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Lenny Nathan spricht mit Licher Schülern.

»Ich habe keinen Groll«

  • Nastasja Akchour-Becker
    VonNastasja Akchour-Becker
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Lich (nab). 1933 lebten in Lich 72 jüdische Bürger, 1938 waren es nur noch 17. Einem Teil der Licher Juden ist zu dieser Zeit die Emigration geglückt. Eine davon war Liesel Stiefel, der als 13-Jährige die Flucht über Japan in die USA gelang. Ihr Sohn Leonard Nathan ist extra für die Stolpersteinverlegung nach Deutschland gekommen und warb am Donnerstag im Kulturzentrum ehemalige Bezalel-Synagoge bei Schülern der Dietrich-Bonhoeffer-Schule dafür, sich zu engagieren.

Es ist Nathans zweiter Besuch in Lich, schon 2018 war der New Yorker einmal hier. Die Stadt, aus der seine Mutter kommt, wollte er schon lange sehen, berichtete der 68-Jährige auf Englisch.

Aus ihren Erzählungen kannte er die Namen Lich und Gießen. »Als ich damals am Bahnhof aus dem Zug stieg, wusste ich nicht, dass ich zum Haus meines Großvaters einfach rechts entlang hätte gehen müssen«, sagt Nathan, der das Gebäude anhand eines alten Foto finden wollte. Die Stadt stellte den Kontakt zu Heimatforscherin Inge Steul her. »Durch sie habe ich so viel mehr über meine Familie erfahren«, erzählt Nathan.

Denn schließlich haben seine Mutter und die anderen Verwandten nicht über das gesprochen, was damals passiert ist. »Alles war sehr dramatisch für die Menschen in dieser Zeit, und sie wollten vergessen.« Heute bereut er es, selbst nicht mehr nachgefragt zu haben, sagte er den Schülern. Seine Verwandten waren auch zu verschreckt, um jemals wieder nach Deutschland zu kommen, erzählte er.

»Ich habe eine Familie, die gelitten hat, aber ich habe keinen Groll gegenüber den Deutschen. Es ist Geschichte, und die Zukunft zählt«, machte der Amerikaner deutlich. Für ihn ist es wichtig, in die Vergangenheit zu blicken, um von ihr zu lernen. Erneut in diesem wunderschönen Städtchen Lich zu sein, sei sehr emotional für ihn, betonte er. Als er am Tag zuvor in der Oberstadt zum ersten Mal Stolpersteine gesehen hat, war er sehr ergriffen. »Sie sind bemerkenswert.«

Eine Schülerin wollte wissen, ob seine Mutter Liesel glücklich gewesen wäre, dass er heute hier ist. »Ich denke: Ja«, sagte Nathan. »Aber wäre sie mitgekommen? Ich glaube nicht.«

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