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Ulla Limberger

"Man hat plötzlich einen Freiraum, der überraschend ist"

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Lich(lkl). Die Corona-Pandemie hat den Alltag aller auf den Kopf gestellt.

Das öffentliche Leben steht still, soziale Kontakte haben viele nur noch telefonisch oder online. An dieser Stelle werden Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen Einblicke in ihren neuen Alltag gewähren. Heute: Ulla Limberger, ehrenamtlich tätig in der Stadtbibliothek Lich sowie in der Flüchtlingshilfe, Vorstandsmitglied der Kulturgenossenschaft und Stadtverordnete der Grünen.

Frau Limberger, wie verläuft Ihr Tag normalerweise?

Obwohl ich schon älter bin, mache ich noch ein bisschen was berufliches, nämlich im Rahmen des HIPPY-Programms im Kindergarten des Deutschen Roten Kreuzes in Gießen. Das ist ein Familienbildungsprogramm für Migrantenfamilien. Außerdem bin ich im Vorstand der Kulturgenossenschaft in Lich und habe mich dort auch mit um die Kneipe der Kulturgenossenschaft gekümmert. Hinzukommen unter anderem Tätigkeiten im Förderverein der Bibliothek, als Stadtverordnete und im Bildungsbeirat. Im Gegensatz zu jemandem, der täglich acht Stunden berufstätig ist, habe ich die Möglichkeit, zwischendurch Pausen zu machen oder mir den Luxus zu gönnen, spät aufzustehen. Doch trotzdem habe ich ziemlich viel zu tun und denke manchmal: "Oh Gott, schon wieder ein Termin!"

Und wie sieht Ihr Alltag jetzt aus?

Die meisten dieser Sachen ruhen. Bei dem HIPPY-Programm überlegen wir uns, wie wir telefonisch mit den Familien in Kontakt bleiben können, damit die Verbindung nicht abreißt. Das gilt auch für die Flüchtlingshilfe in Lich, wo wir unter anderem Familien bezüglich Kindergarten, Schule oder Arztbesuche betreuen. Wir haben einen Flyer erstellt und eine Notfalltelefonnummer eingerichtet für Probleme, um die wir uns auch in diesen schwierigen Zeiten kümmern müssen. Für die Kneipe der Kulturgenossenschaft müssen wir Soforthilfe beantragen, da klären wir vieles über Videokonferenzen. Zum Teil ist man also noch eingebunden in seine Tätigkeiten, aber man hat auch plötzlich einen Freiraum, der ziemlich überraschend ist. Da ich ein relativ unordentlicher Mensch bin, der in der Wohnung auf jeden Fall immer ganz viel zu tun hat, nutze ich die Zeit, um wieder mal ein bisschen klar Schiff zu machen und Sachen auszusortieren. Ansonsten lese ich sehr viel mehr als sonst und habe dabei festgestellt, dass ich ganz viele Bücher habe, die ich noch nicht gelesen habe.

Was vermissen Sie am meisten?

Am meisten vermisse ich es, Menschen zu treffen, Menschen in den Arm nehmen zu können und nicht auf Abstand gehen zu müssen. Zudem fehlt es mir, einfach unbeschwert das Frühjahr zu genießen und mit Freunden, Bekannten und Verwandten etwas zusammen zu unternehmen.

Was ist positiv?

Gerade weil man nicht weiß, wie es weitergeht, denkt man plötzlich darüber nach, was man eigentlich so macht jeden Tag. Vieles werde ich zwar sicherlich auch nach der Corona-Zeit weitermachen, aber es kann gut sein, manchmal ein bisschen Druck rauszunehmen, über frühere Zeiten und Entwicklungen nachzudenken und sich zu fragen, wie es mit der Gesellschaft weitergeht - und mit der Solidarität, die jetzt gezeigt wird. Ich habe gelesen, dass zum Beispiel in Bellersheim jeden Abend Lieder vom Kirchturm geblasen werden und dort gemeinsam gesungen wird. Dass die Menschen näher zusammenrücken und sich für andere verantwortlich fühlen, das finde ich positiv. Hoffentlich bleibt das auch nach der aktuellen Krise erhalten.

ARCHIVBILD: CON

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