Nach dem Attentat von Hanau gedachten viele Menschen der Opfer (Archivfoto). Cetin Gültekin kritisiert, dass die Angehörigen von der Politik alleingelassen wurden. FOTO: DPA
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Nach dem Attentat von Hanau gedachten viele Menschen der Opfer (Archivfoto). Cetin Gültekin kritisiert, dass die Angehörigen von der Politik alleingelassen wurden. FOTO: DPA

"Ich bin nicht mehr dieselbe Person"

  • vonConstantin Hoppe
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Lich(con). Am 19. Februar erschoss der der 43-jährige Tobias R. in einer Shisha-Bar in der Hanauer Innenstadt drei Menschen, anschließend in einer zweiten Bar in der Stadt sechs weitere Menschen, bevor er zu Hause seine Mutter tötete und dann die Waffe gegen sich selbst richtete.

Alle Opfer des rechtsextremen Täters hatten einen Migrationshintergrund - eine furchtbare, rassistische und sinnlose Tat, die viel mehr zerstörte als die neun Leben der Opfer, auch ihre Familien leiden bis heute an den Folgen der Tat. Am Sonntag organisierten der Ausländerbeirat Gießen und das Forum für Völkerverständigung unter dem Titel "Das Attentat in Hanau". ein Online-Gespräch zu den Folgen für die Familien der Opfer. 15 Zuschauer schalteten ein.

Als Gast dabei war der in Hanau geborene Cetin Gültekin, der am 19. Februar seinen Bruder Gökhan Gültekin verlor. Bereits zu Beginn der Gesprächsrunde wurde allen Teilnehmern klar, wie schwerwiegend die betroffenen Familien unter den Ereignissen leiden: "Es gibt zwei Cetins - den vor dem 19. Februar und den danach - denn ich bin nicht mehr dieselbe Person", berichtet der 46-Jährige.

Besonders hadert er mit dem Umstand, dass der spätere Täter sein Vorhaben im Vorfeld sogar ankündigte und ein Manifest an die Staatsanwaltschaft schickte: "Warum wurden nicht einmal zwei Beamte zu dem Attentäter nach Hause geschickt, um ihn zu kontrollieren?", fragt er. Die Wut ist ihm deutlich anzumerken: "Das macht mir Angst - es wurde einfach nichts unternommen."

Auch in anderer Sache kritisiert er das Vorgehen der Behörden: Die Angehörigen hätten erst acht Stunden nach der Tat erfahren, dass ihre Familienmitglieder zu den Opfern gehören. Danach wusste man wegen einer nicht angekündigten Autopsie fast eine Woche lang nicht, wo die Leiche des Bruders verblieben war: "Wir haben sechs Tage lang nach meinem Bruder gesucht, keiner wusste, wo er ist. Warum haben sie uns das nicht mitgeteilt?"

Ganze Familie leidet

Sein Vater verkraftete die Ereignisse nicht: 38 Tage nach der Tat starb er. Seine Mutter leidet an psychischen Folgen: Sie hielt es in der Wohnung mit Blick auf die Bar, in der ihr Sohn starb, nicht mehr aus. Eine neue Wohnung musste gesucht werden; eine Hilfe der Behörden gab es dabei laut Gültekin nicht.

"Nichts kann meinen Bruder zurückbringen - aber warum kann nicht etwas für die Opfer getan werden?", stellte er in den Raum. Seine Familie wurde geradezu in den Ruin getrieben: "Ich bin psychisch so angegriffen, dass ich nicht arbeiten kann, das Krankengeld reicht hinten und vorne nicht." Es gab keine Trauma-Behandlung für die Angehörigen, die finanzielle Entschädigung reichte nicht einmal für die Überführungskosten der Leichen von Bruder und Vater in die Türkei und die Beerdigungskosten.

Doch es geht ihm ausdrücklich nicht um finanzielle Unterstützung, sondern um das große Ganze: Wegen des Selbstmords des Täters wird es keine Gerichtsverhandlung geben. Gültekin befürchtet, dass es so keine Folgen und keine Veränderungen geben wird: "Deutschland muss konsequenter gegen Nazis und Rechtsradikale vorgehen. Waffenbesitz muss strenger kontrolliert werden. Und wenn jemand Fehler macht, muss er dafür geradestehen."

Gültekin klagt an: "In Deutschland schämt man sich als Opfer und wird sich selbst überlassen." Um das zu ändern, müsse einiges getan werden: "Ich hoffe, das man aus Hanau etwas lernt: Bitte lasst die Nächsten, die nach Hanau Opfer werden, nicht im Stich. Opfer brauchen einen leichteren Zugang zu Unterstützung."

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