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"Go down Moses": Colenton Freeman (am Klavier) im Zusammenspiel mit Hobbysängern. Foto: kjg

Als "Negermusik" diskriminiert

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Lich(kjg). Gospel und Blues standen im Mittelpunkt eines Chorkonzertes in der Reihe "9. November 1938", das unter der Leitung des bekannten Opernsängers Colenton Freeman (Gießen) im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge veranstaltet wurde. Freeman hatte die Hobby-Sänger zuvor in einem dreistündigen Workshop auf ihren Auftritt vorbereitet; er begleitete sie am Flügel. Unter Freemans Leitung präsentierte sich der Chor mit einer tollen Leistung und lief gegen Ende zur Höchstform auf, die das Publikum zu Begeisterungsstürmen veranlasste. Erst nach zwei Zugaben durfte das Ensemble die Bühne verlassen. So erklangen u. a. "Somebody told me", "Suddenly", "Go down Moses (Let my people go)", "Blue Moon" und andere.

Schweres Los fern der Heimat

Detmar Hönle vom Forum für Völkerverständigung gab einen Überblick über die afroamerikanisch geprägte Musik, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren den Weg nach Deutschland fand und von den Nazis als "entartet" verboten wurde. Jene Musik entstand im 18. und 19. Jahrhundert in Nordamerika. Es waren die Lieder der schwarzen Sklaven, die auf den Plantagen ein unwürdiges Leben fristeten.

Diese Lieder stammten aus ihrer reichen westafrikanischen Tradition und waren immer mit Tanz - bis hin zur Trance - verbunden. Sie besangen ihr schweres Los fern der afrikanischen Heimat, suchten und fanden Parallelen in der Gefangenschaft der Babylonier im Alten Testament. War die Musik religiös, sprach man von Gospeln. Das weltliche Gegenstück war der Blues. Die afroamerikanische Instrumentalmusik kam als Swing oder Jazz nach Europa. Im sogenannten Tausendjährigen Reich wurde diese Musik als "Negermusik" diskriminiert und verboten. 1933 wurde die erste Jazzklasse am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt geschlossen, es erfolgte das endgültige Verbot des "Nigger Jazz". Alle jüdischen Musiker erhielten ab 1935 Berufsverbot.

Hot- und Swingclubs waren die beschwingte Gegenwelt zur uniformierten NS-Welt. Dort habe sich die Idee festgesetzt, "wer den Swing in sich hat, kann nicht im Gleichschritt marschieren", so Hönle. Das Volkslied als Lied aus dem Volk habe damals für die Volksgemeinschaft eine große Rolle gespielt. Es waren Lieder der Arbeiter- und der Wandervogelbewegung, aus denen sich teils auch die Lieder der "Bewegung" entwickelten, wie sie z. B. auf den Gausängerfesten wie in Gießen 1938 gesungen wurden. Ab 1939 sah man die endlosen Militärkolonnen singend durch Europa marschieren.

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