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Plötzlich einen Säugling im Arm

Lich (nab). Als 15-jährige Schülerin war sie schon zwölf Monate lang in Venezuela/Südamerika. Mit 18 Jahren wollte sie nach Vorderasien – seit vier Monaten ist Katharina Klassen aus Lich nun in Georgien.

"Egal wohin man geht: die Sprache ist nebensächlich, weil man soviel anderes und so viel über sich selbst lernt", hat die 18-Jährige, erzählt, als die Gießener Allgemeine Zeitung die Weltenbummlerin, deren Mutter aus Russland und deren Vater aus Kasachstan kommt, Mitte Juli zum Gespräch traf. Was sie in den vergangenen vier Monaten in der mehr als einen Million Einwohner zählenden Hauptstadt Tiflis erlebt hat, wo sie in einer Tagesstätte für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen arbeiten wollte, und wie sie Weihnachten und Silvester feiert, schilderte sie uns nun.

"Gamardschoba"! So sagt man "Hallo" auf Georgisch. Das ist die Sprache, die ich hier in Georgien lerne. Seit dem 1. September mache ich einen "weltwärts"-Freiwilligendienst in dem kleinen Land am Schwarzen Meer zwischen Russland und der Türkei. Die Sprache scheint kompliziert, aber wenn man erstmal die 33 Buchstaben lesen und aussprechen kann, ist die Grammatik auch nicht mehr so schwer.

Ich würde sagen, dass ich schon gut Small Talk führen kann. Und das Wichtigste überhaupt: Die Karte im Restaurant lesen und Essen bestellen. "Sulgunis Chinkali" ist mein Lieblingsessen, das bei keinem Restaurantbesuch fehlen darf. Überhaupt ist auf georgische Art im Restaurant zu essen so eine Sache. Diese möchte ich mir aber nie mehr abgewöhnen. Es bestellt sich nämlich nicht jeder einfach ein Gericht, das er essen will, sondern es wird viel zu viel bestellt. Jeder nimmt sich dann einfach, was er essen möchte. Meistens wird dabei dann hausgemachter Wein getrunken, der auch nicht pro Glas bestellt wird, sondern in Krügen kommt.

Das Glas darf niemals leer sein! Und es wird immer auf etwas angestoßen. Weintrinken ist etwas Besonderes in Georgien. In Deutschland habe ich kaum Wein getrunken, wenn dann nur Weißwein, aber hier kann man nicht darauf verzichten. Meisten bleibt es auch nicht bei einem Glas. Es wird beim Essen getrunken und es gibt in der Gruppe immer einen "Tamada" der sagt, worauf angestoßen wird. Ich durfte auch schon mal Tamada sein und mittlerweile habe ich den Dreh raus, denn da gibt es bestimmte Regeln: Es ist beispielsweise wichtig, auf einzelne Personen anzustoßen oder auf den Gastgeber und "madloba" (Danke) zu sagen. Es muss von Herzen kommen, brachte man mir bei: "Du stoßt erst auf jemanden an und sagst, warum er eine tolle Person ist, und dann fällt dir eine Geschichte mit dieser Person ein." 

Auch die Gastfreundschaft finde ich ist etwas ganz Besonderes, was Georgien auszeichnet. Gastfreundschaft steht über allem und Georgier sind so unglaublich freundlich. Daran gewöhnt man sich schnell. Es sind Kleinigkeiten, bei denen einfach auf die Mitmenschen geachtet wird. Zum Beispiel, dass man in der Metro für Alte und Frauen aufsteht und ihnen seinen Sitzplatz anbietet. Ganz am Anfang meines Aufenthalts, ist ein Betrunkener für mich aufgestanden und hat mir einen Sitzplatz angeboten hat, weil ich eine Frau bin. Ich habe abgelehnt, weil es für mich kein Problem war, zu stehen, und ich auch einfach nicht sitzen wollte. Ein Freund sagte mir aber später, dass ich niemals eine Höflichkeitsgeste ablehnen soll, denn das kränkt die Georgier sehr". Und ja, es wurde ein großes Theater in der Metro, weil der Betrunkene darauf bestanden hat, dass ich mich hinsetze und ich wusste nicht, was ich machen sollte. Aber ein paar andere Männer haben mit ihm geredet und einer hat sogar dafür gesorgt, dass er bei der nächsten Haltestelle aussteigt. In Deutschland wurde ich in Berlin wurde in der S-Bahn auch mal von einem Betrunkenen angesprochen und kritisiert, aber im Gegensatz zu Georgiern, die mir sofort geholfen haben, hat es in der deutschen S-Bahn absolut niemanden interessiert.

Kaum einer kennt Georgien in Deutschland, dabei kennt jeder Georgier Deutschland. Das scheint für mich ein großes Ungleichgewicht, weswegen es mich freut, an dieser Stelle ein bisschen über dieses Land erzählen zu können. Viele glauben, Georgien sei ein gefährliches Land, weil es arm ist. Georgien hat zwar keine gute Infrastruktur, aber gefährlicher als Deutschland finde ich es nicht. Das liegt auch an der Nettigkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen. Ich kenne keine freundlicheren Menschen als die, die ich hier getroffen habe.

Vergangene Woche habe ich eine Australierin kennengelernt, die hier Urlaub macht und schon mal für ein halbes Jahr in einer Gastfamilie gelebt hatte. Sie erzählte von einer typischen Situation, die für Ausländer ganz befremdlich ist: Sie saß in einer Marshrutka – einem kleinen Bus, mit dem man sowohl in der Stadt, als auch auf Langstrecke von A nach B kommt – ganz vorne, als eine Frau einstieg und ihren Säugling ihr in den Arm drückte. Sie verstand natürlich nicht und reagierte auf Abstand, sie wollte das Baby nicht. Alle anderen in der Marshrutka waren sehr verblüfft, warum sie das Baby nicht nehmen wollte. Keiner verstand den anderen. Die Australierin begriff nach einigen Marshrutkafahrten dann, dass der Person, die ganz vorne beim Fahrer sitzt, das Baby gegeben wird, weil es sicherer ist für das Kind. Für die Leute ist es völlig in Ordnung einem Fremden sein Baby anzuvertrauen, weil dieses Vertrauen zwischen den Menschen einfach gegeben ist. Angst, dass man mich beraubt oder mein i-Phone geklaut wird? Habe ich nicht. Trotzdem sieht man viele Bettler, Waisenkinder oder Obdachlose auf der Straße und in der Metro nach Geld bitten. Vor allem gibt es viele Kinder, die nach Geld fragen, was mich immer sehr traurig stimmt, da sie von jemand anderem geschickt werden. Teilweise kommen Obdachlose als Flüchtlinge aus Ossetien und Abchasien, Problemregionen in Georgien. Ich glaube, diese Leute leben auf der Straße, weil sie kaum Unterstützung vom Staat bekommen. Das ist eine Sache, die ich am deutschen Staat sehr schätze, weil den meisten Menschen, die Hilfe brauchen, auch geholfen wird. Ich habe hier auch nie von Obdachlosenheimen oder etwas ähnlichem wie der Tafel gehört.

Ich arbeite mit Menschen mit Beeinträchtigungen und man merkt sehr stark, dass es diese Menschen hier nicht so einfach haben. Viele Eltern, die ein behindertes Kind auf die Welt bringen, verstecken es zu Hause, weil es ihnen peinlich ist. Für mich ist das eine ganz falsche Einstellung. Deshalb freut es mich auch, in einer Einrichtung zu arbeiten, in der man  darauf achtet, dass jeder Betreute seine Fähigkeiten weiterentwickelt und arbeitet. Im Moment arbeite ich in der Druckerei. Es gibt aber auch eine Holzwerkstatt oder Papierherstellung, wo altes Papier recycelt wird. Die Betreuten malen, basteln und tun das, was sie können. Und mit Hilfe der Betreuer werden dann Bücher, Hefte, Lampen, Kerzen, Filzsachen oder Holzschneidebretter hergestellt. Entweder auf Auftrag von Firmen oder sie werden auf dem Weihnachts- und Osterbasar verkauft. In der Vorweihnachtszeit hatten wir in der Druckerei für die "Bank of Georgia" Weihnachtskarten mit selbstgemachtem Papier hergestellt.

Vor ein paar Wochen habe ich jedoch noch in einer anderen Einrichtung gearbeitet. Aus ganz unterschiedlichen Gründen, wie finanzielle Probleme der Arbeitsstelle und kulturelle Fehler meinerseits habe ich gewechselt. Ich habe die alte Einrichtung im Gutem verlassen, meine Chefin hat viel Verständnis und ich werde die Kinder oft besuchen kommen. Früher hatte ich nie Interesse an der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen, aber ich wollte das Jahr nach dem Abitur nutzen, um etwas völlig Neues zu machen und viel zu lernen. Das tue ich auch und die Arbeit mit diesen Menschen macht mir überaus viel Spaß. Ich vermisse sie sehr. So auf den ersten Blick scheint die Hauptstadt Tiflis mit ihren 1,3 Mio Einwohnern eine sehr europäische Stadt zu sein. Nur langsam bekommt man einen Blick dafür, dass Georgien eine sehr starke von Traditionen geprägte Kultur hat, und dass es viel mehr kulturelle Unterschiede gibt, die man nicht sofort erkennen kann. Deswegen bin ich von Anfang an in tausend Fettnäpfchen getreten. Es gibt bestimmt noch viel, dass ich bis Juli noch begreifen muss. Aber es hat mir auch sehr zu schaffen gemacht, wie die Betreuer in der anderen Einrichtung mit den Betreuten umgegangen sind. Es gibt erst seit fünf Jahren den Studiengang "Soziale Arbeit" und Georgien fängt gerade an, sich zu wandeln.

Vor ein paar Wochen habe ich mit klettern angefangen und ich möchte hier unbedingt hier einen Russisch-Kurs machen und Georgisch-Nachhilfe nehmen. Ballett möchte ich lernen und auf jeden Fall auch georgischen Tanz. Der ist nämlich etwas ganz Traditionelles und Besonderes. Genauso wie die Musik. Man kann es eigentlich gar nicht beschreiben. Es hat Ähnlichkeit mit Ballett, ist aber viel komplizierter und viel energischer.

Da fällt mir die erste Woche hier in Georgien ein: Ich muss grinsen bei dem Gedanken. Meine Mitfreiwillige und ich sind gleich am ersten Wochenende nach Batumi ans Schwarze Meer gefahren. Reisen in Georgien ist ganz einfach. Man fährt nach Didube, einer Metrostation in Tiflis, geht auf den Marshrutka-Platz und sucht sich ein Reiseziel aus oder eine Marshrutka, die gleich losfährt. Das Reiseziel steht auf ein Schild geschrieben, das beim Beifahrer hinter der Frontscheibe klemmt. Marshrutkas sind so unterschiedlich wie kein anderes Verkehrsmittel. Ich hatte meine bequemste Fahrt mit einer Marshrutka, aber auch die schlimmste Fahrt meines Lebens, wo ich vielleicht 20 Zentimeter Platz für meine Beine hatte, weil die hintersten Sitze nachträglich eingebaut worden sind. Das war auf der Rückfahrt von Batumi und die Fahrt dauert sechs Stunden. In Batumi selbst saßen wir am Steinstrand. Ein Stückchen weiter saß eine Gruppe junger Leute, die sangen und tranken und uns aufgeforderten, sich zu und zu gesellen. Sie konnten kaum Englisch, aber es war ein toller Abend, denn Georgier scheinen das Singen einfach im Blut zu haben. Georgien ist ein sehr musikalisches Land und es wird zu jedem Anlass oder auch ohne Anlass zusammen Musik gemacht.

Religion ist auch ein wichtiges Thema. Die Leute sind sehr religiös; sogar die jungen Leute in meinem Alter. Es gibt viele Kirchen und immer, wenn man eine Kirche sieht, bekreuzigt man sich dreimal. Taxifahrer sind wohl die Leute, die sich hier am meisten am Tag bekreuzigen – mindestens einmal bei jeder Taxifahrt. Die Hauptreligion ist die Georgische Orthodoxe Apostelkirche. Nach dem Julianischen Kalender wird demnach auch erst am 7. Januar Weihnachten gefeiert und Neujahr ist am 14. Januar. Der 24. bis 26. Dezember waren ganz normale Tage. Aber Silvester am 31. Dezember wird auch so gefeiert, wie wir es aus Deutschland kennen. Und eigentlich wird vom 31. Dezember bis zum 14. Januar hindurch Neujahr gefeiert, wie mir schon erzählt wurde. Für Silvester und Weihnachten gehen die jungen Leute meistens in die Dörfer zu ihren Familien und Verwandten und es gibt ein riesiges Essen mit allen Spezialitäten, die Georgien zu bieten hat. "Chatschapuri" und "Lobiani" dürfen genauso wie der hausgemachte Wein auf keinen Fall fehlen. Das sind runde dünne Brote, ich würde sagen eine Art Pizzateig, beim Chatschapuri mit Käse gefüllt und beim Lobiani mit roten Bohnen. Es gibt so viele typische georgische Gerichte und sie sind so lecker – und für Vegetarier geeignet. Die Speisekarte im Restaurant ist ganz anders aufgeteilt und Gerichte mit Fleisch sind außerdem viel teurer als vegetarische Gerichte. Generell finde ich die Produkte wie Gemüse und Obst viel leckererals in Deutschland. Auf dem Basar bekommt man fast nur biologische Produkte aus den Gärten der Verkäufer. Im Moment zum Beispiel leuchtet der Basar orange von all den Mandarinen, Orangen, Apfelsinen und Blutorangen. Im Oktober gab es eine riesige Auswahl an Trauben – kleine, große, längliche, grüne, rosafarbene, rote, süße, nicht süße...

Mein Weihnachten war dieses Jahr ganz schön. Ich lebe mit Sarah, meiner Mitfreiwilligen zusammen und wir sind nach der Arbeit auf eine ganz kleine Weihnachtsfeier mit Arbeitskollegen gegangen und dann mit Leonie, der Mitfreiwilligen, mit der ich vorher zusammen gewohnt habe, und Kaki, einem georgischen Freund, in ein sehr hübsches, leckeres Restaurant gegangen. Es war nicht das gleiche wie zu Hause in Deutschland, aber es war ein sehr schöner Abend mit meinen engsten Freunden hier. Am zweiten Weihnachtstag haben wir uns in einem Café mit Künstlern aus unterschiedlichen Ländern getroffen. Ich wurde sehr oft gefragt, warum ich nicht Weihnachten nach Hause gefahren bin. Ehrlich gesagt, hatte ich nie darüber nachgedacht, über Weihnachten nach Hause zu fahren. Warum auch woanders hingehen, wenn man hier und jetzt glücklich ist?

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