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»Licher lesen« erstmals in der neuen Bibliothek

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Lich (mlu). Das war nicht zuletzt einer der Hauptgründe für den Neubau einer Bibliothek: weil »Licher lesen«. Nachdem sie es bei vergangenen Kulturtagen im »Restaurant am Park« getan hatten, begrüßte Dr. Sybille Starzacher im Namen des Bibliotheksfördervereins am Dienstag erstmals im neuen Medienzentrum, wo acht Licher Momente ihrer Belesenheit aufleuchten ließen.

Eine Absprache fand bezüglich der Textauswahl nicht statt. Der unsystematische Wechsel der Gattungen und Themen war Programm, und ein weiterer besonderer Reiz fand sich schlicht und ergreifend darin, einmal zu erfahren, was eben die Licher so lesen. Hille Neumann, die früher lange Zeit die Bibliothek der DBS betreute, hatte aus deren »Katakomben« ein Lesebuch für Fünftklässler mitgebracht, aus dem sie einen Text von Maxim Gorki zum Besten gab, der mit Rybakows freudigem Staunen endete, nachdem er das Lesen erlernt hat. Diese Faszination darüber, wie man sich vermittels Zeichen »die Gedanken einer fremden Seele zu eigen machen« kann, war ein passender Ausgangspunkt für diese Licher Lesestunde, in der als nächstes ein Text von Jean Jacque Rousseau zu hören war. Der erst einige Tage zuvor und an gleicher Stelle von Dr. Peter Ihring gehaltene Vortrag über dessen »Emil« hatte Edgar Reinhardt motiviert, sich mit den »Bekenntnissen« des rührigen Aufklärers zu befassen. Ihring war es dann, der mit Schiller vors Publikum trat. Der Exkurs zur Schillerrezeption eines Chatrooms, den er seinem lyrischen Vortrag voranschickte, sorgte für erste Lacher, die sich in der Lesung von Lilith Roska, der jüngsten Vorleserin des Abends, mehren sollten.

In ihrer erfrischend natürlichen Interpretation von »Große Schwester, kleiner Bruder« erfasste sie die humoristischen Nuancen jener Kurzgeschichte, die einst den Beginn von Astrid Lindgrens schriftstellerischer Karriere markiert hatte. »Lehrer, lehrt weniger, damit die Schüler mehr lernen können«, lautete das Plädoyer von Katharina Lorbeer, die eine Buchkritik von Reinhard Kahl vorstellte, in der er Bücher zum Thema Lernen von Gerhard Roth und Manfred Spitzer besprochen hatte. Werner Hungenberg, erfahrener Vorleser der Licher Lesewiese seines Zeichens, präsentierte den Roman »Padre Padrone« von Gavino Ledda, der den schwierigen Bildungsweg des Erzählers beschreibt. »Einen sehr persönlichen Text« stellte Angelika Kämmler vor, handelte es sich doch um eine Schilderung des »Untergangs des alten Gießen« im Dezember 1944 aus der Feder ihrer Großmutter Elisabeth Seim. Stand am Beginn der Veranstaltung die Faszination fürs Lesen, so endete sie im Vortrag von Peter Damm unter dem satirischen Motto »Lyrik nervt«.

In seinem Bestreben, den esoterischen Nimbus der Lyrik zu sprengen, hatte sich der Licher Kulturkoordinator Hans Magnus Enzensberger zum Komplizen gemacht.

Dabei hatten die allesamt sehr überzeugenden Vorleser längst bewiesen, dass das neue Literaturhaus am Kirchplatz nicht ein Ort der sozialen Abgrenzung, sondern der gesellschaftlichen Integration ist, in dem man hochkarätige Autoren wie Ingo Schulze empfangen, oder auch einfach sich selbst gefallen kann. (mlu)

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