Hühnermobil

Wie ein Licher Landwirt mit Hühnermobilen dem Trend trotzt

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  • Patrick Dehnhardt
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In Hessen nimmt die Zahl der landwirtschaftlichen Höfe kontinuierlich ab. Alexander Gottuck aber trotzt dem Trend, hat auf Vollerwerb umgestellt. Auch wenn er anfangs Lehrgeld zahlte.

Hier pickt es, da scharrt es, mitten drin bimmelt es: Wenn Alexander Gottuck auf die Fläche vor dem Hühnermobil blickt, sieht er jede Menge Leben. 500 Hühner der Rasse Deutsche ISA-Henne tummeln sich hier auf der eingezäunten Wiese direkt am Hof, begleitet von zwei Ziegen.

Es ist eine Geschichte gegen den Trend. Gottuck ist Landwirt im Vollerwerb. Das war nicht immer so. Doch die Entscheidung, einen sicheren Beruf aufzugeben und sich stattdessen ganz der Landwirtschaft zu verschreiben, hat er nicht bereut.

Höfe-Sterben geht weiter

Das Herz des 37-Jährigen aus Nieder-Bessingen hing schon immer an der Landwirtschaft. Als kleiner Junge war er stets mit dabei, wenn sein Vater aufs Feld ging. Bereits da hatte er sich gedacht: "Du bleibst irgendwann ganz hier." Als Jugendlicher erlebte er, wie die Landwirtschaft und auch der väterliche Hof den Druck des Weltmarktes immer deutlicher spürten. "Du kannst noch so gute Arbeit hier leisten – das interessiert an der Börse keinen."

2010 gab es noch rund 17 800 landwirtschaftliche Betriebe in Hessen. Bei der letzten Zählung im März 2016 waren es 1500 Höfe weniger. Und noch eine Zahl ist bezeichnend. Rund 9800 Höfe, also weit mehr als die Hälfte, werden derzeit im Nebenerwerb geführt.

Hühnermobil zum Verkauf

Gottuck entschied sich zunächst für den sicheren Weg: Eine Ausbildung als Industriekaufmann. Zuletzt war er dann im Vertrieb tätig. Doch die Sehnsucht nach der Arbeit als Bauer – sie blieb. Und letztlich siegte sie auch. Dank eines Zufalls.

Gottuck erfuhr 2016, dass in Muschenheim ein Hühnermobil zum Verkauf stand. Die Technik war damals noch recht neu, mit Hühnern hatte der Familienbetrieb eigentlich keine Erfahrung. Gemeinsam wurde die Entscheidung getroffen, es dennoch zu wagen und im Nebenerwerb in die Selbstvermarktung einzusteigen.

Habicht fand Hühnermobil klasse

Am Anfang kostete dies einiges Lehrgeld. Der Habicht etwa fand es ganz praktisch, dass man ihm die Hühner quasi auf dem Silbertablett servierte. Im ersten Jahr griff der Raubvogel rund 50 Tiere ab. Auch lernte Alexander Gottuck schnell, dass die Tiere ihren eigenen Kopf haben. "Die Hühner machen erst einmal alles – außer das, was du willst."

Ans Leben im Hühnermobil haben sich die Tiere aber schnell gewöhnt. Morgens legen sie ihre Eier auf Dinkelspelzen ab. Die Eier versinken darin langsam, bleiben so sauber. Um 10 Uhr öffnet sich automatisch die Klappe ins Freie. "Wenn das mal nicht funktioniert, machen die gleich Radau." Abends gehen die Hühner von selbst zurück ins Mobil, suchen sich einen Schlafplatz auf der Stange.

Ohne Hahn sind Hühner lauter

Auch andere Landwirte im Kreis schafften sich damals Hühnermobile an. Man sprach miteinander über Erfolge und Misserfolge, lernte von den Fehlern der anderen. Als ihm ein Landwirt berichtete, dass er Ziegen mit Halsglocke als Aufpasser zwischen die Hühner stellte, konnte es Gottuck zunächst nicht glauben. Dennoch probierte er es aus: "Am Anfang standen die Ziegen in der einen, die Hühner in der anderen Ecke und wussten nicht so wirklich, was das soll."

Mittlerweile steht das Geflügel manchmal auf dem Rücken der Ziege – denn sie haben gemerkt, dass die großen Tiere den Habicht verschrecken. Auch sonst suchen die Hühner gerne Deckung. Eine weitere Erfahrung: Wenn Hähne mit dabei sind, sind die Hühner ruhiger. "Ansonsten ist da mehr Gegacker."

Schlachttermine auf Facebook

Die Nachfrage nach Eiern, aber auch Wurst von den hofeigenen Schweinen wurde immer größer. Ein zweites Hühnermobil wurde angeschafft, Alexander Gottuck stieg Vollzeit in den Betrieb ein. Mittlerweile gibt es im Hofladen, der von seiner Frau Liane betreut wird, auch Nudeln sowie Eis und Kartoffeln von befreundeten Landwirten. Außerhalb der Öffnungszeiten (freitags von 16 bis 20 Uhr) können die Kunden in Selbstbedienung aus einem Schrank Wurst und Eier kaufen. Obwohl es keinen Automat gibt, das Geld lediglich in eine Box geworfen wird, stimmt die Kasse fast immer.

Beim Verkauf helfen auch Facebook und die Kontakte zu Freunden. "Wir sind kein Laden, der immer alles hat", sagt er. "Wenn wir einen Schlachttermin haben, wird das bekanntgegeben. Dann ist aber alles auch ganz schnell weg."

Auch beim "Tag des offenen Hofes", einer Aktion des Hessischen Bauernverbandes, ist der Sonnenhof (Ettingshäuser Straße 15) mit dabei. Los geht es am 10. Juni um 10 Uhr. Neben Tänzen der Landjugend und Musik mit den "König Ludwig Musikanten" gibt es um 13 und 15 Uhr Führungen zu den mobilen Hühnerställen. Außerdem werden Kutschfahrten angeboten. Für Kinder gibt es Spielstationen.

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