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"Betreutes Wohnen am Breuerbergsweiher": Darunter haben sich einige Senioren, die in die Mehrfamilienhäuser am Rande von Lich eingezogen sind, mehr versprochen. Der Investor hingegen sieht seine vertraglichen Verpflichtungen erfüllt.

Neubau

Lich: Senioren sind von Betreutem Wohnen enttäuscht

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Betreutes Wohnen: Von diesem Schlagwort fühlten sich Senioren angesprochen, als sie in Lich investierten. Ihre Erwartungen wurden enttäuscht.

Sie wollen nicht ins Altenheim. Sie wollen so lange wie möglich selbstständig leben. Das Angebot am Stadtrand von Lich kam ihnen da wie gerufen: Betreutes Wohnen in begehrter Lage und mit guter Infrastruktur. Doch die Hoffnungen einiger Senioren, die in die beiden Mehrfamilienhäuser Am Breuerbergsweiher eingezogen sind, haben sich nicht erfüllt. Sie klagen nicht nur über Baumängel, die ihnen das Leben schwer machen. Sie haben sich auch unter Betreutem Wohnen etwas anderes vorgestellt. Die Fischer&Schmandt Unternehmensgruppe hält dagegen: Die Verpflichtungen aus dem Kaufvertrag habe man eingehalten.

Senioren als Zielgruppe

Dort, wo früher das hölzerne Gerippe einer alten Feldscheune das Bild an der Kirchhofsgasse prägte, fiel im März 2017 der Startschuss für den Bau zweier Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 36 Wohnungen. Bei der Vermarktung sprachen die Investoren alle Altersgruppen an, richteten aber einen besonderen Fokus auf Senioren. Schon im Kurzexposé war ausdrücklich von "Betreutem Wohnen" die Rede. Nicht nur die Barrierefreiheit wurde herausgestellt, sondern auch die Nähe zum benachbarten Pflegeheim, das damals noch in Planung war und mittlerweile seinen Betrieb aufgenommen hat. Dessen Service, so sagte Investor Jörg Fischer vor gut zwei Jahren beim ersten Spatenstich, könne auch von den Nachbarn in Anspruch genommen werden. Als Beispiele nannte er das Bistro, den Wäscheservice und kleinere Pflegeleistungen. Letzteres hat sich als falsch erwiesen. Zwar können die Bewohner der Mehrfamilienhäuser das Essensangebot, den Wäsche- oder den Hausmeisterservice nutzen, mehr aber nicht. "Pflegeleistungen aller Art lässt unser Versorgungsvertrag mit den Pflegekassen nicht zu", teilt Mathias Neumayer, Geschäftsführender Gesellschafter der MENetatis GmbH, die das Heim betreibt, auf Anfrage mit. Absprachen oder Vereinbarungen mit dem Verkäufer der benachbarten Wohnungen habe es nicht gegeben, man habe lediglich einen Info-Flyer zur Verfügung gestellt. Neumayer weist zudem darauf hin, dass der Begriff "Betreutes Wohnen" rechtlich nicht geschützt ist. Die Fischer & Schmandt Unternehmensgruppe weist ihrerseits darauf hin, dass man besagten Flyer interessierten Erwerbern zur Verfügung gestellt habe. Unter "Betreutem Wohnen" in Zusammenhang mit dem Objekt Breuerbergsweiher sei zu verstehen, "was inhaltlich in der notariell beurkundeten Baubeschreibung niedergelegt und den Käufern gegenüber kommuniziert wurde."

Schwellen zum Balkon

Die Eigentümer der Wohnungen in Lich sagen selbst, dass die Serviceleistungen, die bei der Vermarktung in Aussicht gestellt wurden, nicht Bestandteil des Kaufvertrags sind. Dennoch hat ein Teil der Käufer inzwischen anwaltliche Beratung in Anspruch genommen. Bei einer gemeinsamen Begehung durch Eigentümer, Bauträger und zwei Sachverständige wurden 64 Restleistungen und 15 Mängel aufgelistet. Einige davon machen älteren Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind, das Leben schwer. Obwohl die Wohnungen, mit Ausnahme des Staffelgeschosses, als "schwellenfrei" und "ohne Stolperfallen" beschrieben wurden, monieren die Bewohner teilweise bis zu sieben Zentimeter hohe Schwellen, die zwischen Wohnung und Balkon zu überwinden sind. Auch mit der Tiefgarage hadern die Nutzer. Die Stellflächen seien so eng bemessen, dass man kaum ein- und aussteigen könne, schon gar nicht, wenn man noch einen Rollator dabei hat. Und wer mit Gehhilfe durch den Eingang oder in die Waschküche möchte, hat ebenfalls Probleme. "Die Türen sind so schwer, dass ich mich umdrehen und sie mit dem Rücken aufstoßen muss", berichtet eine Bewohnerin. "Und dann fallen sie sofort wieder zu." Enttäuscht sind die Senioren auch von der Gestaltung des Außengeländes. Exposé und Freiflächenplan ließen ein grünes Fleckchen mit großkronigen Laubbäumen und Gehölzen erwarten. Bäume und Büsche wurden auch gepflanzt. Nur grün ist da nichts, denn die Fläche wurde nicht eingesät, sondern mit grobem Rindenmulch aufgeschüttet. Doch der Bauträger sieht kein Versäumnis: Eine "Begegnungsstätte" zwischen beiden Gebäuden sei nicht Gegenstand der vertraglichen Vereinbarungen, der Baugenehmigung und der Plänen die den Käufern zum Vertragsabschluss vorlagen, teilt die Fischer & Schmandt Unternehmensgruppe auf Anfrage dieser Zeitung mit.

Investor: Mängel abgearbeitet

Auch die anderen Beschwerden halten die Investoren zum jetzigen Zeitpunkt für nicht gerechtfertigt. Die bei der Schlussabnahme Anfang April festgestellten Restarbeiten und Mängel seien zwischenzeitlich bis auf einige unwesentliche Punkte abgearbeitet. Auch in Sachen Barrierefreiheit sieht man sich nicht in Zugzwang. Es gebe einen für Rollstuhlfahrer geeigneten Aufzug, die Wohnungen seien ohne Stufen und Stolperfallen, mit breiten Türöffnungen, rutschfesten Böden und bodengleichen Duschen geplant. "Die Bauausführung entspricht der vorliegenden Ausstattungsbeschreibung unter Berücksichtigung der bautechnischen Regelwerke. Für die Ausführung gelten die anerkannten Regeln der Technik zum Zeitpunkt der Baugenehmigung," heißt es in der Erklärung. Der Obertürschließer der Eingangstüranlage sei bereits gegen ein leichtgängiges Modell ausgetauscht worden. Die Waschküche im Keller sei eine optionale Zusatzleistung, da jede Wohnung über eigene Anschlüsse für Waschmaschine und Trockner verfüge. Und was die Hindernisse am Übergang zu Balkonen oder Terrassen angeht: Die seien konstruktionsbedingt erforderlich. "Wir haben einzelnen Käufern angeboten Rampen auszubilden, um diese Schwellen überwinden zu können. Hierzu steht die Rückmeldung der Käufer noch aus", schreiben die Investoren..

Schließlich noch die Tiefgarage: "Die tatsächlichen Abmessungen der Parkplätze haben sich gegenüber den vermaßten Plänen aus der Baugenehmigung und dem Kaufvertrag nicht geändert", schreiben die Investoren. In diesen Plänen seien "insgesamt vier Behindertenparkplätze mit verbreiteter Stellfläche ausgewiesen, die auch entsprechend vorhanden sind."

Doch bei den betagten Bewohnern bleibt der Eindruck, dass ihnen mehr versprochen wurde als am Ende gehalten. "Seniorenwohnen Am Breuerbergsweiher Lich GmbH & Co KG": So hieß die Gesellschaft, mit der die Käufer ihre Verträge abgeschlossen haben. "Wir wollten sicher sein, dass wir nicht im Altenheim landen", sagt einer von ihnen.

Was ist Betreutes Wohnen?

Der Begriff Betreutes Wohnen ist nicht geschützt. Andrea Kramer von der Beratungs - und Koordinierungsstelle für ältere Menschen in Stadt und Landkreis Gießen (BeKo) findet ihn irreführend. "Auf dem Markt wird damit derzeit sehr gelockt. Wir sagen dann immer Vorsicht, Vorsicht, Vorsicht." Wer sich für Betreutes Wohnen interessiere, sollte sich überlegen, was konkret gewünscht ist. Die Fachfrau rät, das Angebot genau zu überprüfen, eventuell auch mit Unterstützung der Verbraucherzentrale.

Anders als stationäre Angebote unterliege Betreutes Wohnen nicht der Kontrolle durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen und die Heimaufsicht. Ein TÜV-Siegel "Betreutes Wohnen" wie im Saarland und Rheinland-Pfalz kenne man in Hessen nicht, erläutert Kramer.

Einheitliche Qualitätsstandards könne man bei Wohnanlagen voraussetzen, die nach der DIN 77800 "Betreutes Wohnen" zertifiziert sind. Zu den Anforderungen gehören dann u.a. ein getrennter Miet- und Servicevertrag, Barrierefreiheit, Qualitäts- und Beschwerdemanagement sowie eine genaue Auflistung der Kosten.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen e.V. hat eine Checkliste für Betreutes Wohnen zusammengestellt, die man auf Homepage der Beko findet: www.beko-giessen.de/seniorenwohnungen

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