Ein Foto aus Vor-Corona-Zeiten: Der Musikzug Muschenheim beim Sommerkonzert 2015. ARCHIVFOTO: PAD
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Ein Foto aus Vor-Corona-Zeiten: Der Musikzug Muschenheim beim Sommerkonzert 2015. ARCHIVFOTO: PAD

Keine Trübsal blasen

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Skype-Konferenz statt wöchentlicher Probe, WhatsApp-Videos statt Jubiläumskonzert: Der Musikzug Muschenheim hat sich sein 60-jähriges Bestehen anders vorgestellt. Dennoch blasen die Musiker keine Trübsal, hoffen auf 2021.

Der Auftakt im Januar 2020 war perfekt: Mit dem 31. Neujahrskonzert startete der Musikzug Muschenheim ins Jubiläumsjahr. Die Gründung 1960 sollte mit Erzählnachmittag, Jubiläumskonzert und Oktoberfest gefeiert werden. Dann kam Covid-19, machte einen Strich durch alle Pläne.

"Anfang März hatten wir unsere letzte Probe", erklärt 2. Vorsitzender Harald Metzger. Rund 15 Auftritte waren für 2020 geplant, etwa beim Haxenfest in Climbach oder dem Historischen Markt in Lich - mittlerweile alles abgesagt. "Es sieht so aus, als ob wir dieses Jahr keine Auftritte mehr haben und uns die Einnahmen aus den Engagements am Ende des Jahres sehr fehlen werden."

Für die derzeit 56 Musiker aus 20 Ortschaften ist ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens weggefallen. Normalerweise treffen sie sich jeden Donnerstag zur Probe. Über die Jahre, teils sogar Jahrzehnte, sind Freundschaften entstanden, der Musikzug ist quasi eine Familie. Nun fehlen diese wöchentlichen Treffen, kann nur über die WhatsApp-Gruppe und Skype-Treffen Kontakt gehalten werden.

In seiner 60-jährigen Geschichte hat der Musikzug bereits ganz andere Krisen überstanden, wie der Blick in die Chronik zeigt. Auf Initiative des Ortsbrandmeisters Helmut Seipp I. wurde 1960 ein Fanfarenzug mit 15 Interessierten ins Leben gerufen. Zur Jahreshauptversammlung der Feuerwehr im Januar 1961 gab es den ersten Auftritt.

Damals gab es kaum gutes Notenmaterial für Fanfarenzüge. Zum Glück hatten die Muschenheimer Dieter Heeb, der eigene Stücke komponierte. Mit diesen war man auf Wettbewerben sehr erfolgreich, heimste unter anderem Titel in Wölfersheim, Grünberg und Johannisberg ein.

Der Höhepunkt war schließlich der Start beim internationalen Wettstreit in Elst in den Niederlanden. Metzger war damals als 15-Jähriger mit dabei. "Wir haben extra noch Schaumarschieren geprobt", erzählt er und schmunzelt.

Die Muschenheimer Musiker wollten immer besser werden. Dabei gab es jedoch ein Problem: Mit den Fanfaren war man an einer Grenze angekommen, die Möglichkeiten der Naturtoninstrumente waren ausgereizt. Vom Einsatz von Instrumenten mit Ventilen erhofften sich viele eine Verbesserung. Die Entscheidung für die Umstellung fiel 1977, stieß jedoch nicht bei allen auf gute Resonanz: "Von damals mehr als 40 Aktiven haben nur 20 diesen Schritt vollzogen", erinnert sich Metzger. "Einige wollten auch aus Altersgründen nicht mehr auf ein neues Instrument umsteigen." Es war die größte Krise in 60 Jahren Musikzug-Geschichte.

1980 trat die Gruppe erstmals unter dem Namen Musikzug auf. 1988 fiel die Entscheidung, immer einen Dirigenten zu engagieren, der nicht aus den eigenen Reihen stammte. Seit 2014 ist dies der Vollblutmusiker Stephan Geiger. Gerade für die treuen Besucher des Neujahrskonzerts in Muschenheim war er kein Unbekannter, setzte mit "Hey Jude" als Solist auf dem Saxofon einen Glanzpunkt in der Geschichte der Konzertreihe. Dieser Auftritt ist ebenso unvergesslich wie die Dudelsackbläser, die zusammen mit dem Musikzug "Highland Cathedral" spielten, oder die Darbietung des Märchens Schneewittchen mit einem Erzähler aus dem Stadttheater.

Insgesamt 250 verschiedene Stücke konnten die zusammengerechnet über 15 000 Besucher bislang bei den Neujahrskonzerten hören. "Es ist eine richtige Konzertfamilie entstanden", freut sich Metzger. Aus über 50 verschiedenen Orten stammen die Zuhörer, wie eine Auswertung ergab.

Beim Musikzug bilden Jung und Alt eine Gemeinschaft, spielen Urgesteine aus Fanfarenzugzeiten wie Metzger und Dieter Geitel zusammen mit jungen Musikern, die frisch aus dem seit 2002 existierenden Jugendblasorchester kommen. Wie kann das funktionieren? "Es geht uns unisono darum, gute Musik zu machen", erklärt der zweite Vorsitzende. "Das gelingt nur, wenn wir auch intensiv zusammenarbeiten." Zudem ist für jeden Geschmack etwas dabei, von Filmmusik über Musicals und Schlager sowie Rock bis zu klassischer Blasmusik. "Und es ist nicht so, dass junge Leute nur moderne Musik machen möchten."

Nicht zuletzt habe man mit dem Neujahrskonzert immer einen Termin, auf den alle hinarbeiten. Der Musikzug hofft nun, 2021 nicht nur dieses Konzert wieder in gewohntem Rahmen spielen zu können, sondern auch das Jubiläum nachzufeiern.

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