut die Stimmung in Heines Texten. In "Erinnerungen aus Krähwinkels Schreckenstagen" traf er heiter, aber bestimmt ins Herz des Bürgertums, ein Höhepunkt. Großartig sprach Görtz auch die "Nachtgedanken" ("Denk ich an Deutschland in der Nacht"). Tröstlich war da das "französisch heitere Tageslicht," das die "deutschen Sorgen "fortlächelte". Bei aller Melancholie ein reines Hörvergnügen.

Vergleichbar Kraftvolles erlebte der Zuhörer auch bei den Texten Hilda Stern Cohns (1924-1997), die in Nieder-Ohmen geboren wurde. Sie erinnerte sich unter anderem an den "gedruckten Unrat geifernder Pamphlete" und fasste ihre Lebensumstände in starke, überzeugende Worte ("Hungerlied"); ihr Ehemann fand ihre Texte erst in ihrem Nachlass.

Insgesamt eine literarisch ebenso aufrüttelnde wie niveauvolle Veranstaltung, die in ihrer neuen Form den Umständen trotzte.

Eine geschnittene, aber nicht gekürzte Fassung steht im Lauf der kommenden Woche über einen Link auf der Webseite der Kreis-VHS zur Verfügung. Der Link zur Aufzeichnung steht dann im Internet: www.vhs-kreis-giessen.de.

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