Am Morgen des 22. März 1994 ist das Fachwerkhaus im Inneren zu 60 Prozent zerstört (kleines Bild). Mittlerweile ist es längst wieder ein beliebtes Fotomotiv. Sehr zur Freude von Ernst-Otto Finger. FOTOS: MAURER/PAD
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Am Morgen des 22. März 1994 ist das Fachwerkhaus im Inneren zu 60 Prozent zerstört (kleines Bild). Mittlerweile ist es längst wieder ein beliebtes Fotomotiv. Sehr zur Freude von Ernst-Otto Finger. FOTOS: MAURER/PAD

Der 600. Geburtstag

600 Jahre! Achtältestes Fachwerkhaus Hessens steht in Lich - 1420 begann der Bau

  • Patrick Dehnhardt
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Vor genau 600 Jahren begannen die Bauarbeiten für das Licher Finger-Haus. 1994 gab es ein verheerendes Feuer in dem Fachwerkbau.

Ein Fachwerkhaus zu erhalten, ist eine anspruchsvolle Aufgabe: Regelmäßige Sanierungen und Streicharbeiten, dazu strenge Auflagen des Denkmalschutzes. "Wer sich auf den Kauf von so etwas einlässt, muss bekloppt sein oder viel Geld haben - am Besten beides", sagt Ernst-Otto Finger. Er und seine Frau Ulrike besitzen seit 1992 den markanten Fachwerkbau in der Licher Innenstadt, der nun 600 Jahre alt wird.

Einen exakten Tag, an dem ein Geburtstagskuchen mit 600 Kerzen angebracht wäre, gibt es allerdings nicht. Die Denkmalschützer haben mittels dendrochronologischer Gutachten (dem Vergleich der Baumringe mit Musterbalken aus dieser Zeit) festgestellt, dass die ältesten Balken aus dem Jahr 1420 stammen. Jedoch ist der Keller noch älter: "Untersuchungen der Mörtelreste haben gezeigt, dass er aus dem 12. Jahrhundert stammt", sagt Ernst-Otto Finger. 1424 soll der Bau fertig gewesen sein.

Zwei Häuser in einem

Ursprünglich war das Gebäude in zwei Haushälften unterteilt. Damals handelte es sich um Hallenhäuser mit offener Feuerstelle. Scheune und Stall ergänzten das Ensemble. Die für den Gebäudetyp namensgebende hohe Halle ist schon lange verschwunden: Eine Zwischendecke wurde bereits vor Jahrhunderten eingezogen, so aus einer zwei Etagen.

Erst ab 1903 haben beide Haushälften einen Besitzer. In den 1920er Jahren entstanden die Räume der Ladengeschäfte im Erdgeschoss, von 1929 bis 1958 ist das Fachwerk durch Putz überdeckt.

Schmuckstück zum Hessentag 1993

1992 erwarb Ulrike Finger den sanierungsbedürftigen Fachwerkhauskomplex. Die einzelnen Grundstücke wurden erstmals zu einer Flurnummer zusammengefügt, das Haus trug ab sofort die Adresse "Unterstadt 3-5". Das Ehepaar Finger ließ das Haus umfangreich sanieren. "Ich hatte jeden Balken einmal in der Hand", sagt Ernst-Otto Finger. Dabei erfuhr er viel über die Konstruktion und die Geschichte des achtältesten vollständig erhaltenen Fachwerkhauses in Hessen.

Beim Hessentag 1993 war das frisch sanierte Gebäude ein bei den Besuchern beliebtes Fotomotiv. Doch nur ein Jahr später ging der Glanz über Nacht in Rauch auf: Am 22. März 1994 kam es zu einem verheerenden Feuer.

Brand zerstört 60 Prozent des Hauses

Wie die Polizei später feststellte, war eine Bewohnerin mit der Zigarette im Bett wohl eingeschlafen. In kürzerster Zeit stand der Raum in Flammen. Als der Ehemann, der im Wohnzimmer schlief, den Brand bemerkte, war es schon zu spät: Sein Versuch, mit einem Feuerlöscher die Flammen in den Griff zu bekommen, scheiterte. Die Frau wurde später tot geborgen.

Das Ehepaar Finger, welches damals außerhalb von Lich wohnte, erhielt mitten in der Nacht einen Anruf der Polizei: Es sei zu einem Zimmerbrand gekommen. Sofort machten sie sich auf den Weg. "Kurz nach Nieder-Bessingen sahen wir den Licher Stadtturm im Feuerschein. Da wussten wir, dass es schlimm ist."

Die Feuerwehren aus Lich und Hungen rückten mit einem Großaufgebot an. Es gelang ihnen, die Nachbargebäude vor einem Übergreifen der Flammen zu schützen, auch wenn ein weiteres Haus beschädigt wurde. Bei der Unterstadt 3-5 war das Bild jedoch verheerend: Was das Feuer nicht vernichtete, durchtränkte das Löschwasser.

1,2 Millionen DM für Sanierung

Das Haus war einsturzgefährdet, die Geschäftsräume im Erdgeschoss zerstört, ein Menschenleben zu beklagen. Für das Ehepaar Finger eine der schwersten Stunden in ihrem Leben.

Als Ernst-Otto Finger am Morgen fassungslos vor der Ruine stand, legte sich eine Hand auf seine Schulter. Dr. Hilka Steinbach vom Landesdenkmalamt war sofort nach Lich geeilt, als sie von dem Brand erfahren hatte. "Es wird wieder aufgebaut", sicherte sie ihm zu. Finger hatte zudem Glück, dass das Haus als Kulturdenkmal versichert war.

Schon wenige Tage später begannen die Aufräum- und Sanierungsarbeiten. Sie kosteten am Ende 1,2 Millionen D-Mark. Dabei entdeckten die Denkmalschützer eine Tür mit Tulpenschnitzereien im Keller. Was über Jahrzehnte in einem Kolter eingewickelt dalag, ist ein kunsthistorisches Kleinod. Heute dient sie als Haustür. "Da kommen noch heute Leute angefahren, nur um sich diese Tür anzuschauen", sagt Ernst-Otto Finger und schmunzelt.

Er und seine Frau sind stolz darauf, dass das Haus gerne als Fotokulisse von Brautpaaren genutzt wird. Ernst-Otto Finger sagt: "Es ist eine Anerkennung für die viele Arbeit."

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