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Kulturhauptstadt Lich

  • Patrick Dehnhardt
    VonPatrick Dehnhardt
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Wenn man von außen Kultur nach Lich bringen wollte, wäre dies so, als würde man Eulen nach Athen tragen: Vor Ort gibt es ein vielfältiges Angebot. Davon überzeugten sich nun Umweltministerin Priska Hinz und Kulturministerin Angela Dorn. Sie erfuhren dabei, was sich die Akteure vor Ort noch wünschen.

Früher glaubten manche Menschen in der Großstadt, den »Bauern auf dem Land« müsse man Kultur beibringen. Ensembles und Künstler wurden samt Instrumenten in die Provinz gekarrt, um dort für »Zivilisation« zu sorgen.

»Das ist eine antiquierte Vorstellung«, sagte Kunstministerin Angela Dorn nun bei ihrem Besuch in Lich, und: »Man muss Kultur nicht in den ländlichen Raum bringen. Kultur passiert hier«. Lich sei als »Kulturhauptstadt des Landkreises« ein Paradebeispiel dafür, wie sich so etwas vor Ort von selbst entwickeln kann. Zusammen mit Umweltministerin Priska Hinz und begleitet von Teams des Hessischen Rundfunks und SAT1 informierte sie sich über die Arbeit des Vereins »künstLich«, das Kino Traumstern und die weiteren Akteure vor Ort.

Peter Damm (künstLich) zeigte bei einem Rundgang die Vielfalt der Orte, die der 2003 gegründete Verein bespielt. Die Konzerte, Lesungen und weiteren Veranstaltungen im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge sind in der Region bekannt.

Neu ist, dass der Verein nun auch die nach dem Umzug von Blumen Volz freigewordenen Räume bespielt. Bei »Kunst in Licher Scheunen« haben sich diese bereits bewährt; sie sollen nun beim November-Gedenken wieder genutzt werden.

Das »statt giessen« hat seine Krisenzeit mittlerweile überwunden. Diese begann, als das alte Kneipengebäude wegen Einsturzgefahr abgerissen werden und der langjährige Wirt Ghirmay Habton für sein Kulturrestaurant »Savanne« notgedrungen einen anderen Standort suchen musste. Als nach langer Wartezeit der Neubau fertig war, scheiterten zahlreiche Pächter daran, den Raum wirtschaftlich erfolgreich zu bespielen.

Dies ist nun Hans-Jürgen Schäfer gelungen. Er hat den Gastraum aus seiner sterilen Atmosphäre einer Museumskantine geholt und in einen Ort verwandelt, in dem man heutzutage wieder gerne verweilt. Die kleine Bühne dient für Auftritte vor einem engen Publikumskreis.

Die größte Bühne, die »künstLich« zur Verfügung steht, ist die vor der Leinwand im Kino Traumstern. Damm erklärte, dass sich der Verein 2003 gebildet habe, um die Kinomacher zu entlasten: »Es wurde klar, dass sie nicht alle Live-Veranstaltungen mehr allein ausrichten konnten.«

Die Vielzahl der Veranstaltungen und der Akteure beeindruckte die Ministerinnen - und auch, dass sich diese nicht auf die Kernstadt allein beschränkt. Alexandra Renkawitz stellte als Beispiel den Dorf- und Kulturladen Eberstadt vor. Dieser war vor acht Jahren mit dem Ziel an den Start gegangen, nicht nur eine Grundversorgung in Sachen Lebensmittel anzubieten, sondern auch einen Ort für Lesungen, Konzerte und Ausstellungen zu bieten. Bei der Reihe »Midde in de Woch« kam seitdem das Dorf zusammen.

Kleine Bühne in jedem Ort gefordert

Selbst die Pandemie konnte den Dorfladen nicht gänzlich ausbremsen: Als Lebensmittelgeschäft durfte er unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln öffnen. Zwischen Konservendosen und Getränken hingen dabei Kunstwerke an den Wänden, welche die Kunden im Vorbeigehen betrachten konnten. Der Kulturladen sorgte somit auch für eine kulturelle Grundversorgung, was von den Besuchern dankbar aufgenommen wurde. »Alle haben diese Kulturinsel genossen«, sagte Renkawitz.

Hans Gsänger (Kino) sagte, dass sich in diesem Sommer die vielen kleinen Bühnen gut bewährt haben, Spielangebote unter freiem Himmel viel Publikum fanden. Es brauche in jedem Ort eine kleine Bühne mit Überdachung und Stromanschluss, die sich mit ein paar Handgriffen für Auftritte einrichten lässt. Dies würde die Schwellen für Auftritte von Kulturschaffenden und Vereinen senken. »Die Pandemie wird uns weiter beschäftigen. Es wird wichtig werden, Veranstaltungen im öffentlichen Raum anzubieten«.

Ministerin Hinz sagte, dass solche Kulturangebote mittlerweile ein zentrales Element seien, wenn man von der Gleichheit der Lebensverhältnisse zwischen Metropole und Land spricht. Landrätin Anita Schneider erläuterte, dass man sich dieses Standortfaktors bewusst sei. Erster Stadtrat Michael Pieck berichtete, dass er sogar einige Bürger kenne, die nur deshalb nach Lich gezogen seien, weil das Kulturangebot so vielfältig sei.

Peter Damm berichtete, dass für das Unternehmen Branopac neben der Ausstattung der Schulen und Infrastruktur auch das Kulturangebot ein Grund gewesen sei, sich am Standort Lich anzusiedeln. Sonst hätte man die Mitarbeiter nicht bewegen können, aufs Land zu ziehen.

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