+
Christof Becker spielt am Nachbau eines Hammerflügels von Johann Andreas Stein (1770). FOTO: JOU

Intimes Klangbild am Hammerflügel

  • schließen

Lich(jou). Fast voll besetzt war am Samstag der Saal der Marienstiftsgemeinde, als Kantor Christof Becker ein ungewöhnliches, den Horizont erweiterndes Konzert bot. Beim heutzutage kaum mehr gebräuchlichen, zur Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelten Hammerflügel werden die Saiten im Unterschied zum Cembalo nicht angerissen, sondern angeschlagen. Dadurch lässt sich die Tonstärke fein nuancieren. Becker demonstrierte dies in seinem durchdacht konzipierten Programm mit Werken vom Spätbarock bis zur Wiener Klassik. Seine kenntnisreichen Anmerkungen zur Instrumentengeschichte steigerten das Vergnügen noch.

Schon eingangs, bei Lodovico Giustinis Sonate VI B-Dur zwang der gegenüber dem modernen Flügel gedämpft anmutende, in den Höhen sanfte Klang zum genauen Lauschen. Becker schöpfte das dynamische Differenzierungsvermögen seines Instruments voll aus. Verblüffend, wie prägnant er beim Allegro Intervallspannungen unterstrich. Artikulatorisch wie tempomäßig ausgefeilt verlieh er dem empfindsamen Dolce bezaubernde Atmosphäre. Weniger gut gefiel die etwas nervös und gehetzt geratene Interpretation der Fantasie c-Moll von Johann Sebastian Bach. Auch Beckers Darbietung des Allegro-Kopfsatzes von Joseph Haydns Sonate Es-Dur Nr. 59 überzeugte nicht restlos: Vor der Wiederholung der Pendel-Motivik des Hauptthemas ließen eine Spur zu lange Pausen den musikalischen Fluss stocken, überdies wurde Becker bei der folgenden Tonleiterpassage unangebracht langsamer. Gleichwohl überwogen positive Eindrücke. Feinsinnig horchte der Pianist etwa in die nachdenkliche Überleitung zur Reprise hinein. Je länger Becker spielte, umso mehr berührte das für heutige Hörgewohnheiten intime Klangbild des historischen Instruments. Großartig, wie der Kantor bei der scheinbar aus ferner Sphäre herantretenden Musik im Moll-Mittelteil des Adagios die Entrücktheit zur Geltung brachte.

Das Konzert bot weitere Glanzlichter wie die gleichermaßen gefühlvolle wie elegante Interpretation des "Abschieds von meinem Silbermann-Clavier in einem Rondo" von Carl Philipp Emanuel Bach. Einen dramatischen Höhepunkt bildete Wolfgang Amadeus Mozarts Fantasie c-Moll: Lebhafter ließ sich die enorme Bandbreite an seelischen Gemütszuständen, von Wut bis hin zu innerer Zerrissenheit, kaum herüberbringen. Zum Schluss widmete sich Becker Ludwig van Beethovens oft unterschätzter erster Klaviersonate f-Moll und spitzte die dynamischen Kontraste auf engem Raum im ersten Satz prägnant zu. Besonderen Genuss bereitete das Adagio mit den prachtvollen Melodien. Das in donnernden Fortissimi gipfelnde Prestissimo schöpfte das Potenzial des Instruments ganz aus und verdeutlichte, weshalb die Entwicklung der Klaviermusik zu klangstärkeren Instrumente führte.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare