Sechs Wochen blieb der Physikraum leer. Nun ist Lehrer Bernhard Krenig froh, zumindest mit den Schülern der Abschlussklassen den Unterricht fortführen zu können. FOTO: KGE
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Sechs Wochen blieb der Physikraum leer. Nun ist Lehrer Bernhard Krenig froh, zumindest mit den Schülern der Abschlussklassen den Unterricht fortführen zu können. FOTO: KGE

Ungewöhnliche Methoden

Pizza, Pogo und Physik: DBS-Lich-Lehrer Bernhard Krenig unterrichtet anders als gewohnt

  • vonKatharina Gerung
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Ob Energie aus Gülle oder Projekte mit Astronauten: Schüler der DBS in Lich schaffen es mit besonderen Projekten immer wieder in die Schlagzeilen. Dahinter steckt oft einer: Lehrer Bernhard Krenig.

Vergangene Woche wirkte die Dietrich-Bonhoeffer-Schule (DBS) in Lich noch wie ausgestorben. In den Klassenzimmern und auf den Korridoren war es unheimlich still, Parkplatz und Pausenhof waren verwaist. Diese Woche ist alles wieder etwas anders. Sechs Wochen nach der Corona-bedingten Schulschließung lief der Unterricht gestern wieder an - zumindest mit den Schülern der Abschlussjahrgänge. "Wurde auch Zeit", sagt Bernhard Krenig, "ich habe die Bande vermisst."

Krenig ist Lehrer für Physik, Chemie, Biologie sowie Politik und Wirtschaft, nachmittags betreut er außerdem Wahlpflichtangebote im Bereich der Naturwissenschaften. In diesen AGs arbeitet der 58-Jährige mit seinen Schülern immer wieder an kreativen und innovativen Konzepten, die es oft auch in die Schlagzeilen schaffen. Zuletzt etwa die Schülerfirma "Nitrotoxy", die mit seiner Hilfe die Produktion eines Desinfektionsmittels in die Wege leitete und letztlich 100 Flaschen an Landrätin Anita Schneider übergab.

Die Arbeit von Krenig und seinen Schüler stößt auch überregional auf Interesse. Im vergangenen Jahr wurde dem Team "Nitrotoxy" für die Herstellung von Ethanol und Erdgas mit Hilfe von Gülle der MINT-Sonderpreis verliehen. seine Schüler dürfen nun als erste von sechs Schulen deutschlandweit an einem Projekt mit Astronauten der ISS arbeiten.

DBS Lich: Schüler dürfen nach Genf

Und im Herbst steht das nächste große Ereignis an: "Darauf bin ich besonders stolz", sagt der Lehrer. Zwei seiner Schüler, Stefanie Sauer und Daniele Sabatino, wurden für einen Workshop nach Genf eingeladen. Bei der Europäische Organisation für Kernforschung, kurz CERN, dürfen sie Profis am größten Teilchenbeschleuniger der Welt über die Schulter schauen. Doch das sei noch nicht einmal das Beste, sagt Krenig: "Es ist das erste Mal, dass auch Realschüler ausgewählt wurden."

Unter Krenigs Schülern scheinen sich die Talente zu häufen - liegt das an den Jugendlichen selbst oder an den Methoden des Lehrers? Krenig lacht. "Beides natürlich", sagt er und fügt hinzu, was ihm besonders am Herzen liegt: "Naturwissenschaften sind nicht nur etwas für hochbegabte Gymnasiasten." Gute Noten allein sind kein Garant dafür, dass jemand die Wissenschaft richtig "durchdringt", sagt er. Zunächst ginge es darum, Interesse zu zeigen, die richtigen Fragen zu stellen und um die Ecke denken zu können - "und dahingehend sind andere Schüler nicht dümmer."

Bernhard Krenig: War selbst Hauptschüler

Krenig selbst war Hauptschüler. Einer der "schwierigen Sorte", wie er sagt. Am Unterrichtsstoff hatte er wenig Interesse, schon gar nicht an dem in Biologie, Physik oder Chemie. Das sollte sich erst ändern, als er mit etwa 14 Jahren einen neuen Lehrer in Physik bekam. "Das war wirklich prägend für mich und hat mich nachhaltig beeinflusst", sagt er. Zum ersten Mal sei ihm damals Wissen in einer solch ungezwungenen und lockeren Art vermittelt worden, dass er sich nicht nur plötzlich für die Thematik interessierte, sondern regelrecht Feuer und Flamme war.

"Mit den Naturwissenschaften kann man die Welt erklären", sagt Krenig. "Physik, Chemie, Biologie - das passiert jeden Tag und überall." Wer mit Krenig über sein Berufsfeld spricht, dem fällt es schwer zu glauben, dass er sich jemals nicht dafür begeistert hat. "Der Unterricht in jedem Fach steht und fällt eben mit dem Lehrer. Das ist leider so", sagt er. Das hat ihn lange beschäftigt und darum beschloss er schon in jungen Jahren: Lehrer werden und seinen Schülern ebenso ein Vorbild sein, wie er eins hatte.

DBS Lich: Atmosphäre schafft Leistung

Nach dem Referendariat verschlug es den Diplom-Chemiker dann zunächst in Wirtschaft und Forschung. Dieser Lebensabschnitt ermöglicht es ihm heute, die Projekte mit seinen Schülern aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Darüberhinaus habe er in dieser Zeit gelernt, dass Inspiration und Fortschritt nicht auf Knopfdruck funktionieren und schon gar nicht unter starren Arbeitsbedingungen. "In jungen Jahren haben wir schon immer am liebsten in Kneipen oder mit einem Bier an der Sonne diskutiert", sagt Krenig.

Mit den Schülern ginge das mit dem Trinken natürlich nicht - dennoch hat er eines beibehalten: "Oft ist es die richtige Atmosphäre, die die Leistung schafft", sagt er. Es ist darum nicht ungewöhnlich, dass in seinen AG-Unterricht Pizza geliefert oder eine Kaffeemaschine aufgebaut wird. Selbst wenn plötzlich laute Musik aus dem Physikraum schallt, wundert sich inzwischen keiner mehr. "Wenn die Jungs und Mädels meinen, sie können sich beim Tanzen kurz abreagieren und sind danach konzentrierter - warum nicht?", sagt Krenig gelassen.

Bernhard Krenig: Mein Unterricht ist hemdsärmelig

In manchen Augen mögen diese Lehrmethoden unkonventionell wirken, doch für Krenig sind sie Teil einer klaren Strategie. "Ja, mein Unterricht ist etwas hemdsärmelig", sagt er, "aber Wissenschaft muss Spaß machen. Wird sie stur, wird sie langweilig."

Langweilig - ein Adjektiv mit dem Krenigs Unterricht wohl eher nicht beschrieben werden kann. Der Lehrer plant schon die nächsten spannenden Projekte. Genaueres will er noch nicht verraten, doch wie die aus vergangenen Tagen werden sie den Schülern zeigen, dass Naturwissenschaften nicht abstrakt, sondern ständig und überall präsent sind. Was Krenig seinen Schülern vermitteln will, ist, dass sie mit Engagement Teil von etwas Großem sein können. Dass sie mit ihrer Forschung der Fortschritt selbst sind. Junge Menschen und Wissenschaft - maßgebende Faktoren der Zukunft. "Stimmt", sagt Krenig, "und ich bin froh, beides vereinen zu können."

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