Zugversuch an der Ober-Bessinger Friedenseiche: Während das Drahtseil mittels eines Greifzugs gespannt wird, erfassen Sensoren am Stamm der Eiche die Dehnung der Holzfasern (kleines Foto). FOTOS: PAD
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Zugversuch an der Ober-Bessinger Friedenseiche: Während das Drahtseil mittels eines Greifzugs gespannt wird, erfassen Sensoren am Stamm der Eiche die Dehnung der Holzfasern (kleines Foto). FOTOS: PAD

Kräftig am Baum gezogen

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Ein Pilz hat dem Ober-Bessinger Eichbaum schlimm zugesetzt. Ob er gefällt werden muss, soll ein Baumgutachten klären. Dafür wurde am Montagmorgen kräftig am Baum gezogen.

Die Spannung steigt - und dies nicht nur bei den Zuschauern: Mit jeder Hebelbewegung wird die Spannung auf dem Drahtseil mehr, das zwischen dem Traktor des Bauhofs und der Krone des Ober-Bessinger Eichbaums gespannt ist. Ziel ist dabei jedoch nicht, den Baum umzureißen. Stattdessen soll mittels Zugversuch die spannende Frage geklärt werden, ob der Baum noch zu retten ist.

Am 2. September 1913 war die Eiche im Zentrum von Ober-Bessingen anlässlich des Sedanstages gepflanzt worden. 107 Jahre später macht dem ortsbildprägenden Baum ein Pilz zu schaffen. Er hat das Wurzelwerk befallen und teilweise zersetzt. Eine Expertise soll nun klären, ob das Wahrzeichen aus Sicherheitsgründen gefällt werden muss oder sich mit einem starken Rückschnitt der Krone erhalten lässt.

Windböe simuliert

Rund ein Dutzend Ober-Bessinger verfolgt am Montagmorgen um 7 Uhr die Prüfung. Zunächst steigt eine Baumklettererin in die Krone der Eiche. Sie bringt zwei Bandschlingen am Stamm an. An diesen befestigt sie mittels Schekeln zwei Seile, über die am Baum gezogen werden soll.

Gleichzeitig montiert Baumgutachter Bernd Kimmel seine Messinstrumente im Wurzelbereich der Eiche. Zwei Sensoren messen, wie stark sich der Wurzelteller während des Zugversuchs neigt. Weitere Sensoren erfassen, wie stark sich die Holzfasern dehnen und ob sie noch bruchsicher sind.

"Wir simulieren eine Windlast", erklärt er - sprich eine starke Sturmböe. Dafür wird mit fast 15 000 Newton - das entspricht rund 1,5 Tonnen - über die Seile an dem Baum gezogen.

Dieser Zug wird langsam aufgebaut: Über einen Greifzug wird das Drahtseil Stück um Stück gespannt. Ein Kraftmesser zeigt an, ob die für die Prüfung notwendige Spannung erreicht ist. Während das Drahtseil am Ende so straff ist, dass man einen Seiltänzer darüber schicken könnte, bemerken die Zuschauer am Baum keine sichtbare Veränderung. Anders die Instrumente: Sie haben die Veränderungen im Holz genau aufgezeichnet.

In zwei Richtungen wird am Montagmorgen an der Eiche gezogen, dann ist die Messung beendet. Baumgutachter Kimmel wird die Messwerte nun mittels einer Spezialsoftware analysieren und im Anschluss eine Empfehlung für das weitere Vorgehen abgeben.

Im besten Fall könnte diese einen starken Rückschnitt bedeuten, bei dem die Masse der Krone reduziert wird. Dadurch würde das auf den Stamm lastende Gewicht sinken, zudem hätte der Wind weniger Angriffsfläche. "Eine Fällung steht bei so einem erhaltenswerten Baum immer erst am Schluss", sagt der Gutachter.

Ist jedoch die Verkehrssicherheit nicht mehr gewährleistet, bleibt der Stadt Lich keine andere Wahl, als die Friedenseiche fällen zu lassen. Bis das Gutachten vorliegt, wird es noch einige Tage dauern. Eine Schonfrist für den Eichbaum.

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