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Ein Kuss von Béatrice

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Unser Kinokritiker Sascha Jouini hat den Film gesehen. Seine Kritik: Inspirierte Arbeit des Regisseurs Martin Provost.

Mit manchen Partnern ist man jahrelang zusammen und bleibt einander fremd, doch kann man mit jemandem eine einzige Nacht verbringen und innige Verbundenheit verspüren, sagt Béatrice (Catherine Deneuve) zu Claire (Catherine Frot). Gleichsam als Begründung dafür, dass sie sich nach über dreißig Jahren wieder bei ihr meldet. Einst war sie mit Claires Vater Antoine liiert, ehe sie Schluss gemacht hat, und will nun Vergangenes aufarbeiten. Anlass: Sie ist an Krebs erkrankt und wird womöglich bald sterben.

Der französische Regisseur und Drehbuchautor Martin Provost zeichnet ein detailreiches Porträt der beiden recht unterschiedlichen Frauen. Während Béatrice sich kumpelhaft gibt, Claire gleich beim ersten Treffen Whisky anbietet, bleibt die 49-Jährige auf Distanz. Sie fühlt sich verraten, hat die Ex ihren Vater doch urplötzlich verlassen – mit fatalen Folgen.

Intensiv bringt Provost das Spannungsverhältnis zwischen den beiden Protagonistinnen zur Geltung. Während Béatrice genusssüchtig und selbstfixiert wirkt, erweist sich Claire als sehr bescheiden, fast asketisch. Einen Freund hat sie nicht, außerdem trinkt sie keinen Alkohol. Die Hauptdarstellerinnen verleihen den Figuren markantes Profil. Deneuve treibt virtuos die Diskrepanz zwischen der glamourösen Ausstrahlung und dem verletzlichen Ego der Anfangsiebzigerin auf die Spitze. Von einer besseren Existenz träumend, täuscht Béatrice eine andere Identität vor. Demgegenüber ist Claire bodenständig. Frot vermittelt ein genaues Gespür, wie einfühlsam die erfahrene Hebamme ihre Tätigkeit ausübt, dabei auch in schwierigen Situationen meist die Nerven bewahrt. Für Claire kommt die Geburtshilfe einer Berufung gleich; die Schließung der unrentablen Klinik stellt sie auf eine harte Probe.

Verbunden durch Geschichte

Die Frauen verbindet ihre Geschichte. Eigentlich hätte Claire nach dem, was sie in der Kindheit erlitten hat, allen Grund, Béatrices Kontaktversuchen den Riegel vorzuschieben. Gleichwohl öffnet sie sich; gerade an dem Punkt wird die Tragikomödie interessant. Die beiden Protagonistinnen leben in verschiedenen Welten und bewegen sich doch aufeinander zu. Realistisch mutet an, wie sie dabei eigene Gewohnheiten beibehalten, Béatrice etwa trotz Krebs weiter raucht und trinkt, während Claire ihr oberlehrerhaft dies vorwirft. Bei allen Differenzen können sie voneinander lernen. So wird sich die Hebamme der Endlichkeit des Daseins bewusst und entdeckt mit dem liebenswürdigen Fernfahrer Paul (Olivier Gourmet) die Freude an der Zweisamkeit.

In ihrer Toleranz gefordert ist sie, als ihr Sohn Simon ihr mitteilt, dass er sein Medizinstudium aufgeben will. Sie stößt hier an verstandesmäßige Grenzen; deutlich wird, wie sie eigene Ideale in ihn hineinprojiziert.

Provost beleuchtet inspiriert das Leben mit allen Höhen und Tiefen – in den berührenden Schicksalen können viele Zuschauer eigene Erfahrungen wiederfinden.

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