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Ungewöhnliche Reise

Von Lich nach Teheran allein mit dem Zug - Das hat eine Licherin auf ihrer Reise erlebt

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Caroline Vieregge-Oelschläger ist von vielen vor ihrer Reise gewarnt wurden. Sie hat sich nicht beirren lassen, ist in neun Tage nach Teheran mit dem Zug gefahren - durch sieben Länder, mit 13-mal umsteigen.

Am 29. März um 9.42 Uhr steigt eine Frau am Licher Bahnhof in den Zug nach Gießen. In den kommenden neun Tagen wird sie 13-mal umsteigen. Sie wird sieben Länder durchqueren, sie wird vom Frühling in den Sommer und vom Sommer in klirrende Kälte reisen und rund 5000 Kilometer zurücklegen. Am 6 April um 8.55 Uhr wird sie ihr Ziel erreichen: Teheran.

Die Frau heißt Caroline Vieregge-Oelschlaeger. 64 Jahre alt, vielreisend, neugierig, und wie sie selbst sagt, "nicht ängstlich." Im vergangenen Frühjahr hat sie gemeinsam mit ihrem Mann mehrere Wochen lang den Iran erkundet.

Doch die Anreise hat sie allein gemeistert. Sie ist mit dem Zug gefahren, und sie hat es nicht bereut, im Gegenteil. "Nur offenen Blickes dasitzen und man bekommt soviel geschenkt", erzählt sie in Erinnerung an die Menschen, mit denen sie ein Stück Alltag geteilt hat und an die großartigen Landschaften, die am Fenster an ihr vorbeigezogen sind.

Viele raten ihr von der Reise ab

Vieregge-Oelschlaeger reist viel und fast immer auf eigene Faust. Das Gefühl, aus dem Flugzeug zu steigen und sich unvermittelt mit der Fremde konfrontiert zu sehen, ist ihr wohlvertraut. "Das passt nicht immer", bedauert sie. Stets bleibe eine Lücke, das unbekannte "Dazwischen". Deshalb entschied sie sich bei der Iran-Reise für die langsame Annäherung, den behutsamen Übergang. "Ich wollte ein echtes Gefühl für die Ferne entwickeln."

Die Licherin hat lange gebraucht, bis ihre Entscheidung gefallen war. Sehr gut vorbereitet mit Hilfe von Internetrecherche, Atlanten und Büchern kontaktierte sie ein auf Bahnreisen spezialisiertes Reisebüro. Ihr wird von vielen Seiten abgeraten. Es werde kalt sein und unkomfortabel. Sie werde Verständigungsschwierigkeiten haben. Sie müsse quer durchs Kurdengebiet. Es könnte Anschläge geben. Die Züge in Rumänien und Bulgarien seien völlig unberechenbar, hielten sich an keinen Fahrplan.

Schnapsgeruch im Schlafwagen

Rückblickend weiß die Reisende: "Viele Vorwarnungen treffen überhaupt nicht zu." Kalt und unkomfortabel war es manchmal tatsächlich. Große Verständigungsschwierigkeiten kamen vor, ließen sich aber überwinden. Anschläge hat es nicht gegeben und auch keinen Versuch, sie auszurauben. Und die Züge in Rumänien und Bulgarien waren pünktlich.

Die Licherin reist mit leichtem Gepäck. Geld natürlich am Körper, Handy, Tickets, Kamera im Rucksack und den immer dabei. In der Reisetasche steckt warme Kleidung und Proviant.

Den ersten Vorgeschmack von Fremde bekommt Vieregge-Oelschlaeger gleich am ersten Tag. Abends besteigt sie in Wien den Schlafwagen, der sie nach Bukarest bringen soll. Im Zug hängt Schnapsgeruch, "gefühlt waren da nur Männer." Und auch der Schaffner, der in hellblauen Frotteelatschen unterwegs ist und ihr Ticket einkassiert, macht keinen vertrauenswürdigen Eindruck. "Aber die Karpaten waren toll", erzählt Vieregge-Oelschläger. Ihr Ticket erhält sie später auch wieder zurück.

Unfreiwilliger Anschluss in Bulgarien

Nach ihrer Heimkehr wird sie oft gefragt, was sie die ganze Zeit im Zug eigentlich gemacht habe. "Ich habe aus dem Fenster geschaut." Sie hat viel gesehen, auch Armut und Vernachlässigung. "Rumänien erweckt den Eindruck eines Landes, das sich selbst aufgegeben hat", beschreibt sie ihre Beobachtung. Anders dagegen Bulgarien. Das sei gemessen am Bruttoinlandsprodukt ärmer als die rumänischen Nachbarn, wirke aber intakte.

Auf winzigen Bahnhöfen, "kleiner als der von Lich", muss Vieregge-Oelschläger mehrfach umsteigen. Spezielle Herausforderung: In Rumänien funktioniert keine Uhr, und alle Anzeigetafeln sind dunkel. In Bulgarien leuchten sie zwar, doch die Schrift ist kyrillisch. Doch irgendwie kriegt die Reisende alle Anschlüsse. Und findet nebenbei unfreiwillig Anschluss.

Ein zugestiegener Bulgare, "sehr jung, sehr freundlich und sehr offensichtlich zugedröhnt" will die ungewöhnliche Frau aus Deutschland spontan bis zum Iran begleiten. "Als er dann tatsächlich in den Zug nach Istanbul einstieg, habe ich mir wirklich Sorgen gemacht", erzählt Vieregge-Oelschläger und fügt erläuternd hinzu: "Ich habe zwei Söhne." Beruhigt ist sie, als der junge Mann auf dem Istanbuler Vorort-Bahnhof Halkali wieder den Heimweg antritt.

"Wenn es schiefgeht, geht es auch irgendwie weiter"

In Halkali, einer Mega-City aus Beton, der Tiefpunkt ihrer Reise. "Ich war fertig", erinnert sich die Licherin. "Beim nächsten Mal würde ich mehr Pausen einplanen." Dass sie trotz des unerwartet langen Abfertigungsprozesses am Bahnsteig - "Kontrollen wie im Flughafen" - doch noch ihren Schnellzug erwischt, ist reine Glücksache. Und auch, dass sie tags darauf im unbeschilderten Labyrinth des Bahnhofs von Ankara den Van Gölü Expresi nach Tatvan erreicht.

Der Taxifahrer, der die Fremde vom Hotel zum Bahnhof bringen soll, schlägt nämlich stur den Weg zum Flughafen ein und kehrt erst nach einigem Hin und Her um. Als Vieregge-Oelschläger am Bahnhof ankommt, ist es fast zu spät. Sie stürmt entschlossen an allen Kontrollen vorbei, erreicht in letzter Sekunde den Bahnsteig, an dem zwei Züge stehen und steigt kurzentschlossen in den nächstbesten ein. Es ist der richtige. Ist ihr in solchen Situationen nicht mulmig? "Ich sage mir immer: Wenn es schiefgeht, geht es auch irgendwie weiter. Aber vorher probiere ich wirklich alles."

Ungewöhnlicher Komfort im Van Gölü Ekspresi

Die folgenden 25 Stunden im Van Gölü Ekspresi entschädigten dann für viele Strapazen. Im Abteil ein Kühlschrank, eine Kommode und sogar Kleiderbügel, beim Blick aus dem Fenster fällt der Blick auf die rote Lok, die den Zug durch eine schneebedeckte, menschenleere Landschaft zieht. Längs durch die Türkei geht es ab Tatvan notgedrungen im Sammeltaxi weiter, denn Züge fahren hier nur einmal pro Woche.

Auf 3300 Metern über dem Meeresspiegel erreicht Vieregge-Oelschläger die Grenze zum Iran. Zu Fuß geht sie hinüber auf die andere Seite. Von nun an herrscht Kopftuchpflicht. Über Tabriz erreicht sie am Morgen des 6. April Teheran. Geschafft!

Am Abend trifft mit dem Flugzeug auch ihr Mann ein. Gemeinsam werden die Eheleute in den folgenden Wochen ein Land erkunden, das so ganz anders ist als das Bild, das man sich hierzulande vom Iran macht Aber das ist eine andere Geschichte.

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