Aus "draußen nur Kännchen" wurde "nur draußen": Restaurants können Speisen derzeit nur zum Abholen oder als Lieferdienst anbieten.		SYMBOLFOTO: DPA
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Aus »draußen nur Kännchen« wurde »nur draußen«: Restaurants können Speisen derzeit nur zum Abholen oder als Lieferdienst anbieten. SYMBOLFOTO: DPA

Lockdown seit 2. November

Lich: Restaurants seit 90 Tagen zu - „Vor Ende März wird sich nichts ändern“

  • vonPatrick Dehnhardt
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Von Abhol- und Lieferservice allein werden die meisten Restaurants auf Dauer nicht überleben können.

Für die momentane Situation findet Stefan Herzog nur drei Worte: »Es ist deprimierend«, sagt er. Herzog ist Vorsitzender des Kreisverbandes Gießen/Gleiberger Land des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA), seiner Branche geht es miserabel.

Lich: Restaurants und Angestellten fehlt es an Arbeit

Seit 2. November sind Hotels und Restaurants geschlossen, Letztere können sich nur mit einem Abhol- und Lieferservice durchschlagen. Dabei freue man sich über die treuen Stammkunden, die auch in Krisenzeiten nun bei einem Essen bestellen, erklärt Markus Müller vom Arnsburger »Landhaus Klosterwald«. »Wir haben aber einen Betrieb mit 40 Angestellten. Da ist das nur ein Bruchteil des normalen Geschäfts.«

Zudem vermisst das Personal die Zeiten, in denen es den Gästen liebevoll hergerichtete Teller servieren konnte. »Kein Koch richtet gerne auf Abholschalen an«, sagt Müller. »Es hat auch etwas mit Kunst zu tun.« Doch derzeit sind die Erfolgserlebnisse rar gesät. Sonst habe man sich gefreut, wenn eine Firmen- oder Familienfeier gelungen war und es positive Rückmeldungen gab, erzählt Müler. Nun fehle es an Arbeit.

Lich: Planen in Sechs-Wochen-Schritten

Dass sich zum 14. Februar etwas ändern wird, damit rechnet DEHOGA-Mann Herzog nicht: »Ein vernünftiger Mensch schaut derzeit nicht in 14-Tages-, sondern in Sechs-Wochen-Schritten.« Er glaubt nicht, dass sich die Lage vor Ende März entspannt. Auch Müller rechnet damit, dass es erst rund um Ostern wieder losgehen kann. »Wir waren die Ersten, die zumachen durften, und werden wohl die Letzten sein, die aufmachen«, befürchtet er.

Gleichzeitig spricht er sich dafür aus, nicht zu früh den Lockdown zu beenden. »Man sollte lieber jetzt zulassen, als dann zu Hochzeiten wieder schließen zu müssen.« Mit Hochzeiten meint er das Ostergeschäft, ein Hoffnungsschimmer nach dem ausgefallenen Weihnachts- und Silvestergeschäft. »Wenn es im April wieder losgehen sollte, haben wir fünf Monate am Stück verpasst - plus die zwölf Wochen letztes Frühjahr. Noch ein Frühjahr ohne Ostergeschäft, Feiertage und Konfirmationen wird kaum ein Gastronomiebetrieb ertragen können.«

Lich: Politik muss Perspektiven liefern

Der Licher wünscht sich vor allen Dingen, dass man eine langfristige Planungsperspektive bekommt, die Branche darüber mit der Politik spricht und die Wirte sich auf den Neustart vorbereiten können:. »Einen Gastronomiebetrieb kann man nicht auf- und zumachen wie ein Garagentor.«

Zur Planungssicherheit sollten auch die Novemberhilfen beitragen. Bei diesem Thema schüttelt Kreisverbandsvorsitzender Herzog nur den Kopf - vor allem, da die Gelder im November nicht kamen. Stattdessen müsse man, nur um diese zu beantragen, mehrere Stunden beim Steuerberater einkalkulieren. »Dann sind wieder 400 Euro weg.« Dass die angekündigte Soforthilfe erst Monate später auf den Konten der Gastwirte eintrifft, ärgert ihn: »Das es so schleppend kommt, ist typisch deutsch.«

Lich: Restaurant-Pächter in Existenznot

Viele Pächter seien in Not, sagt Herzog. Einige Vermieter wollen nicht, andere können nicht die Zahlungen stunden. Stundungen könnten zudem dazu führen, dass man einen riesigen Schuldenberg anhäuft, der einem früher oder später das Genick bricht. In manchen Lagen seien die Mietpreise bereits vor der Krise vollkommen überzogen gewesen und ließen sich nun allein mit Abholservicen nicht erwirtschaften. »Es wird eine Marktbereinigung geben«, ist sich der Kreisvorsitzende sicher.

Doch nicht nur auf die Restaurants, Hotels und das dazugehörige Personal hat der Lockdown Auswirkungen. Die Schließungen ziehen wirtschaftliche Kreise: Aufträge für Wäschereien, Zulieferer und Erzeuger sind weggefallen. »Es fehlen Abnehmer für die Ernte«, sagt Herzog. »Da wird vieles als Büchsengemüse enden.« Zudem würden Vermieter kaum in Modernisierungen investieren, wenn unklar ist, wann die Miete wieder reinkommt und ob das Restaurant eine Zukunft hat.

Bei den Betrieben, die im Eigentum aktiv sind, sehe die Lage ein wenig entspannter aus, sagt Herzog. »Es ist sicherlich ein Vorteil«, bestätigt auch Müller. Beim »Klosterwald« hat man die vergangenen Wochen genutzt, um den Festsaal umzugestalten. Nun geht es daran, die Terrasse zu erweitern - denn diese erwies sich beim Besucheransturm im Sommer 2020 als viel zu klein. Zudem geht Müller davon aus, dass die Abstandsregeln die Branche noch lange begleiten werden, es auch in Zukunft einen deutlich größeren Platzbedarf geben wird: »Ein-Raum-Gastronomen werden Schwierigkeiten haben.«

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