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Lederjacke und Kopftuch: Sarah Emamzahi weiß, was sie kann und was sie will.

Zum Frauentag

Sarah (18) aus Afghanistan meistert ihr Leben in Lich

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Sarah stammt aus Afghanistan. Seit gut fünf Jahren lebt die 18-Jährige in Deutschland. Das Leben hat ihr nichts geschenkt. Doch sie ist fest entschlossen, es in die eigene Hand zu nehmen

Sarah stammt aus Afghanistan. Der Alltag dort ist voller Gefahren, ganz besonders für Mädchen und Frauen. Seit gut fünf Jahren lebt die 18-Jährige in Deutschland. Das Leben hat ihr nichts geschenkt. Doch sie ist fest entschlossen, es in die eigene Hand zu nehmen. Manchmal denkt Sarah darüber nach, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie in Afghanistan geblieben wäre. »Vielleicht wäre ich schon verheiratet«, sagt sie.

Eine leidvolle Kindheit

Es ist anders gekommen. Seit fünf Jahren lebt die 18-Jährige in Deutschland. Sie absolviert in Lich eine Ausbildung in der Krankenpflege, hat ein Zimmer im Personalwohnheim und möchte den Führerschein machen. Das ist die Gegenwart. Die Vergangenheit sah anders aus. Da hat Sarah Emamzahi Gewalt erlebt, Not und große Unsicherheit. Sie musste früh Verantwortung tragen. Sie spricht darüber reflektiert und selbstbewusst. »Ich habe keine Kindheit gehabt wie andere«, sagt sie. »Ich musste die Aufgaben von Erwachsenen übernehmen.«

»Entweder Taliban oder tot«

Sarah ist in Afghanistan geboren, als fünfte von elf Geschwistern. Sicherheit hat sie nie kennen gelernt. In ihrer Heimat, der Provinz Baghlan, kämpfen die Taliban. »Entweder Taliban oder tot«, so umschreibt sie die Lage. Gewalt sei allgegenwärtig. Auch einer ihrer älteren Brüder sei vor den Augen der Familie umgebracht worden. Als vor gut fünf Jahren die Nachricht von den offenen Grenzen die Runde machte, entschloss sich auch Sarahs Vater, mit Frau und Kindern ins Ungewisse aufzubrechen.

Gefahrvoller Schulweg

Einen normalen Kinderalltag hatte seine damals 13 Jahre alte Tochter zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr. Als Zehnjährige, nach der dritten Klasse, hatte sie die Schule verlassen müssen, gegen ihren Willen und den ihrer Lehrer. Aber die Eltern hatten es so entschieden. Sie wollten ihre Tochter den Gefahren des Schulwegs nicht mehr aussetzen. »Kinder wurden entführt und als Mädchen hat man es noch einmal schwerer. Man wird überall belästigt«, erinnert sich Sarah.

»Lieber Analphabetin, dafür aber gesund«, sei damals die Devise ihrer Eltern gewesen. Es sollte vier Jahren dauern, bis die wissbegierige Schülerin wieder in einem Klassenraum sitzen durfte. Auch nach der Ankunft in Deutschland war an einen geregelten Schulbesuch zunächst nicht zu denken.

Zuhause auf Zeit in Oppenrod

Von der Flucht zu Beginn des Jahres 2016 erzählt Sarah nicht viel. Einen Monat habe die Familie damals von Afghanistan bis nach Deutschland gebraucht. »Wir konnten uns nicht vorstellen, dass wir jemals gesund ankommen.« Aber die Eltern, Sarah, sechs jüngere Geschwister und ein älterer Bruder mit Frau und Kind schafften es bis nach Hessen. Camps in Fulda und Stadtallendorf waren die erste Zuflucht, später ein Container in Oppenrod, in dem sich die Familie die einzige Toilette mit zehn fremden Männern teilen musste. Ein schwieriges Umfeld für junge Mädchen.

Tragende Säule der Familie

In dieser Phase ihres Lebens wurde die blitzgescheite Jugendliche zur tragenden Säule ihrer Familie. »Ich war die Älteste. Ich war bereit, alles zu machen. Und ich war die erste, die Deutsch konnte«, blickt sie zurück. Heute spricht sie die Sprache schnell und fließend, mit leichtem Akzent und ein paar hessischen Einsprengseln. Damals übersetzte sie mit Hilfe von Büchern und Handy für Eltern und Geschwister.

Realschulabschluss-Note: 2,6

Die Situation besserte sich, als die Familie nach Birklar und später nach Lich zog. Im Februar 2017 konnte Sarah wieder zur Schule gehen. An der Dietrich-Bonhoeffer-Schule besuchte sie zunächst eine Integrationsklassen und ab dem zweiten Halbjahr der 9. Klasse den Regelunterricht. Im Sommer 2020, nach zusammengerechnet nur sechsjähriger Schulzeit, schaffte sie den Realschulabschluss mit einer Gesamtnote von 2,6. Besonders stolz ist sie auf ihre 2 in Deutsch. »Das hatte niemand von mir erwartet.«

Ausbildung in Asklepios-Klinik

Dass ihr Weg in die Krankenpflege führen würde, wusste sie zu diesem Zeitpunkt bereits. Nach einem einwöchigen Praktikum an der Asklepios-Klinik war ihr schon einige Monate zuvor ein Ausbildungsplatz in Aussicht gestellt worden. In ihrem Beruf fühlt sie sich wohl. »Die Menschen kommen krank und gehen gesund nach Hause. Das gefällt mir.«

Kopftuch gehört für sie dazu

An eine Rückkehr nach Afghanistan denkt Sarah nicht. »Wir hören nur schlechte Nachrichten aus Baghlan.« Zwei Cousins seien getötet worden. In Deutschland dagegen fühlt sie sich sicher. »Ich kann mich frei bewegen. Und meine Eltern müssen sich keine Sorgen um mich machen. Ich bin froh, dass ich hier bin.« Aber zu ihrer Herkunft steht sie. Am Kopftuch, das sie von kleinauf trägt, hält sie fest, auch wenn es ihr zuweilen von Fremden auf der Straße ausländerfeindliche Sprüche einträgt. Die Nachfragen von Bekannten dagegen seien eher interessiert, berichtet die junge Frau. Sie sagt dann, was sie auch gegenüber der Zeitungsreporterin äußert. »Es ist kein Zwang. Nicht durch die Religion, nicht durch Familie. Ich trage das Kopftuch, weil ich es möchte.«

Aussichtsreiche Perspektive

Von ihrer Zukunft hat die 18-Jährige feste Vorstellungen. Sie möchte ihre Ausbildung abschließen und einige Jahre in ihrem Beruf arbeiten. Aber stehen bleiben will sie nicht. Vielleicht Abitur? Mal sehen. Auch Weiterbildung zieht sie in Betracht. »Der medizinische Bereich bietet so viele Möglichkeiten.«

So viele Möglichkeiten... - Sarahs Mutter hatte die nicht. Die 48-Jährige hat ihre Tochter zum Gespräch begleitet und aufmerksam zugehört. Sie spreche wenig, verstehe aber eine ganze Menge und komme im Alltag zurecht, berichtet Sarah. Und dann übersetzt sie, was die Mutter sich für ihre Tochter erhofft: »Dass sie erfolgreich ist und alles erreicht, was sie sich wünscht.«

Internationaler Frauentag

Der Internationale Frauentag wird seit 1921 jeweils am 8. März begangen. In zahlreichen Ländern gilt er als Feiertag. Seine Ursprünge liegen noch in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg im Kampf um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen. 1975 wählten die Vereinten Nationen den 8. März zum »Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden«. Unter dem Motto »Frauenrechte sind Menschenrechte« gibt es am heutigen Montag ab 13 Uhr in der Innenstadt von Gießen eine Mahnwache und verschiedene Infostände. Außerdem ist unter den gegebenen Hygienebedingungen eine Demonstration geplant, die um 17.30 Uhr am Berliner Platz starten soll. Motto: Basta! Befreiung erkämpfen.

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