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Lich – mehr als nur Bierstadt

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Der demographische Wandel ist hier schon angekommen, nur umgekehrt. Lich wächst und wächst. Warum wollen so viele hier wohnen?

Ganz Lich auf einen Blick? Das hat selbst unser fliegender Fotoexperte Manfred Henß nicht geschafft. Dafür ist die Stadt mittlerweile zu groß. "Boomtown" lautet das Schlagwort, das in Lich in den letzten Jahren oft strapaziert wurde. Aber es stimmt, wie ein Blick in die Statistik zeigt. Vor drei Jahren, Ende 2015, lebten in der Kernstadt 8496 Menschen. Inzwischen sind es 8812.

Einer davon ist Dennis Pucher. Als er 1987 als kleiner Steppke mit seinen Eltern nach Lich zog, musste man noch die berühmten "drei Generationen auf dem Friedhof" nachweisen können, um dazuzugehören. "Das ist heute längst anders", sagt der 39-Jährige, der sich als Geschäftsführer von "Denkstrukturen" beruflich mit der Projektentwicklung gerade im ländlichen Raum beschäftigt.

Wie sich Entwicklung vollzieht, hat er in Lich beobachten können. Vor gut drei Jahrzehnten gab es hier in der Innenstadt noch Landwirte, die Fachwerkhäuser waren verputzt und der Verkehr lief mitten durch die Ober- und Untertorstraße. "Ein Drecksloch", das war die erste und ziemlich uncharmante Wahrnehmung des kleinen Dennis von seiner neuen Heimat. Er hatte vorher in Stuttgart gewohnt, da war es undenkbar, dass man die Stadt zu Fuß durchquerte. Misthaufen und Scheunen gab es dort auch nicht.

Die Wende für Lich kam mit der Stadtkernsanierung, dem Hessentag 1993 und den dazu gehörenden Fördergeldern in Millionenhöhe. "Man hat den Staub weggewischt und heraus kam eine Perle," so beschreibt Pucher den Prozess, der seit den 1990er Jahren Fahrt aufnahm. Heute wirbt Lich mit dem Slogan "eine Stadt zwischen Fachwerk und Moderne".

Aber Modernitätsschub und Wachstum sind nur eine Seite der Medaille. Eine andere, mindestens ebenso wichtige ist das bürgerschaftliche Engagement. Pucher fällt dazu der Bürgerpark ein oder das Waldschwimmbad, die beide von Vereinen unterhalten werden. Man kann die Liste fast beliebig verlängern. Das über einen Verein organisierte Hallenbad fällt einem ein, die Stadtbibliothek, der Internationale Garten, die rege Kulturszene, die Sanierung des Stadtturms durch die Turmfreunde...

Zu letzteren gehört Hannelore Rischmann. Ob sie eine echte Licherin ist? "Aber hallo!" Vor 75 Jahren kam sie im längst abgerissenen Spital in der Gießener Straße zur Welt. Lich war damals ein kleines Landstädtchen. Bauern, Handwerker, vielleicht 4000 Einwohner. Rischmann hat viele Umwälzungen miterlebt. Nach 1945 den Zuzug der Flüchtlinge. Den Modernisierungsschub seit den 1960er Jahren. Und nun den Bauboom. "Das ist der Lauf der Zeit", sagt sie. Sie fühlt sich noch immer geborgen. "Lich hat mir Heimat gegeben", sagt sie. Auch deshalb engagiere sie sich ehrenamtlich. "Die Stadt soll etwas zurückbekommen."

Kunst, Kultur und Geschichte sind Rischmanns Metier. Das hat sie mit den Kirchenplatz-Gauklern gemein, die jedes Jahr zum Historischen Markt eine Episode aus der Stadtgeschichte auf die Bühne bringen. Bei diesen amüsanten Auftritten erfährt man ganz nebenbei, dass in Lich schon immer selbstbewusste Bürger gelebt haben, die, wenn’s sein muss, ihrer Herrschaft bockig die Stirn bieten.

Die Herrschaft: Das waren seit dem 15. und bis ins frühe 19. Jahrhundert die Solmser. Nicht nur, weil Schloss und Schlosspark unübersehbar im Herzen der Stadt liegen, ist das Haus Solms-Hohensolms-Lich bis heute prägend. Dass es in Lich seit 150 Jahren das Rote Kreuz gibt, dass die Liberalen hier zuverlässig ins Stadtparlament einziehen und im fernen Berlin Gelder für die Sanierung der einstigen Bezalels-Synagoge locker gemacht wurden, ist auf den Einsatz der Familie Solms zurückzuführen. Deren prominentester Vertreter ist der FDP-Politiker Hermann Otto Solms. Jedenfalls momentan. Unter anderem ein kaiserlicher Rat, ein berühmter Festungsbauer und eine hessische Großherzogin schmücken die lange Ahnenreihe.

Lich war also lange Residenzstadt. Heute spricht man eher von der "Bierstadt". Die Marke Licher und der Eisvogel als Werbeträger "aus dem Herzen der Natur" sind auch jenseits von Hessen populär. Zudem lockt die Brauerei zahlreiche Besucher an. Laut Unternehmens-Sprecher Patrick Damberg nehmen jährlich zwischen 15 000 und 20 000 Menschen an Führungen oder Veranstaltung teil. Viele von ihnen beenden ihre Visite mit einem frisch Gezapften im 34 Meter hohen Hardtberggarten, dem höchsten Biergarten Lichs. Von hier aus bietet sich ihnen ein guter Blick auf die ganze Stadt. Weiter kommen sie aber häufig nicht. Dennis Pucher, der im Stadtparlament sitzt, findet das schade. Einen solchen Frequenzbringer, findet er, sollte man doch besser nutzen. Lich ist schließlich nicht nur von oben schön.

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