Teamarbeiterinnen seit einem Vierteljahrhundert: Gina Uhl (l.) und Elvira Geiger. In Kürze trennen sich ihre beruflichen Wege.
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Teamarbeiterinnen seit einem Vierteljahrhundert: Gina Uhl (l.) und Elvira Geiger. In Kürze trennen sich ihre beruflichen Wege.

Corona-Folge

Aus nach 37 Jahren: Blumenladen in Lich schließt Ende des Monats

  • Nastasja Akchour-Becker
    vonNastasja Akchour-Becker
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Die Nachricht kam überraschend: Blumen Schwarz in Muschenheim wird zum 31. Juli schließen. Nach 37 Jahren. Gina Uhls Laden war weit mehr als "nur" ein Geschäft zum Pflanzen kaufen.

Es ist wirklich ein sehr schwerer Schritt", sagt Gina Uhl, die man eigentlich immer fröhlich und heiter kennt. Wochenlang habe sie mit sich gerungen. "Doch der Tag X wäre sowieso irgendwann gekommen", resümiert die 57-Jährige. Schon länger zeichneten sich Umsatzeinbußen ab. "Wir sind ein Geschäft mit Stammkunden", merkt Mitarbeiterin Elvira Geiger an, die schon seit über 25 Jahren Gärtnerin Uhl im Blumenladen unterstützt. "Wir haben fast gar keine Laufkundschaft", sagt sie mit Blick auf die Lage in einem 970-Einwohner-Dorf. "Alteingesessene Kunden sind verstorben; junge Leute kommen nicht nach." Letztere kauften selten Blumensträuße, manche könnten sich den "Luxus" auch einfach nicht mehr leisten.

Dass es im Blumenladen auf und ab geht, ist normal. Es gibt jahreszeitlich bedingt immer mal Monate, die besser sind als die anderen, sagen die Floristinnen. Doch in den vergangenen Jahren wurden die Lücken immer größer. "Es war ein harter Kampf", erklärt Uhl. "Manchmal gab es Monate, in denen man nicht wusste, wie man alles bezahlen soll." Die Zeiten, in denen beispielsweise an Muttertag alle Schnittblumen ausverkauft waren und die Kunden noch mehr haben wollten, seien schon lange vorbei. Auch die zusätzliche Paketstation brachte keine weitere Kundschaft.

Durch die Coronavirus-Pandemie blieben wichtige Aufträge aus. "Sonst haben wir von Ende Mai bis September an fast jedem Wochenende eine Hochzeit", erläutert Uhl. Nun finden Hochzeiten - wenn überhaupt - im kleinen Stil statt. Es gibt weder Feierlichkeiten zu runden Geburtstagen, noch Konfirmationen und Jubiläumskonfirmationen. Damit nicht genug.

Auch an Tischdekoration für Restaurants gab es keine Nachfrage - die Häuser waren geschlossen. "Das hat ein Loch reingerissen, das man nicht mehr auffangen kann", sagt Uhl. "Aber die Kosten für einen Selbständigen wie Kranken- und Rentenversicherung laufen immer weiter." All das machte es auch für Tochter Sina Uhl wenig attraktiv, den Blumenladen zu übernehmen: In Muschenheim wird die ebenfalls gelernte Gärtnerin niemals so viel verdienen, wie jetzt in ihrem Job am Frankfurter Flughafen.

Berufliche Zukunft ist "blumig"

Diese Sorgen eines Selbständigen wird Uhl nicht mehr haben. Künftig wird sie sich als Angestellte im Rewe-Markt in Lich um die Blumenabteilung und den Abholservice kümmern. Doch Grabpflege und -bepflanzung bietet die Gärtnerin weiterhin an. "So ganz ohne geht es nicht. Ich muss einfach in der Natur sein, muss in der Erde wühlen. Ich liebe es zu sehen, wie die Pflanzen wachsen." Die Liebe zur Natur hat Uhl auch ehrenamtlich ausgeübt. Acht Jahre war sie Rechnerin im örtlichen Obst- und Gartenbauverein, weitere 18 Jahre (bis 2019) sogar Erste Vorsitzende.

Ihren Blumenladen hatte Hina Uhl am 1. November 1983 im ehemaligen Kuhstall am Alten Rathausplatz eröffnet. Damals hieß sie mit Mädchennamen noch Schwarz. Zuvor hatte die heute 57-Jährige eine Ausbildung zur Gärtnerin beim Blumenhaus Dönges in Gießen absolviert. Während sie weiterhin bei verschiedenen Blumengeschäften arbeitete, kümmerte sich in den ersten Jahren ihre Mutter Irmgard vormittags um den Laden. Nach der Geburt ihrer Tochter Sina 1989 blieb auch Gina ganz in Muschenheim.

Wie sehr Uhl mit Herzblut bei der Sache ist, und den Umgang mit Pflanzen und Kunden liebt, merkt man auch beim Pressetermin sofort. Uhl hat ein offenes Ohr und vermittelt ihren Kunden Optimismus. "Was macht die Mutti?", "Ach, das wird schon, es braucht nur etwas Zeit", "Bestelle ihr schöne Grüße", gibt sie mit auf den Weg. Sie baut die Menschen auf, macht ihnen Mut und Hoffnung und ganz nebenbei gibt sie wertvolle Pflanztipps, weiß auf jede gärtnerische Frage eine Antwort. Das kann das Internet, in dem heute viele Menschen ihre Pflanzen bestellen, nicht bieten.

Das Aus in Muschenheim bedauern die Kunden sehr. Am Ladeneingang hängt ein Schild: "Der kürzeste Weg zwischen zwei Menschen ist ein Lächeln", steht darauf. Das haben Gina Uhl und Elvira Geiger, die beiden Damen von Blumen Schwarz, unzählige Male verschenkt. FOTO: NAB

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