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Schauspielerin Melanie Straub (2. v. r.) zu Gast im Traumstern mit Jutta Becker (l.), Susanne Funk und Roland Seifert vom Verein für Psychosoziale Therapie Laubach und Grünberg.

Hoher Besuch

Melanie Straub zu Gast in Lich

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Der für den Oscar nominierte Film "Systemsprenger" sorgt im Kino Traumstern für reichlich Gesprächsstoff. Schauspielrin Melanie Straub gibt überraschende Einblicke.

Lich (nab). Keiner kommt mit ihm zurecht. Dabei will das Mädchen einfach nur zu seiner Mutter. Die aber ist überfordert, genauso wie Erzieher und Therapeuten. Das Kind ist ein "Systemsprenger". Der gleichnamige Film geht für Deutschland ins Rennen um die Oscars. Und im Kino Traumstern sorgte er am Sonntag für Gesprächsstoff.

Denn Systemsprenger, also Kinder, die alle Hilfsangebote sprengen und bei denen alle Maßnahmen nicht helfen, gibt es auch im Landkreis. Erzieher und Therapeuten verzweifeln, weil keine Hilfe fruchtet, so sehr sie sich auch bemühen. Dass der 125 Minuten lange Film von Regisseurin Nora Fingscheidt einen Nerv trifft, war nach der Vorführung, zu der der Verein für Psychosoziale Therapie und die Kinobetreiber eingeladen hatten, häufiger zu hören. Und auch: "Die Szenen kennen wir alle."

Film zeichnet realistisches Bild

Die Szenen, das sind beklemmenden Passagen, in dem Regisseurin Fingscheidt von der neunjährigen Benni (Helena Zengel) erzählt. Sie ist ein zartes Mädchen mit ungestümer Energie. Radikal bricht sie jede Regel, hat Wutausbrüche, die sie unkontrollierbar machen und bei denen sie sich und andere verletzt. Sie fällt durch alle Raster der Kinder- und Jugendhilfe. Erzieher und Psychologen versuchen, Benni eine Perspektive zu geben. Sie behandeln sie mit Respekt und versuchen, Vertrauen aufzubauen. Und dennoch ist das Mädchen unberechenbar.

Im anschließenden Filmgespräch wurde deutlich, dass das Psychodrama ein äußerst realistisches Bild zeichnet. Susanne Funk vom Verein für Psychosoziale Therapie Laubach und Grünberg machte deutlich, dass der Film keine Fantasien zeigt. Mindestens 50 000 Kinder und Jugendliche lebten zurzeit nicht in ihren Familien. "Was ich in 15 Jahren Heimerziehung erlebt habe, ist, dass alle einfach nur wieder zurück zu den Eltern möchten." Funks Kollegin Jutta Becker fügt hinzu: "Bei jeder Hilfe denkt man, jetzt klappt es." Der Film zeige viele engagierte Helfer, die ihr Herz an Benni verloren haben. Aber trotzdem wird es nichts. "Die Situationen im Film sind schwer auszuhalten, das Kind ist schwer auszuhalten und alles drumherum ist schwer auszuhalten." Aber wer hält das Mädchen aus?

Schauspielerin Melanie Straub verkörpert die Psychiaterin Dr. Schönemann und ist zur Matinée gekommen. Sie erzählt, dass sie einmal als Physiotherapeutin in einer Psychiatrie gearbeitet hat und ein Helfersyndrom entwickelte. "Die Dinge haben mich auch zu Hause beschäftigt." Dank des Film werde die Grenze des Systems klar, sagt eine Besucherin der Matinée. "Es gibt massenweise Kinder in Heimen, die mit Psychopharmaka ruhiggestellt werden." Und: "Die Helfer brauchen Hilfe, dafür wird in diesem Staat aber kein Geld ausgegeben." (Foto: nab)

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