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Wayfair hat im Frühjahr sein Zentrallger in Lich in Betrieb genommen. Noch sind manche Hallen leer.

Langsdorfer Höhe

Hinter den Kulissen bei „Wayfair“ in Lich – Hallen derzeit zu 20 Prozent ausgelastet

  • Ursula Sommerlad
    VonUrsula Sommerlad
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Der Bau des Logistikzentrums hat Lich vor zwei Jahren vor eine Zerreißprobe gestellt. Nun haben SPD-Mitglieder erstmals das „Wayfair“-Zentrallager besucht. Ihr Eindruck: unterm Strich positiv.

Lich – Der Bau des Logistikzentrums hat Lich (Kreis Gießen) vor zwei Jahren vor eine Zerreißprobe gestellt. Auch die SPD, die damals zu den Befürwortern gehörte, sah sich heftiger Kritik ausgesetzt. Jetzt haben Mitglieder des Ortsvereins erstmals das »Wayfair«-Zentrallager besucht. Ihr Eindruck: unterm Strich positiv.

„Wayfair“ in Lich (Kreis Gießen): „Das kann ja nett hier werden...“

Steffen Nippert arbeitet seit acht Monaten bei Wayfair. Seine Mission als Associate Director: Er soll das Zentrallager des US-amerikanischen Online-Möbelhändlers am Rande von Lich aufbauen. Als er seine künftige Wirkungsstätte zum ersten Mal besuchte und all die gelben Plakate mit dem Slogan »Stopt Logistikzentrum« sah, dachte er sich: »Das kann ja nett hier werden...« So erzählte es Nippert am Freitag Mitgliedern der Licher SPD. Rund 20 Sozialdemokraten, darunter alle sechs Mitglieder der aktuellen Fraktion, hatten sich für eine Besichtigung jenes Unternehmens angekündigt, um dessen Ansiedlung vor zwei Jahren eine heftige Kontroverse entbrannt war.

„Wayfair“ in Lich (Kreis Gießen): 300 Arbeitsplätze sind entstanden

Die SPD-Stadtverordneten hatten, mit wenigen Ausnahmen, für das Projekt gestimmt, waren dafür heftig angefeindet worden und mussten bei der letzten Kommunalwahl ordentlich Federn lassen. Doch frühere Mandatsträger fühlen sich nachträglich bestätigt. »Es war die richtige Entscheidung«, sagt Manfred Weber beim Gespräch im Anschluss an die Betriebsbesichtigung nicht zuletzt mit Blick auf die über 300 Arbeitsplätze, die hier bislang entstanden sind. Prof. Knut Stieger, der Vorsitzende des Ortsvereins, der erst nach dem großen Krach in die aktive Politik eingestiegen ist, legt den Fokus auf die positiven Aspekte, zu denen er neben den Arbeitsplätzen auch Einnahmen für die Stadt und Impulse für die lokale Wirtschaft zählt. »Ganz gleich, wie man zum Logistikzentrum steht: Es ist da. Wir sollten nach vorne schauen und das Beste daraus machen.«

„Wayfair“-Logistikzentrum in Lich: Bisher zu 20 Prozent ausgelastet

Vom befürchteten Verkehrskollaps ist in Lich bislang nichts zu spüren. »Wo sind denn all die Lkw?«, werden SPD-Mitglieder immer mal wieder gefragt. Allerdings befindet sich das Logistikzentrum erst im Aufbau. Die neun riesigen Hallen sind nach Angaben von Nippert aktuell zu 20 Prozent ausgelastet. 80 Prozent werden angestrebt. Der Interimsstandort Hammersbach ist bereits ins Licher Lager integriert worden, der Standort Kassel soll bis zum Jahresende folgen. Über 60 Mitarbeiter sind laut Nippert von dort mit nach Lich umgezogen, 250 habe man direkt in der Region gewonnen. Und weitere werden gesucht. Auf den Tischen in einer der Mitarbeiter-Kantinen liegen Flyer mit dem Appell »Mach’ Deine Bekannten zu Kollegen«. Für die Vermittlung einer erfolgreichen Bewerbung werden Prämien von bis zu 2000 Euro ausgelobt.

Mitarbeiter-Zufriedenheit in Lich „höchste im ganzen Wayfair-Netzwerk“

Wayfair ist ein US-amerikanisches Unternehmen, das prägt die Firmenkultur auch in Lich. Die Umgangsformen sind leger, in der Kantine werden per Bildschirm die Geburtstagskinder des Monats beglückwünscht, Hunde im Großraumbüro sind erlaubt; unter einem der Schreibtische liegt ein beeindruckender Leonberger.

In der Verwaltung arbeitet nur ein kleiner Teil des Teams, laut Nippert etwa 25 Leute. Die meisten seien im Lager beschäftigt. Ihr Stundenlohn liege zwischen 12,50 und 14 Euro. Acht verschiedene Nationen seien vertreten, neben Deutschen vor allem Polen und Rumänen. »Wir haben auch eine starke afrikanische Community«, berichtet der Leiter des Logistikzenrums. Die Frage nach Urlaubs- oder Weihnachtsgeld verneint er und verweist stattdessen auf besondere Aktionen. Mal komme der Eiswagen, mal der Foodtruck, und jederzeit stehe Gratis-Obst zur Verfügung. »Die Mitarbeiter-Zufriedenheit in Lich ist mit die höchste im ganzen Wayfair-Netzwerk weltweit«, betonte Nippert. Das zeigten die regelmäßigen Umfragen.

Kreis Gießen: „Wayfair“-Lkw fahren nicht durch die Stadt Lich

In der Kontroverse um das Logistikzentrum spielte das Verkehrsaufkommen eine entscheidende Rolle. Mit den Transportunternehmen habe man vereinbart, dass die Fahrzeuge nicht durch die Stadt fahren, sagt Nippert. Entsprechend sei auch die Verkehrsregelung an der Ausfahrt. »Aber wir können es nicht vorschreiben.« Doch der Mitarbeiter an der Pforte führe eine Strichliste, in welche Richtung die Lkw abbiegen. »Die Spalte Richtung Innenstadt ist leer.«

Für Anregungen aus der Bevölkerung sei man offen, verspricht der Chef: »Bitte einfach melden.« So habe man nach Anwohnerbeschwerden dafür gesorgt, dass die Beleuchtung nach Betriebsschluss um 23.30 Uhr auf ein Minimum gedimmt werde.

„Wayfair“ sucht Kontakte zur Stadtgesellschaft in Lich

»Wir wollen Teil der Gesellschaft sein«, versichert auch Dr. Sascha Hower, der das operative Geschäft von Wayfair in Europa leitet. Aufträgen vergebe man an die lokale Wirtschaft. Um Sicherheitstechnik, Catering oder die Pflege des Außengeländes, um nur ein paar Beispiele zu nennen, kümmerten sich heimische Firmen. In den nächsten Monaten wolle man sich weiter für die Stadtgesellschaft öffnen. Erste Kontakte gebe es bereits. Zum Beispiel zur Erich-Kästner-Schule, deren neues »grünes Klassenzimmer« von Wayfair mit Möbeln ausgestattet wurde.

Lich soll Zentrallager bleiben

Ob die Gefahr bestehe, dass die riesige Halle vor den Toren Lichs irgendwann als Investitionsruine leer stehen könne, wollen die Besucher zum Abschluss wissen. Sascha Hower schüttelt mit Verweis auf die positive Entwicklung in anderen Ländern den Kopf. »Lich bleibt das Zentrallager. Daran, dass es nicht voll werden könnte, denken wir gar nicht.«

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