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Lebensgefährtin erstochen

Nach der Bluttat ruft Freddy R. selbst die Polizei

  • Susanne Riess
    vonSusanne Riess
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Es ist ein schreckliches Verbrechen, das im April 1994 den Licher Stadtteil Muschenheim erschüttert. Der 31 Jahre alter Freddy R. tötet seine Lebensgefährtin mit mehreren Messerstichen ins Herz.

Es ist ein Donnerstagmorgen. Gegen 8.15 Uhr geht bei der Polizei in Grünberg ein Notruf ein. "Ich habe gerade meine Lebensgefährtin getötet", sagt der Anrufer. Am Apparat ist der 31 Jahre alte Freddy R. Er nennt dem Beamten am anderen Ende der Leitung seinen kompletten Namen und die Adresse. Doch als die Einsatzkräfte - Polizei, Notarzt und Rettungssanitäter - kurze Zeit später am Tatort im Klosterweg in Muschenheim eintreffen, ist es nicht Freddy R., der ihnen die Tür öffnet, sondern der elfjährige Sohn seiner Lebensgefährtin. Der Junge hat von der grausamen Tat nichts bekommen. Er sagt, er habe noch geschlafen.

Täter will sich selbst töten

Doch wo ist Freddy R.? Die Beamten finden die tote Christina O. in ihrem Bett im Schlafzimmer. Neben ihr liegt der Täter, blutüberströmt. Nachdem er die Polizei alarmiert hat, ist er ins Schlafzimmer zurück gegangen, hat sich dort eingeschlossen und sich die Pulsadern aufgeschnitten. Die Situation scheint auswegslos für den 31-Jährigen, sei Zustand ist äußerst kritisch. Obwohl er bereits sehr viel Blut verloren hat und ihn Lebensgefahr schwebt, gelingt es den Notfallmedizinern mithilfe von Blutkonserven das Leben des Mannes zu retten - der eigentlich tot sein wollte.

Für die Nachbarn ist die Tat ein Schock. Das Paar, das ursprünglich aus Weilmünster stammt, lebt bereits seit zwei Jahren in Muschenheim, hat im Klosterweg zwei kleine Häuser gekauft. Christina O. betreibt dort eine Wäscheannahmestelle und eine Kosmetikberatung. Zwar hätten das Paar und die insgesamt drei Kinder der Frau aus früherer Ehe eher zurückgezogen gelebt, doch sei auch nichts auffällig gewesen.

Eltern der Freundin umgebracht

Umso fassungsloser sind die Menschen im Ort, als immer mehr Details über Freddy R. bekannt werden.

Für den 31-Jährigen ist es nämlich nicht das erste Tötungsdelikt. Im Alter von 20 Jahren hat er im Mai 1982 die Eltern seiner damals erst 14-jährigen Freundin in Grävenwiesbach (Hochtaunuskreis) umgebracht. "Eigentlich wollte ich mich in aller Ruhe unterhalten", erinnert sich Freddy R. später. Doch dann sei es zu heftigen verbalen Auseinandersetzungen gekommen, die zu der Bluttat eskaliert seien. Auch damals hatte der noch junge Täter selbst die Polizei alarmiert. Wegen zweifachen Totschlags wurde er zu einer Jugendstrafe von sieben Jahren verurteilt. Im September 1987 wird Freddy R. aus der Haft entlassen.

Verbrechen vorher angedroht

Acht Jahre später steht Freddy R. erneut vor Gericht. Die Anklage wirft ihm Totschlag an seiner Lebensgefährtin vor. Warum musste Christina O. auf solch grausame Weise sterben? Nach und nach kommen immer mehr Fakten ans Licht - auch was die Beziehung der beiden betrifft. Es ist doch nicht alles so harmonisch, wie zunächst von dem Umfeld beschrieben. Denn offenbar steht die Beziehung vor dem Aus. Die 31-Jährige soll drei Monate vor ihrem Tod ein Verhältnis mit ihrem Untermieter begonnen haben. Zeugen sprechen von einer Dreiecksbeziehung. Es soll auch zu gemeinsamen sexuellen Kontakten gekommen sein, was der Angeklagte aber vehement bestreitet.

Die Frauenbeauftragte des Landkreises Gießen sagt vor Gericht aus, dass Christina O. einen Monat vor der Tat völlig aufgelöst zu ihr gekommen sei und erzählt habe, dass ihr Freund gedroht habe, sie umzubringen. Der Grund dafür sei gewesen, dass sie nicht bereit war, Geschlechtsverkehr mit ihm zu haben. Später sei das Paar noch einmal gemeinsam zu ihr gekommen, so die Zeugin. Freddy R. habe sich bei seiner Freundin entschuldigt und um Verzeihung geben. Er habe auch versprochen, sich ins psychiatrische Behandlung zu geben. Das Paar habe zudem beschlossen, für eine Weile getrennt zu leben, Freddy R. wollte wieder zu seinem Vater ziehen.

Angeklagter ohne Erinnerung

Dass es vor der Tat öfter Streit gegeben habe, bestätigt auch eine andere Zeugen im Prozess: "Mein erster Gedanke war: Mein Gott, jetzt ist das wahr geworden, was die Frau prophezeit hat!" Christina O. habe zu der Zeugin gesagt: "Der will mich umbringen, der hat schon mal so etwas gemacht." Damit war das Tötungsdelikt von 1982 gemeint.

Andere Zeugen sprechen von einer sehr harmonischen Beziehung. Wenige Tage vor der Tat habe die Familie noch die Kommunion eines Kindes gefeiert. Von einer Krise sei nichts zu spüren gewesen und Freddy R. ein liebevoller Vater.

Wie passt das zusammen? Ein Psychologe bescheinigt Freddy R., dass er sich Probleme in der Beziehung nicht anmerken ließ. Er sei aber auch nicht in der Lage, Konfliktsituationen unmittelbar zu verarbeiten. Das habe sein Agressionspotenzial immer weiter gesteigert. Entladen habe es sich schließlich unmittelbar vor der Tat, als Christina O. ihrem Lebensgefährtin sagte, dass die Beziehung zu Ende sei. Freddy R. greift zu einem Küchenmesser und stößt ihr die 17,5 Zentimeter lange Klinge achtmal in die Brust und in den Bauch. Er selbst sagt aus, sich nicht mehr die Tat erinnern zu können.

Wegen Totschlags wird Freddy R. am 15. März 1995 zu einer Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren verurteilt. Außerdem ordnet das Geicht die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

Was für das Gericht besonders schwer wiegt: Der 31-Jährige hat durch seine Bluttat auch drei Kinder zu Waisen gemacht. Denn deren leiblicher Vater war bereits 1991 verstorben.

FOTO: DPA

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