Ulrike Ruppel, Monika Böhler-Stoppel sowie Christa und Gerhard Dörmer bedauern das Aus des Lederwarengeschäfts. NAB
+
Ulrike Ruppel, Monika Böhler-Stoppel sowie Christa und Gerhard Dörmer bedauern das Aus des Lederwarengeschäfts. NAB

Nach 82 Jahren

Lederwaren Dörmer in Lich macht Ende Juni zu

  • Nastasja Akchour-Becker
    vonNastasja Akchour-Becker
    schließen

Die Folgen der Corona-Pandemie haben dem Traditionsgeschäft Dörmer den Rest gegeben. Ende Juni schließt der Laden. "Das Internet ist der Tod der Fachgeschäfte", so das traurige Fazit.

Generationen von Licher ABC-Schützen haben ihre Schulranzen bei Lederwaren Dörmer gekauft. Auch Bürgermeister Julien Neubert war dabei, erinnert sich Inhaberin Monika Böhler-Stoppel. "Es ist schön, wenn die Kinder von damals jetzt mit ihren Kindern kommen, um den Schulranzen zu kaufen", sagt ihre Mitarbeiterin Ulrike Ruppel.

Doch dieses Jahr ist alles anders bei Lederwaren Dörmer in der Licher Oberstadt. Erst musste die Ladenbetreiberin im Zuge der Shutdown-Maßnahmen das Geschäft für mehrere Wochen schließen, dann brachen auch noch die Tage weg, die immer für guten Umsatz sorgten: Kein Ostergeschäft, kein Frühlingserwachen, kein Historischer Markt.

"Das Lager ist voller Schulranzen, aber die Leute haben sie bereits im Internet bestellt", sagt Böhler-Stoppel. Auch Koffer werden zurzeit kaum verkauft, die Menschen sind unsicher, wissen nicht, ob sie vereisen können. "Hinzu kommt, dass infolge der Coronavirus-Pandemie viele Lieferketten nicht mehr funktionieren", sagt die studierte Modedesignerin, die seit 1995 in dem Geschäft arbeitet und es 2008 von Christa und Gerhard Dörmer übernommen hatte.

Lieferanten stehen selbst kurz vor der Insolvenz

"Man bekommt keine Ware nachgeliefert und kann den Kunden nicht versprechen, wann und ob etwas Bestelltes überhaupt ankommt." Und Lieferanten wie beispielsweise der namhafte Taschenhersteller Picard aus dem Kreis Offenbach stehen selbst kurz vor der Insolvenz.

"Die Geschäftsaufgabe fällt uns sehr schwer, wir hängen sehr daran", sagen Monika Böhler-Stoppel und Mitarbeiterin Ulrike Ruppel. "Wir arbeiten hier seit 25 Jahren zusammen, sind Freundinnen geworden." Zusammen mit den Dörmers sei man wie eine große Familie. "Und auch den Kunden, können wir gar nicht genug danken. Viele halten uns schon lange die Treue."

Doch am Ende sei ihnen die Kraft ausgegangen, sagt Böhler-Stoppel: "Wir haben lange hin- und her überlegt, was wir machen sollen." Eigentlich wollte die 66-Jährige so lange offen lassen, wie sie Spaß daran hat. Doch die Pandemie hat dem Vorhaben, auch mit 70 noch hinter dem Tresen zu stehen, den Rest gegeben. Ende Juni wird nun Schluss sein.

"Made in China gab es nicht"

Einfach ist ihr dieser Schritt ganz und gar nicht gefallen. Schließlich hat das Geschäft eine lange Tradition. Sattlermeister Ludwig Dörmer gründete es am 7. April 1938. "Zunächst wurde dort Leder für Kutschengeschirre verarbeitet, später kamen Polsterarbeiten hinzu", erinnert sich Sohn Gerhard Dörmer der im gleichen Jahr geboren wurde, später eine Sattler- und Autosattlerlehre absolvierte und 1965 die Meisterprüfung zum Raumausstatter ablegte.

Bis 1956 zeigte ein Schaukasten handwerklich gefertigte Schulranzen und Taschen. Mit dem ersten großen Umbau 1957 bekam die Front große Schaufenster, die nun voller Lederwaren, Koffer und Reiseartikel waren. Nach dem plötzlichen Tod des Vater übernahm 1967 Gerhard Dörmer das Geschäft. "1980 zog der Bereich der Heimtextilien ins Nebengebäude", erinnert sich Gerhard Dörmer, der den Laden bis 2008 in zweiter Generation führte. "Uns war immer der Qualitätsgedanke verbunden mit Serviceleistungen wichtig." Deshalb zählten namhafte Hersteller und führende Weltmarken zum Sortiment. 90 Prozent der Waren kamen aus Deutschland, der Rest beispielsweise aus Italien.

"Made in China gab es nicht", erzählt Dörmer, Ersatzteile konnten jederzeit bestellt werden. Heute sei das Internet der Tod der Fachgeschäfte, sagt Dörmer. Finanziell lohne es sich nicht mehr, einen solchen Laden zu führen.

Selbst einer Abschiedsfeier machen die Beschränkungen durch das Coronavirus einen Strich durch die Rechnung. Die Frauen sind traurig, dass sie den Kunden nur mit Abstand Lebewohl sagen können, ohne sie zu drücken. "Uns war es immer wichtig, dass wir unsere Kunden mit Herz bedienen", sagt Böhler-Stoppel. Ihr schießen Tränen in die Augen: "Das kriegt man im Internet nicht."

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare