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Christian Dörmer mit Roger Beaver (l.). Dörmers leben in der Oberstadt 13, wo Steine für die Familie Isaak verlegt werden. FOTO: NAB

"Möge das Andenken ein Segen sein"

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Lich(nab). Es sind bewegende Worte, die an diesem "Abend der Begegnung" im Kulturzentrum ehemalige Bezalel-Synagoge am Tag vor der Stolpersteinverlegung in Lich fallen. Drei Nachfahren jüdischer Familien, die in Lich gelebt haben, sind angereist. Sie erzählen vom Schicksal ihrer Verwandten, ihrem eigenen Leben und der Dankbarkeit, die sie darüber empfinden, dass die Licher so sehr an ihrer Familiengeschichte interessiert sind.

Sie sind ein Zeichen, dass die Menschen nicht schweigen wollen, sagt Christiane Faschon über die Stolpersteine. Die Schweizerin ist eine Nachfahrin der Familie Windecker, deren Angehörige in der Oberstadt 60 und in der Seelenhofgasse 1 gewohnt haben und die in Minsk und Auschwitz ermordet wurden. Faschon berichtet, dass ihr Vater Hans-Georg die ersten Jahre seines Lebens bei seiner jüdischen Großmutter Caroline verbracht hatte, die noch starb, bevor die Deportationen begannen. Obwohl Caroline mit einem katholischen Deutschen verheiratet war, sei aber auch sie nicht vor Angriffen und Ausgrenzung geschützt gewesen, erzählt Faschon, die christliche Theologie und Judaistik studiert hat.

Roger Beaver aus Wales schildert eine Situation, die seine Mutter 1938 erlebt hat. Ein junger Polizist habe ihre Dachwohnung in Frankfurt am Main durchsucht und Geld gefunden. Aber er nahm es nicht mit, sondern habe es der jungen Frau dagelassen. "Das brauchen sie für ihr Baby", habe er gesagt. "Ich bin mir sicher", betont Beaver, "ohne diese Geste würden mein Neffe und ich heute nicht hier stehen. Wir können das Böse sehen, aber manchmal auch das Gute."

Roger und Nathan Beaver sind Nachfahren der Familie Isaak, die in der Oberstadt 13 gelebt hat und in Lodz ermordet wurde. Nur den Kindern Irma und Alfred gelang rechtzeitig die Flucht in die USA - 1989 besuchte Irma, mittlerweile 75 Jahre alt, sogar ihre alte Heimat Lich. Nathan Beaver betont immer wieder, wie dankbar er den Menschen in Lich dafür ist, dass sie das Wissen zusammentragen. Er erzählt, dass er in Tränen ausbrach, als er das erste Mal einen Stolperstein sah; in Nieder-Weisel, dem Heimatort seines Großvaters. "Sie sind ein bewegendes Mahnmal und einfach großartig", betont Beaver.

Bewegend waren die Schilderungen der Nachfahren für Schüler der Dietrich-Bonhoeffer-Schule, die am Morgen gespannt ihren Ausführungen lauschten. "Schockierend, was sie erzählt haben", sagt eine Schülerin.

Es sei wichtig, dass auch die jungen Menschen Mitträger der Erinnerung seien, betont Dr. Wolfhard Kluge in seiner Ansprache. Der Sumpf des Vergessens sei groß. Viel Lob von allen Rednern erhalten die zehn Neuntklässler, die im Wahlunterricht Nachforschungen zu den jüdischen Familien angestellt haben und die Ergebnisse präsentierten.

Kluge ermahnte, dass es heute wieder Grund zur Sorge gibt: "Wir hören neue Hassparolen, wir wissen, dass sich in Deutschland und ganz Europa eine Bewegung zusammentut, die sich als die Identitären bezeichnet. Parteien und Gruppen brechen Tabus und testen Sagbarkeitsgrenzen aus", erläutert Kluge. Die Stolpersteine sind, wie Hille Neumann von der AG Stolpersteine betont, auch eine Warnung, dass Ausgrenzung und Fremdenhass nie wieder Platz in Lich haben sollen.

Christiane Faschon schließt die Erinnerungen an ihren Vater mit einem Satz, dem nichts mehr hinzuzufügen ist: "Möge das Andenken der Ermordeten ein Segen für uns alle sein."

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