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Harter Test

In Lich können Polizei-Anwärter ihre sportlichen Grenzen testen

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Die Polizei braucht überall Nachwuchs. Um mehr Bewerber anzusprechen, wurden bereits einige Zugangsvoraussetzungen geändert, aber nicht wie oft angenommen im Sporttest.

Ein Zuckerschlecken wird das heute nicht - das macht ein Satz von Einstellungsberaterin Corina Weisbrod schnell deutlich: "Wer sich übergeben muss, der geht raus." 16 junge Männer und Frauen sitzen vor ihr in der Halle der Bereitschaftspolizei in Lich, angespannt folgen sie den Anweisungen der Beamtin. Weisbrod geht die Übungen durch, die heute auf dem Plan stehen: 8er-Lauf, Bankdrücken, 5er-Sprunglauf und 500-Meter-Wendelauf. Die jungen Polizeibewerber nicken stumm. Die meisten von ihnen wissen, was gleich auf sie zukommt.

Die Polizei braucht mehr Nachwuchs. Einstellungsberater Jürgen Schlick erklärt das so: "Die Bandbreite an Aufgaben hat sich in den vergangenen Jahren stark vergrößert. Gleichzeitig kommen derzeit nicht genug junge Kollegen nach." Zunehmende Angst vor Terror, Cyberkriminalität, verstärkter Extremismus und mehr Großveranstaltungen stellen die Polizei vor enorme Herausforderungen und machen den Wunsch nach verstärkter Polizeipräsenz laut, sagt er. Der Berg an Überstunden wächst, und zudem droht neben den geburtenschwachen Jahrgängen eine Pensionswelle.

Polizei: 30 Prozent schafft den Test

Bis zu 1100 Menschen sollen dieses Jahr in Hessen eingestellt werden. In Anbetracht der Tatsache, dass im vergangenen Jahr 8275 Bewerbungen eingingen und 2018 sogar 9087, scheint die Zahl machbar. Doch nur etwa 30 Prozent aller Bewerber schafften bisher das Eignungsauswahlverfahren.

Alle Polizeianwärter hierzulande müssen in Wiesbaden einen zweitägigen Eignungstest bestehen. Am Computer werden unter anderem Mathe- und Deutschkenntnisse sowie logisches Denken abgefragt. Anschließend stehen eine Gruppenaufgabe sowie ein Einzelinterview an. Am nächsten Tag erfolgt eine polizeiärztliche Untersuchung. Vor all dem müssen die Bewerber aber ihre Fitness unter Beweis stellen. Auf den Sporttest lässt es sich am besten vorbereiten, denn die Anforderungen sind klar. Trotzdem fallen auch hier Bewerber durch. Warum?

Lich: Probetest einmal im Monat

Ein paar Klimmzüge und man ist dabei? Fehlanzeige. "Wir nehmen hier nicht jeden", sagt Weisbrod, "ich weiß nicht, warum sich dieses Gerücht so hartnäckig hält." Es ist nicht nur falsch, sondern schadet auch, denn laut Weisbrod gebe es durchaus Bewerber, die mit einer völligen Fehleinschätzung ihrer eigenen sportlichen Leistung am Test teilnehmen. Um dem entgegenzuwirken gibt es seit einiger Zeit Probesporttests. Einmal im Monat findet ein solcher bei der Bereitschaftspolizei in Lich statt. Bewerber sollen so die Möglichkeit haben, ihre eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen.

Der Test in Lich steht dem in Wiesbaden in nichts nach, das macht Weisbrod allen Anwesenden immer wieder klar. "Geht an eure Grenzen", animiert sie die Bewerber, die sind bei vielen schon nach der ersten Übung erreicht. Knallrot bis kreidebleich - einige Gesichter sprechen Bände. Der 8er-Lauf gilt als härteste Übung. Dabei gilt es, ein Feld mit vier Elementen fünf Mal in Form einer Acht zu durchlaufen. Leon Wedel (Foto) hat den Test gepackt, er wischt sich den Schweiß von der Stirn. "Ich hatte ziemlichen Respekt davor", sagt der 19-Jährige aus Lich etwas atemlos. Als Fußballspieler habe er sich, was die Kondition betrifft, aber gut vorbereitet gefühlt und zudem speziell für diese Übungen trainiert.

Polizei: Sport gehört zum Beruf

Viele Bewerber haben das so gemacht. Die, denen das Training fehlt, sind darum schnell auszumachen. "Ich wusste, dass es schwierig wird", sagt etwa die 19-jährige Leonie Daniel, "aber ich dachte, dass es mir leichter fallen würde." Sie hat den 500-Meter-Lauf abgebrochen, mit ihren Kräften war sie einfach am Ende. "Ich bin ziemlich enttäuscht von mir selbst. Aber auch noch motivierter, es beim nächsten Mal zu packen."

Die sportlichen Anforderungen bei der Polizei sind nach wie vor hoch. Sie zu senken war nie Zweck der Sache und wird es auch nicht sein. Das gelte für alle Tests. "Darum geht es nicht", sagt Schlick ernst, "wir wollen den Bewerbern die Angst nehmen und sie gezielt auf die geforderten Leistungen vorbereiten."

Sport gehört zum Berufsleben eines Polizisten - das kann Einstellungsberater Schlick gut vermitteln. Er nennt etwa die gesundheitlichen Aspekte. "Sport dient als Stresskompensator", sagt er, "als Polizist sammelt man viele Eindrücke. Kommt mit vielen Menschen zusammen und sieht viele Dinge. Nicht alle davon sind gut". Auch Weisbrod weiß: "Im Einsatz wird es auch mal hart. Da hilft es nicht zu jammern, da muss man sich durchbeißen."

Polizei: Vielen fehlt der Respekt

Der Job eines Polizisten ist anspruchsvoll und wird auch in Zukunft nicht einfacher - das wollen die Einstellungsberater vermitteln. Gleichzeitig gilt es, Zweifel aus dem Weg zu räumen. Denn auch das veränderte Berufsbild eines Polizisten habe eine abschreckende Wirkung. "Die Zeiten haben sich verändert", sagt Schlick, "vielen fehlt der Respekt vor den Beamten." So würden auch Polizisten immer häufiger angegangen. Das müsse man aushalten können. Trotzdem: "Der Job ist wahnsinnig vielseitig", sagt Schlick, "ich würde ihn immer wieder machen."

Bewerber wie Leonie Daniel bestärkt das in ihrem Berufswunsch. "Es gibt so viel Hass und Gewalt", sagt sie, "dagegen muss man etwas tun." Solche Anwärter braucht es - das würden auch die Einstellungsberater unterschreiben. Zumindest mit dem Sporttest sollen sie nicht vertrieben werden, darum die zielgerichtete Vorbereitung. Denn, wie Beraterin Weisbrod sagt: "Hier muss wirklich keiner durchfallen."

Info: Erneuerte Anforderungen

Die Polizei braucht bundesweit Nachwuchs. Die Einstellungskriterien wurden darum teilweise erneuert. Zum einen wurde das Höchstalter für Polizei-Anwärter von 32 Jahre auf 36 erhöht und zum anderen die Mindestgröße von 1,60 Meter auf 1,55 gesenkt. Außerdem, so sagt Jürgen Schlick, gebe es seit kurzer Zeit die Möglichkeit, die Tests in Wiesbaden öfter als bisher zu wiederholen. Zudem wächst mit den Aufgaben der Polizei auch das Ausbildungsangebot. Ab September wird es etwa das Studium mit dem Schwerpunkt "Cyberkriminalistik" geben.

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