Der Ober-Bessinger Eichbaum ist seit fast 107 Jahren ortsbildprägend. Nun droht der Friedenseiche die Fällung. FOTO: PAD
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Der Ober-Bessinger Eichbaum ist seit fast 107 Jahren ortsbildprägend. Nun droht der Friedenseiche die Fällung. FOTO: PAD

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Pilzbefall: Muss der Ober-Bessinger Eichbaum gefällt werden?

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Der Eichbaum ist neben Pforte und Kirche ein Wahrzeichen von Ober-Bessingen. Doch der 106-Jährige ist krank. Experten untersuchen, ob der Baumriese gefällt werden muss.

Am 2. September wäre es so weit, würde der Eichbaum seit 107 Jahren im Zentrum von Ober-Bessingen stehen. Doch es ist unklar, ob er diesen Tag noch erleben wird: Ein Pilz hat die Wurzeln befallen, die Standfestigkeit des Baumes steht in Frage. "Vielleicht ist das mein letzter Sommer", ist auf dem Facebook-Account der Eiche zu lesen.

Im Kaiserreich gesetzt

Die Zukunft des Baumes ist ungewiss, seine Vergangenheit jedoch bestens dokumentiert: Im Sommer 1913 holte der Forstwart Konrad Keller einen Setzling aus der Hardt. Am Sedantag wurde er im Zentrum des Dorfes gesetzt, der Chor sang dazu. Mit dem Sedantag wurde im Kaiserreich der Sieg über die französischen Truppen im deutsch-französischen Krieg 1870 gefeiert. Zwischenzeitlich wurde der Baum auf Friedenseiche umgetauft - mit Krieg wollten die Ober-Bessinger nichts am Hut haben.

Baumgutachter vor Ort

Nicht nur Menschen, auch Bäume leiden unter dem Alter. Bereits vor einigen Jahren war der nun bald 107-Jährige zurückgeschnitten worden, um die auf den Stamm wirkende Last zu reduzieren.

Nun wurde bei einer Kontrolle festgestellt, dass der Wurzelbereich von einem Pilz befallen ist. Ein Baumgutachter schaute sich am Dienstag den Schaden an, dazu wurde auch der betroffene Wurzelbereich freigelegt. Zudem soll mit einem Seilzugtest geprüft werden, ob der Baum noch standsicher ist.

"Wir warten nun auf das Gutachten", sagte Marco Römer vom Bauamt der Stadt Lich. Noch bestehe eine kleine Hoffnung, dass der Baum mit einem starken Rückschnitt zu retten ist.

"In den nächsten 14 Tagen fällt die Entscheidung", sagt Ortsvorsteherin Karin Römer. - und im schlimmsten Fall auch die Eiche. Für viele Ober-Bessinger ist der Platz ohne den markanten Eichbaum darauf nur eines: unvorstellbar.

Eichbaumgruppe entsetzt

Auch bei der Eichbaumgruppe herrscht Katerstimmung. Die Mitglieder nutzen derzeit jede Gelegenheit, um sich unter dem Baum zu treffen. "Bis ein neuer Baum wieder so groß ist, das werden wir nicht mehr erleben", sagt Carl-Albert Götz. Gleichzeitig ist man sich in der Gruppe einig, dass die Sicherheit vorgeht - auch wenn dies im schlimmsten Fall den Abschied von ihrem Namenspatron bedeuten würde.

Zum 75. Geburtstag des Baumes hatte sich die Eichbaumgruppe gebildet: 1988 hatte Ernst Jox einigen Anwohnern erzählt, dass der Baum 75 Jahre früher gesetzt worden war. Jox war 1913 bei der Pflanzung als Kind mit dabei gewesen. Die Anwohner hatten daraufhin eine große Geburtstagsfeier für den Baum organisiert.

Dieses Fest fand danach jedes Jahr statt. Die Erlöse wurden sozialen Zwecken gespendet, etwa dem Ambulanten Kinderhospizdienst oder dem Kindergarten. Zudem wurden ein Taufbecken für die Kirche und die Weihnachtsbeleuchtung der Pforte gestiftet.

Ein weiteres Projekt der Eichbaumgruppe, um Spenden für den guten Zweck zu sammeln und zudem Familien eine Freude zu machen, ist der Krippenweg. Seit 2012 ist der Eichbaum der Startpunkt. An den Adventswochenenden gab es an der Hütte unterm Eichbaum heiße und kalte Getränke sowie Leckereien, die von der Ortsvereinen serviert wurden.

Legendäre Partys unterm Baum

Legendär sind die vielen spontanen Feiern, die auf den Bänken unterm Eichbaum stattfanden - als es noch kein Covid-19 gab. Ob Tupperware-Party, Picknick oder "Dolles-Dorf"-Dreh - der Eichbaum stand immer mitten im Geschehen.

"Wir hoffen, dass es für den Baum gut ausgeht", sagt Karin Römer, Ortsvorsteherin und Sprecherin der Eichbaumgruppe. Fest steht für die Gruppe eines: "Sollte er gefällt werden, wird sofort ein neuer Eichbaum gesetzt." Auch die Stadt hat für diesen Fall eine Nachpflanzung angekündigt.

Seit Jahren schreiben Ober-Bessinger unter dem Pseudonym "Eichbaum" auf Facebook "Weisheiten aus dem Hässels". Bislang war es nur ein in Ober-Bessingen gern erzählter Witz: Die Leute wären bei Facebook immer erschrocken, wenn der Eichbaum etwas "liken" würde - da dann "Eichbaum gefällt" angezeigt würde. Vielleicht wird nun aus diesem Witz traurige Realität.

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