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Melanie Straub spielt die Ärztin Dr. Schönemann im hochgelobten Film "Systemsprenger".

"Systemsprenger"

Oscar-Kandidat: Schauspielerin aus "Systemsprenger" über ihre Rolle und den Umgang mit Wut

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Der Film "Systemsprenger" geht unter die Haut - und ins Rennen um den Oscar. Am Sonntag um 12 Uhr läuft er im Kino Traumstern. Dann wird auch Melanie Straub in Lich sein. Im Interview verrät sie, was den Film so besonders macht.

Frau Straub, Sie sind zweifache Mutter, Ihre Kinder haben ein ähnliches Alter wie Benni, die Hauptdarstellerin in "Systemsprenger". Wie haben Sie Ihren Kindern erklärt, worum es in dem Film geht - und was mit diesem Mädchen los ist?

Melanie Straub:Meine Jungs wollten den Film gern anschauen. Aber er ist auf der Gefühlsebene so brutal, dass ich finde, das ist noch zu früh. Ich habe ihnen davon erzählt. Sie haben mich gefragt: "Warum ist sie so wütend?" Ich habe ihnen erklärt, dass sie eigentlich nur zur Mama will - und das haben sie natürlich sofort verstanden.

Für Ihre Kinder ist es bestimmt spannend, zu erfahren, in welche Rolle Sie gerade schlüpfen.

Straub:Ja, sie wollten das damals natürlich wissen, als ich für den Dreh so lange in Hamburg war. Einer meiner Söhne ist genauso alt wie Helena, die Hauptdarstellerin.

Helena Zengel hat diese Rolle mit neun Jahren gespielt und schafft einen beeindruckenden Spagat zwischen Wut und Verzweiflung. Wie haben Sie diese junge Schauspielerin beim Dreh erlebt?

Straub:Unglaublich professionell, gerade für ihr Alter. Ich habe mir vorgestellt, dass mein gleichaltriger Sohn jetzt da stehen würde. Unglaublich! Das ist wirklich ein Mädchen mit extrem großer Begabung. Als ich das Drehbuch gelesen habe, sagte ich zu Nora Fingscheidt, der Regisseurin: "Welches Mädchen spielt das denn? So eine Rolle, das geht doch nicht!" Aber das hat sie wirklich toll hingekriegt. Zumal sie parallel noch privaten Schulunterricht hatte, sie macht Eiskunstlauf - was für eine Disziplin!

Sie sind auch ausgebildete Physiotherapeutin, haben ein Jahr in einer Psychiatrie gearbeitet. In "Systemsprenger" spielen Sie eine Ärztin, die ein Mädchen behandelt. Hat Ihnen Ihre Vorerfahrung in dieser Rolle geholfen?

Straub:Ja, das hat sie. Dadurch, dass ich mit solchen Fällen in Berührung kam, weiß ich, wie hilflos und auch eingeschränkt eine Psychiaterin ist, die Medikamente verteilt und sozusagen "ruhig stellt".

Im Film verschreiben Sie Benni, mit der Schule, Behörden und die Mutter heillos überfordert sind, starke Medikamente. Wie haben Sie sich in dieser Rolle gefühlt?

Straub:Furchtbar. In der Szene sitzt mir die Mutter gegenüber, die Kleine sitzt auf ihrem Schoß. Sie fragt dann nach den Nebenwirkungen. Ich gebe ihr die Unterlagen und sage: "Sie können sich das gern in Ruhe durchlesen." Und die Mutter sagt: "Ich möchte mir das nicht durchlesen, können Sie es mir nicht sagen?" Das war ein Moment, da musste ich schlucken:Vor dem Kind zu sagen, dass sie vielleicht torkeln wird wie betrunken, dass sie Zitteranfälle kriegt - das muss nicht passieren, kann aber. Das erinnert an ein Tier-Experiment.

Aber das gehört in diesem Beruf eben auch dazu.

Straub:Ja, natürlich, das ist ihr Bereich. Und ich versuche immer, Figuren, die ich spiele und Menschen, die ich treffe, nicht zu werten. Statt dessen gucke ich: Woher kommen sie und was führt sie da hin? Die Ärztin will dieses Mädchen ja nicht kaputt machen, sondern sie gibt ihr Bestes. Das ist ihr Ding.

"Systemsprenger" ist im September in den Kinos angelaufen. Welche Rückmeldungen haben Sie bisher erhalten?

Straub:Sehr positive. Bei Publikumsgesprächen hieß es oft: Der Film hat sehr berührt. Er trifft Menschen ins Herz. Viele fühlen sich gesehen - etwa jene, die in diesem Bereich arbeiten. Aber auch Eltern erkennen sich wieder. Eine Frau sagte, sie sei so berührt, weil es doch nur darum geht, dass jemand einen sieht - und dass man geliebt wird. Der Film trifft also jeden irgendwo anders, je nachdem, wo man gerade steht im Leben.

Der wissenschaftliche Berater des Films geht davon aus, dass gut fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Hilfesystemen sogenannte "Systemsprenger" sind. Also junge Menschen, bei denen Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen an Grenzen geraten. Hat sich Ihr Bild von solchen Kindern durch den Film geändert?

Straub:Ich hatte vorher schon einen ganz eigenen Blick auf Kinder und auf Wut. In unserer Gesellschaft sind Agression und Wut noch immer Tabuthemen. Doch das gehört dazu, das sollte man nicht wegdrängen. Statt wegzuschauen, sollte man es zulassen und schauen, woher das kommt. Spätestens mit der Geburt meiner Kinder war das ein großes Thema für mich. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, was Wut bedeutet.

Mit welchem Ergebnis?

Straub:Jeder von uns ist als Kind erstmal ein "Systemsprenger". Wir werden ja erst dazu erzogen, uns hinten anzustellen - zumindest im Kleinen. Da fragt man sich: Wann habe ich begonnen zu funktionieren? Als ich das Drehbuch gelesen habe, war ich sehr dankbar, dass Nora genau das aufzeigen will; dass sie ein wütendes Mädchen zeigt, aber auch, woher diese Wut kommt. Nicht das Mädchen ist das Problem. Es ist ein hilfloses Kind, das schreit, weil alles andere nicht gehört wird. Da geht es um Empathie für Menschen, die nicht in dem Sinne funktionieren, wie wir anscheinend funktionieren müssen: Sag danke, sag bitte, stell dich hinten an.

Vielen ist Ihr Gesicht aus TV- und Kinoproduktionen bekannt. Sie haben sich aber auch mit zahlreichen Theaterrollen einen Namen gemacht und Preise erspielt, auch mit klassischem Stoff. Was macht Filmrollen für Sie als Schauspielerin reizvoll?

Straub:Erstmal ist das Drehbuch für mich sehr wichtig - was erzählt wird, um welche Themen es geht.Wichtig ist mir auch, wie eine Frauenrolle dargestellt wird. Es gibt ja dieses Klischee: Irgendwann ab 30 ist man dann die Mutter, die vielleicht gar keinen Namen mehr kriegt. Ich habe kürzlich einen Tatort in Köln gedreht. Das war toll, weil die Regisseurin darauf geachtet hat, Sehgewohnheiten zu durchbrechen, das Ganze etwas zu drehen. Das gefällt mir: Kein Abziehbild, sondern tiefgründiger, auch überraschend sein, damit man dem Zuschauer auch mal etwas zumutet.

So wie Sie klingen, mussten Sie bei "Systemsprenger" nicht lange überlegen.

Straub:Das war lustig. Ich hatte einen Dokumentarfilm der Regisseurin gesehen und zu einer Freundin gesagt: "Ich möchte mit dieser Regisseurin zusammenarbeiten. Ich liebe ihre Sprache." Und zwei Wochen später ruft sie mich an. Ich habe am Anfang nicht geglaubt, dass sie das ist; dachte, meine Freundin verhohnepipelt mich.

In der deutschen Nominierung für den besten internationalen Film hat "Systemsprenger" eine erste Hürde auf dem Weg zum Oscar gemeistert. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?

Straub:Wir sind alle ausgeflippt. Wir haben sofort telefoniert, haben eigentlich nur gejubelt, geschrieen. Wir hätten alle niemals damit gerechnet. Es war ein Low-Budget-Film. Aber uns allen war das Thema wichtig - und deshalb haben wir es gemacht. Wir wollten alle, dass der Film Menschen berührt und zumindest ein paar ihn anschauen. Schon bei der Berlinale war das ein unglaubliches Ding. Und dann das mit dem Oscar!

Ganz ehrlich: Haben Sie schon durchgespielt, wie es wäre, in Los Angeles über den roten Teppich zu laufen und einen Oscar in Händen zu halten?

Straub:Nein, ich lebe im Jetzt.

Zusatzinfo: Filmreihe im Traumstern

  • Anlässlich seines 40-jährigen Bestehens veranstaltet der Verein für Psychosoziale Therapie mit dem Kino Traumstern in Lich eine Filmreihe zu psychischen Erkrankunen, Suchtkrankheiten und Erziehungsproblemen. Bis Ende 2020 sollen bis zu acht Filme gezeigt werden.
  • Zum Auftakt läuft am morgigen Sonntag um 12 Uhr "Systemsprenger" von Nora Fingerscheidt. Danach besteht Gelegenheit, mit Darstellerin Melanie Straub und Mitarbeitern des Vereins zu sprechen.

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