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Kinos auf dem Land, wie das Traumstern in Lich (Foto) oder Apollo und Turm in Grünberg, geht es schlecht. Kulturstaatsministerin Monika Grütters will ihnen nun mit einem Sofortprogramm unter die Arme greifen.

Landkinos in Not

Nicht nur wegen Netflix und Co. sinken in Lich und Grünberg die Besucherzahlen

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Die Lage für kleine Kinos wie in Lich und Grünberg ist prekär. Viele Menschen nutzen lieber Streamingdienste. Es gibt aber noch andere Gründe für den Besucherrückgang, und die liegen in der Region.

Für die Kinos war 2018 das schlechteste Jahr seit Langem. Allein die Ticketverkäufe brachen um 13,9 Prozent ein. Jetzt will Kulturstaatsministerin Monika Grütters der Branche unter die Arme greifen: Fünf Millionen Euro umfasst ihr Sofortprogramm. Und 2020 sollen Bund und Länder weitere 30 Millionen Euro bereitstellen. "Insbesondere jenseits der Ballungsräume herrscht eine gewisse Not", hat Grütters in der "Süddeutschen Zeitung" angemerkt.

Auch die Kinos im Kreis Gießen kennen die Situation: Im Traumstern etwa sind die Besucherzahlen 2018 unter die 30 000 -Marke gefallen. Bis vor zehn Jahren konnten die Licher noch zuverlässig mit rund 50 000 Besucher rechnen.

Traumstern-Betreiber Langer: "Nidda nimmt uns die jungen Leute weg"

Wie alle Kinos leidet auch das Traumstern unter einem geänderten Nutzerverhalten gerade bei jungen Leuten, bei denen Streamingdienste hoch im Kurs stehen. Es gibt aber noch andere Gründe für den Rückgang, und die liegen in der Region.

Mit der Eröffnung der Lumos-Lichtspiele in Nidda 2015 und des Kinopolis in Gießen zwei Jahre zuvor hat sich die heimische Kinolandschaft stark verändert. "Nidda nimmt uns die jungen Leute weg, und in Gießen spielen sie jetzt auch Programmkino-Filme", sagt Traumstern-Betreiber Edgar Langer.

Zweiter Saal könnte Abhilfe schaffen

Dass ein Kino mit nur einem Saal schwer gegenhalten könne, liege unter anderem an den großen Verleihern und deren Forderung, einen neuen Film soundsolange zu spielen. "Wir haben massive Probleme, an manche attraktive Filme frühzeitig ranzukommen", bedauert Langer. "Der Junge muss an die frische Luft" zum Beispiel ist in den größeren Häusern zwischen den Jahren gelaufen. Aber nicht in Lich. Langer: "Wir durften erst nach vier Wochen einsteigen. Das hat wehgetan."

Abhilfe schaffen könnte ein zweiter, kleinerer Saal. Den peilt die Kulturgenossenschaft, der die Traumstern-Immobilie gehört, auch längerfristig an. Größere Projekte wie Anbau einer behindertengerechten Toilette und Umbau des Foyers scheiterten "ein bisschen am Geld". Langer: "Eine Investitionsförderung wäre da schon super."

"Wollen unsere Kundschaft pflegen"

Aber im Traumstern will man nicht nur klagen. Langer und sein Kollege Hans Gsänger können sich, wie sie sagen, auf ein sehr dankbares Publikum stützen. "Wir wollen unsere Kundschaft pflegen und das Angebot verfeinern."

Bei den 17-Uhr-Filmen seien die Zahlen bereits gestiegen. Jetzt arbeite man am Ausbau der 15.30-Uhr-Schiene. Ein Pfund sei zudem das vielfältige Live-Programm, für das der Verein künstLich verantwortlich ist. "Frau Grütters, die wir ja gelegentlich treffen, findet das auch gut", bemerkt Langer.

Besucherrückgang auch in Grünberg

Nicht gut fällt auch die Bilanz der Grünberger Lichtspiele Apollo und Turm von Edith Weber aus. Nach 33 000 Besuchern 2015 ging es mehr oder weniger stetig bergab, lösten doch in den Folgejahren nur mehr rund 23 000, 25 000 und 22 000 eine Karte, in diesem Jahr waren es bis Ende Juli 12 606, ein Plus von 705 gegenüber dem Vorjahreszeitraum, doch immer noch "sehr bescheiden", wie es Weber formuliert. Um sogleich anzufügen: "Ich will nicht jammern, ich bin nur Realistin".

Erst jüngst, beim Open-air-Kino, hatte sie mit Hinweis auf den Besucherrückgang gesagt: "Ob es eines Fortsetzung gibt, hängt auch vom Publikum ab."

Weber: "Die 19- bis 23-Jährigen haben wir an Netflix & Co. verloren"

Im Großen und Ganzen drücken Weber die gleichen Probleme wie alle Landkinos. Die 76-Jährige ist sich sicher: "Die 19- bis 23-Jährigen haben wir an Netflix & Co. verloren." Und der Rest fahre in die "Cineplexe" mit 3D-Technik und vibrierenden Sesseln.

Wie in Lich sind die Verleihkonditionen auch für Grünberg ein Problem. "Die Mindestlaufzeit beträgt drei Wochen, in der dritten sind es null Besucher, haben doch viele den Film bereits in einem Großkino gesehen. Das lohnt sich nicht." Also verzichtet sie auf Blockbuster wie "Avengers", auf die vor allem Teenager abfahren. Weber setzt auf das, was in Grünberg vor allem ankommt: Familienfilme wie "König der Löwen".

Durchhalten bis mindestens 2022

Grütters Soforthilfe, sagt Weber, bringe ihr wenig: Investitionen stehen nicht an, die Website ist bereits modern gestaltet, vor allem dafür ist das Geld aus Berlin gedacht. Blieben einzig Zuschüsse für Filmreihen oder Bildungsangebote mit Schulen, die aber kaum ins Gewicht fielen.

Weber ist wie gesagt Realistin, doch mit optimistischem Akzent: So hatten sie und ihr Mann 2013 groß in die Umstellung auf digitale Vorführtechnik investiert. Da öffentlich gefördert, musste sie das Kino mindestens fünf Jahre weiter betreiben. Die Frist ist um, doch mindestens bis 2022 will sie noch ihren Beitrag zur kulturellen Grundversorgung leisten. Aus gutem Grund: Dann besteht das Grünberger Kino, 1952 vom Vater gebaut, genau 70 Jahre.

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