Auf den Bessinger Kuppen leiden die Buchen nach drei Jahren Trockenheit: Unten noch grün, setzt in der Krone schon die Dürre ein.	FOTO: S=
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Auf den Bessinger Kuppen leiden die Buchen nach drei Jahren Trockenheit: Unten noch grün, setzt in der Krone schon die Dürre ein. FOTO: S=

Kreis Gießen

Lich: Wald wandelt sich massiv – Buchen auf Rückzug

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Die Buchen leiden. Und wenn sie zu sehr leiden, dann sterben sie. Auch auf den Bessinger Kuppen. Da wird sich der Wald verändern. Wie und was zu tun ist, das haben der Licher Stadtförster Ulrich Gessner und Bürgermeister Julien Neubert vor Ort erörtert.

Lich – Die Buche büßt auch bei uns ihre Vorherrschaft ein«, prognostiziert der Licher Stadtförster Ulrich Gessner. Denn der »Brotbaum«, mit dem die Waldbesitzer in der Region über Jahrzehnte auch Geld verdienen konnten, bereitet zunehmend Probleme. Auch und gerade an eher trockenen Standorten. Die Bestände dort leiden mächtig. Teils 100 Jahre alte Bäume sind zwar unten noch grün, aber an der Spitze kahl. Beim Ortstermin im Wald, an den Bessinger Kuppen, zeigt der Förster Bürgermeister Julien Neubert und der Ober-Bessinger Ortsvorsteherin Karin Römer die Schäden. Denn diese Flächen haben eher dünnere Lößschichten, sind eher trocken. Da hat der Baumbestand in den vergangenen drei trockenen Sommern am deutlichsten gelitten.

Vor allem aber: Die natürliche Verjüngung im Wald funktioniert nicht mehr wie einst: Die älteren Bäume sterben zwar ab, doch es kommt von unten kein junger Buchenbestand mehr nach, wenn das Wasser fehlt. Gessner: »Die natürliche Regenerationskraft der Buche ist am Ende.«

Lich (Kreis Gießen): Buche fällt hinter anderen Baum-Arten zurück

Des erfahrenen Forstmannes Prognose: Die Eiche wird dort noch am ehesten kommen. Zudem rücken Baumarten in den Blick, die man in den vergangenen Jahrzehnten in der Waldwirtschaft kaum auf dem Schirm hatte: Die Elsbeere etwa, oder der Rotahorn. »Wir müssen uns breit aufstellen und viele Baumarten mischen«, empfiehlt Gessner. Und Nadelholz? »Nadelbäume wie Fichten oder Lärchen würde ich auf trockenen Standorten gar nicht mehr pflanzen«, sagt der Förster. Dass Fichte und Co seit Längerem Sorgen bereiten und vielfach aus den Wäldern verschwinden, das haben die meisten schon gesehen. Aber dass es nun auch die Buche als eigentlich konkurrenzstärkste Baumart hart trifft, das muss erst einmal verdaut werden.

2018, da ist sich der Licher Stadtförster mit den meisten seiner Kollegen einig, das war das Jahr der Zäsur. Seitdem wird wenigstens ebenso viel sterbendes Holz aus dem Wald entnommen wie nachwächst. Auf den rund 1580 Hektar Stadtwald in Lich und den umliegenden Dörfern gibt es jährlich einen Zuwachs aus Holz von rund 10 000 Festmetern. Als Einschlag waren meist um die 9000 Festmeter geplant, die dann auch vermarktet wurden. Damit war ein steter leichter Zuwachs an Holz gesichert. Jetzt aber werden seit bald drei Jahren nur noch kranke und sterbende Bäume eingeschlagen. Und zwar bald in der Größenordnung des natürlichen Zuwachses an Holz. Stehen lassen und Abwarten ist auch schwierig. Denn wenn man die Bäume rechtzeitig entnimmt, dann kann man sie wenigstens noch vermarkten.

Wald in Lich wird sich laut Experten deutlich verändern

Was das für den Licher Stadtwald und im Besonderen für die Bessinger Kuppen bedeutet, verschweigt Gessner nicht: »Das Bild des Waldes wird sich in den kommenden Jahren deutlich verändern.« Und er hofft, dass sich die Bessinger daran gewöhnen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig?

Förster Ulrich Gessner umreißt die Arbeiten der kommenden Monate und Jahre nahe Ober-Bessingen und Nieder-Bessingen sowie im weiteren Licher Forst: Auf den Flächen, denen kranke und sterbende Bäume entnommen werden, soll zwei bis drei Jahre später wieder aufgeforstet werden. Dann erst, wenn sich der kaputte Bestand ganz aufgelöst hat.

Umfangreiche Pflanzungen im Wald von Lich

Viel Arbeit für die derzeit vier städtischen Forstwirte und weitere Hilfskräfte wie Praktikanten und Studenten sowie Unternehmer, die die Stadt im Einsatz hat. Wohin die Reise geht, das zeigen zwei Zahlen: Im März/April dieses Jahres wurden 32 0000 kleine Bäumchen im Wald nachgepflanzt. Für das kommende Frühjahr sind bereits 46 000 Setzlinge eingeplant. Eine Zwei-Mann-Rotte versierter Arbeiter schafft es, am Tag 700 bis 800 Exemplare zu pflanzen. Das zeigt die Dimension des Vorhabens.

Deshalb denken die Licher auch darüber nach, Bürger zu einer gemeinsamen Pflanzaktion zu bitten. Ganz so, wie sich die Ober-Bessinger Ortsvorsteherin Karin Römer noch aus ihrer Kindheit erinnert. Wobei auch klar ist, dass dies einen größeren logistischen Aufwand bedeutet, unter Corona-Bedingungen zumal. Insofern ist hinsichtlich dieser Idee noch nichts entschieden.

Bürgermeister Julien Neubert, in seinem ersten Jahr im Amt, weiß, dass der Forst im städtischen Etat normalerweise mit einer halben Million Euro in Einnahmen und Ausgaben veranschlagt ist. Ziel ist eine »schwarze Null«, um nicht draufzulegen. Rund 200 000 Euro werden normalerweise für neue Kulturen veranschlagt. Doch da wird die Tendenz steigend sein.

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