Ohne Maske und ohne Abstand haben sich am Sonntag mehrere Dutzend Personen im hessischen Lich (Kreis Gießen) getroffen. (Symbolbild)
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Ohne Maske und ohne Abstand haben sich am Sonntag mehrere Dutzend Personen im hessischen Lich (Kreis Gießen) getroffen. (Symbolbild)

Polizei beendet Zusammenkunft

Mehr als 30 Corona-Skeptiker suchen bei Picknick Konfrontation mit Bürgermeister

  • vonChristina Jung
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Mitten in Lich im Kreis Gießen (Hessen) 30 bis 40 Menschen. Sie ignorieren die Corona-Vorschriften. Als der Bürgermeister einschreitet, werden sie aggressiv.

Lich – 72 Prozent der Bürgermeister in Deutschland wurden mindestens einmal im Amt beleidigt, beschimpft, bedroht oder sogar tätlich angegriffen. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Magazins »Kommunal« im Auftrag von »report München« hervor. Über ein Drittel der 1611 befragten Mandatsträger sieht eine Zunahme der Übergriffe aufgrund der Corona-Pandemie. Wie sich das anfühlt, bekam am Sonntag der Licher Rathauschef Dr. Julien Neubert zu spüren. Rund um den Hessentagsbrunnen hatten sich um die Mittagszeit 30 bis 40 Menschen versammelt, Stühle und Tische aufgebaut und eine Art Picknick veranstaltet. Ohne Masken zu tragen. Ohne Abstand zu halten.

Hessische Corona-Vorschriften ignoriert: Polizei beendet Zusammenkunft im Kreis Gießen

Der Bürgermeister, der am Vormittag im Rathaus gearbeitet hatte, suchte den Kontakt und wies die Leute auf die geltende Kontaktbeschränkungsverordnung hin. Aber: »Die haben mich gar nicht ernst genommen.« Auch einem Platzverweis des Verwaltungschefs folgte die Gruppe nicht. Neubert: »Das war denen scheißegal.« Mehr noch, sie fühlten sich offenbar zur Diskussion animiert. Nicht nur mit dem Stadtoberhaupt, auch mit Passanten, die dort verweilten.

Ein Ehepaar aus Annerod, das mit dem Fahrrad nach Lich gekommen war und auf einer der Bänke am Hessentagsbrunnen Platz genommen hatte, beobachtete die Situation. »Der Bürgermeister hat mit Verweis auf die Corona-Vorschriften erfolglos versucht, die Versammlung aufzulösen. Meine Frau und ich gingen zu ihm, um ihn zu unterstützen«, erzählt Martin Krauss. »Lautstark und heftig« hätten die Corona-Gegner mit ihnen die Konfrontation gesucht, ohne Abstand zu wahren.

Einige hätten die Existenz des Virus geleugnet, andere auf die nicht vorhandene Ansteckungsgefahr im Freien hingewiesen oder mit Blick auf die Einschränkung der Grundrechte Vergleiche zum Nationalsozialismus gezogen. »Das war eine bedrohliche Situation. Die waren aggressiv - verbal und in der körperlichen Annäherung«, so Krauss.

Aggressive mutmaßliche Corona-Leugner in Hessen: Laut Polizei einziger Fall im Kreis Gießen

Neubert, der zwischenzeitlich die Polizei gerufen hatte, sagt, man fühle sich in einer solchen Lage machtlos. Und: »Ich hatte wirklich Angst.« Letztlich löste sich die Zusammenkunft erst mit dem Eintreffen der Beamten auf, auch wenn vorher bereits Tische und Stühle zusammengeräumt worden waren.

Für den Bürgermeister ist es nicht die erste Erfahrung mit mutmaßlichen Corona-Leugnern. Vor vier Wochen hatten Unbekannte Luftballons und Nachrichten auf bunten Zetteln am Hintereingang des Rathauses hinterlassen. »Wir wollen keine Tests an unseren Schulen« stand auf einem. »Öffnet die Vereine« auf einem anderen. Verwiesen wurde auch auf den Corona-Ausschuss.

Mit Blick auf die Umfrage und den Vorfall in Lich erklärt Guido Rehr, Pressesprecher beim Polizeipräsidium Mittelhessen, dass derzeit »keine Zunahme von Straftaten/Übergriffen auf Kommunalpolitiker im Bereich des Landkreises Gießen« festzustellen seien. Die Zusammenkunft am Hessentagsbrunnen mit den beschriebenen Folgen sei »bislang der einzige Fall, der uns hier im Zusammenhang mit der Thematik Corona-Leugner bekannt ist«. Allerdings sei es möglich, dass Sachverhalte noch nicht zur Anzeige gebracht oder gemeldet wurden, gab Rehr zu bedenken. (ti)

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