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Roman Geyer vor einem von ihm bearbeiteten Ölgemälde.

Kunst aus Ladenhütern

  • Patrick Dehnhardt
    VonPatrick Dehnhardt
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Lich (pad). Wenn mitten im Heimatidyll auf einmal eine Satellitenschüssel am Fachwerkhaus hängt und der überquellende Mülleimer prominent im Bild steht, ist klar: Roman Geyer ist am Werk. Nun begann seine Ausstellung »Analog meets digital« im Kulturrestaurant »Savanne«. Die Schau ist dort noch bis Sonntag, 30. Januar, zu sehen.

Schreckensszene in malerischem Tal

Mit dem Untertitel »Anachronistische Collagen und Upcycling« lässt sich das Kunstprojekt perfekt beschreiben. Roman Geyer kauft zum Beispiel auf Flohmärkten alte »Ölschinken« mit Heimatbildern, religiösen Motiven oder einfach nur puren Kitsch, die einst dem Zeitgeist entsprachen, heute aber eher Ladenhüter sind. Genau diese Kunstwerke recycelt er, verändert sie, bringt sie in eine neue Zeit. Er fügt Elemente aus der Gegenwart ein - mit einer erschreckenden Präzision.

Da hängen etwa über einer Jagdszene aus dem 16. Jahrhundert Satellitenschüsseln an den Häusern oder es schießt eine junge Frau im Bikini am Strand ein Selfie, während im Hintergrund Frauen in Badekleidung von 1900 unterwegs sind. Mitten im malerischen Tal steht ein Mülleimer, beim Strandspaziergang mit Muschelsuche häuft sich ein Berg von Rettungswesten ertrunkener Flüchtlinge.

Das erschreckende am Upcycling ist, dass die Bilder dadurch sehr realistisch werden. Sie zeigen die Elemente, welche die meisten Menschen versuchen würden, aus dem Bild zu verbannen, da sie die perfekte Inszenierung einer Szene stören. Bei Roman Geyer treten hingegen genau diese Elemente in den Vordergrund.

Ein Höhepunkt des Upcyclings sind dabei drei Bilder, die Geyer aus dem Nachlass des englischen Fußball-Nationalheldens Bobby Moore ersteigert hat. Diese wurden von ihm in den Zyklus »The clubbists« umgewandelt. Mark Zuckerberg, Bill Gates und weitere Größen des Computer- und Internetzeitalters treffen sich nun darauf zum Clubtreffen.

Die Themen »Flüchtlinge« und »Vermüllung des Planeten« sind Geyer eine Herzensangelegenheit. »Das sind die Themen, um die sich Künstler kümmern müssen«, erklärt er. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Überarbeitung von Postkarten. Diese sieht er als einen Vorlauf der Whatsapp-Nachrichten mit Bildern und Grüßen aus dem Urlaub. Die Grundbotschaften haben sich dabei nur sprachlich, jedoch nicht wirklich inhaltlich verändert, seitdem Onkel Georg aus dem Italienurlaub 1955 voller Stolz seine erste Postkarte schickte.

Aufgrund der Pandemielage wurde auf eine Vernissage verzichtet. Falls die Situation es zulässt, soll es am 30. Januar eine Finissage geben. FOTO: PAD

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