Hermann Otto Solms
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Hermann Otto Solms

Solms feiert 80. Geburtstag

Wie Hermann Otto Solms einst Millionen mit Videospiel-Automaten machte - »Großvater der Gaming-Szene«

  • vonStefan Schaal
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Er war 26 Jahre lang Schatzmeister der FDP, führte die Fraktion der Liberalen im Bundestag. Anlässlich seines heutigen 80. Geburtstags blickt Hermann Otto Solms auf erfolgreiche Momente als Gründer eines Start-ups mit Videospiel-Automaten zurück, erzählt von Liebesbriefen in einer Kasernenstube und erinnert sich an einen bezeichnenden Augenblick mit Helmut Kohl.

Hermann Otto Solms wird an diesem Dienstag 80 Jahre alt. Nach 40 Jahren auf höchster politischer Ebene tritt das Urgestein der Freidemokraten allmählich in den Ruhestand, im kommenden Jahr wird er nicht mehr für den Deutschen Bundestag kandidieren. Ein Rückblick auf acht prägende Szenen aus acht Jahrzehnten.

Kennenlernen in Helmut Kohls Büro

Im Januar 1991 ist Solms frisch gewählter Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion, als sich Helmut Kohl bei ihm meldet. »Zum Kennenlernen«, sagt der Bundeskanzler, er wolle sich dafür eine Stunde freinehmen. Bis heute sei Kohl die für ihn »prägendste Persönlichkeit«, sagt Solms. »Er hat Politik verstanden, hat gezielt die Koalitionspartner punkten lassen und war sich nicht zu schade, auch mal die CDU-Kreisvorsitzenden anzurufen, um die Basis an sich zu binden.«

Ich habe Bundeskanzler Kohl nach 55 Minuten gesagt, dass bis jetzt nur er geredet hat. Er hat dann  gemeint, dass er sich sowieso auf mich verlassen kann.

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Und so sitzt Solms für die vereinbarte Stunde im Büro des Bundeskanzlers und lauscht Kohls Worten. Nach 55 Minuten allerdings meldet er sich zu Wort: »Herr Bundeskanzler, bis jetzt haben nur Sie geredet.« Sicher habe er nun ein klares Bild davon, was Kohl wichtig sei. »Aber Sie haben mich doch eingeladen, um mich kennenzulernen.« Für einen kurzen Augenblick stutzt Kohl. Dann wiegelt der Bundeskanzler ab. »Ja, aber ich kann mich doch sowieso auf Sie verlassen.«

Liebesbriefe wie Cyrano de Bergerac

Anfang der 60er Jahre sitzt Solms in einer kargen, von einem Kanonenofen beheizten Bude einer Kaserne auf der Insel Lindau. Er leistet damals seinen Militärdienst ab, das Zimmer teilt er mit neun Kameraden.

»Das waren Männer aus allen gesellschaftlichen Schichten«, erzählt Solms. Einer von ihnen ist ein Schürzenjäger. »Er hatte zwei Freundinnen, die er am Wochenende abwechselnd besucht hat.« Wortkarg und nicht besonders redegewandt sei er gewesen. »Ein einfacher Kerl. Anscheinend hatte er aber noch andere Fähigkeiten«, erzählt Solms schmunzelnd. Irgendwann hätten sich die Zimmerkameraden an einen großen Tisch gesetzt und hätten gemeinsam angefangen, für ihn Liebesbriefe an die beiden Frauen zu verfassen. Solms schreibt, die anderen rufen Ideen zu. »Wir haben sehr schöne Sätze gefunden.« Der Schürzenjäger habe später dann die Reaktionen der beiden Frauen laut in der Bude vorgelesen. »Das hätte ich nie erwartet, dass du so schöne Briefe schreiben kannst«, hieß es in einem der Antwortbriefe. »Das hat damals stark zum Zusammenhalt der Truppe beigetragen«, erzählt Solms.

Doch es habe in der Bundeswehrzeit auch viele ernste Momente gegeben. Als im August 1961 die Berliner Mauer gebaut wird, ist die politische Lage angespannt. »Wir saßen wochenlang auf gepackten Seesäcken«, berichtet Solms. »Um innerhalb von zwei Stunden abmarschbereit zu sein.« Damals habe man als junger Bundeswehrsoldat auch mal gehofft, dass das Warten ein Ende habe. »Im Nachhinein war es natürlich gut, dass es nicht zu einer militärischen Auseinandersetzung gekommen ist.«

Politik-Comeback mit 73 Jahren

Im kommenden Jahr wird Solms endgültig in den Ruhestand treten, er wird sich stärker der Familie widmen. Allerdings hat er sich schon einmal zurückgezogen. Mit 72 Jahren, nach der Niederlage der FDP 2013, als die Liberalen aus dem Bundestag gewählt wurden. Wenig später aber ruft ihn Christian Lindner auf dem Handy an. »Er hat mir berichtet, dass der Bundesvorstand zurücktritt und er seinen Hut in den Ring werfen will«, erzählt Solms. »Er hat mich gefragt, ob ich ihn unterstützen kann, moralisch und wieder als Schatzmeister.« Solms zögert damals zunächst. Ein Vertrauter aber habe ihn in einem weiteren Gespräch weichgekocht. Solms stellt eine Bedingung: Die Führungsmannschaft der FDP müsse komplett ausgetauscht werden. »Nur so hat ein Neuanfang Sinn gemacht.« Solms sammelt Spenden, stellt die Partei organisatorisch und finanziell wieder auf solide Beine. Nun, zum 19. September dieses Jahres, hat er das Amt des Bundesschatzmeisters der FDP abgegeben, dreimal hat er das Amt seit 1987 bekleidet. »2021, in einem Wahljahr, wäre ein Abtritt schwierig geworden«, sagt Solms. Es sei schlicht Zeit für diesen Schritt gewesen, sagt er. »Man muss seinen Abgang selbst gestalten.«

Der »Großvater der Gaming-Szene«

Solms ist Mitte 30, als er aufs Ganze geht. 1976 gründet er mit einem befreundeten Elektroingenieur, den er in einer Kneipe kennengelernt hat, ein Start-up. Sie kaufen zehn Videospiel-Automaten und stellen sie in Lokalen im Kreis Gießen auf. Solms leiht sich für die Investition 70 000 Mark von seinem Bruder.

Eines Tages, kurz nach der Firmengründung, ruft der Betreiber eines Fitnessstudios an. »Sie können das blöde Gerät wieder abholen, es funktioniert nicht«, sagt er. Solms und sein Geschäftspartner fahren zu dem Studio und schauen sich den Automaten an. »Wir haben es unten geöffnet, da sind uns und dem Studiobetreiber die Markstücke entgegengerollt«, berichtet Solms. »Das Gerät hat nur deshalb nicht funktioniert, weil die Kasse schon nach einer Woche überfüllt war.« Er bietet dem Betreiber des Fitnessstudios an, den Automaten gleich mitzunehmen. »Nein, nein«, ruft dieser daraufhin aus. »So habe ich das doch gar nicht gemeint.«

Wir haben Tag und Nacht gearbeitet. Nach vier Jahren haben wir 20 Millionen Mark umgesetzt.

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Die Geschäftsidee entpuppt sich als riesiger Erfolg. Solms und sein Geschäftspartner entschließen sich, Automaten selbst zu bauen. Sie mieten in Gießen eine stillgelegte Schreinerwerkstatt, stellen studentische Hilfskräfte ein. Solms kündigt seinen Job als persönlicher Referent der Vizepräsidentin des Bundestags, Liselotte Funcke, und konzentriert sich auf die Firma. Die GmbH ist der erste europäische Hersteller von Videospiel-Automaten, 3000 Geräte stehen in ganz Europa. »Wir haben Tag und Nacht gearbeitet«, sagt Solms. »Nach vier Jahren haben wir 20 Millionen Mark ungesetzt und drei Millionen Mark Gewinn erzielt, wir hatten 80 Mitarbeiter.«

Als der Boom abebbt, entwickeln Solms und der Geschäftsfreund eine Zeit lang CAD-Software. Doch sie erkennen, dass sie zu klein sind, um im Konzert der Großen in der Software-Branche mitzuspielen und verkaufen die GmbH. Kürzlich hat sich Solms in einem sozialen Netzwerk zu der Vergangenheit in der Geschäftswelt geäußert: »Ich bin der Großvater der Gaming-Szene«, hat er geschrieben.

Streit mit Westerwelle

2009 winkt Solms der Posten des Finanzministers. Im Bundestagswahlkampf hat er sich für eine Vereinfachung der Einkommensteuer starkgemacht, hat den Gesetzestext von 365 auf 17 Seiten geschrumpft. Den Wahlerfolg der FDP 2009 mit 14,6 Prozent der Stimmen führt Solms maßgeblich darauf zurück.

Dann aber habe Guido Westerwelle auf das Außenministerium bestanden. »Ich habe ihm gesagt: Wir haben den Erfolg durch unsere Kompetenz in der Finanzpolitik errungen.« Westerwelle aber sei stur geblieben. »Ich werde Außenminister«, habe dieser gesagt. Solms habe geantwortet: »Dann sind wir in zwei Jahren wieder bei fünf Prozent.« Er habe sich getäuscht, sagt Solms heute. »Es hat nur zehn Monate gedauert.«

Dieser Moment habe bei ihm eine tiefe Enttäuschung hinterlassen. »Es ging mir nicht darum, dass ich Finanzminister werde«, betont er. »Sondern darum, dass wir mit der geplanten Einkommensteuerreform etwas grundlegend Neues machen wollten.« Persönlich habe er Westerwelle weiter geschätzt. »Aber auf politischer Ebene war das Tuch zwischen ihm und mir zerschnitten.«

Ausgezeichnetes Examen dank Skat

Nach einer Banklehre beginnt Solms 1964, Wirtschaftswissenschaften und Landwirtschaft zu studieren. Zunächst an der Goethe-Universität in Frankfurt, bald aber wechselt er nach Gießen. »Frankfurt, die Massen-Uni lag mir nicht«, erzählt er.

In Gießen bildet er mit Freunden zu fünft eine Skat-Clique. »Vier haben in einer Gaststätte an der Licher Straße gespielt, und der Fünfte ist immer in die Vorlesung.« Sei das Los auf ihn gefallen, »war ich gefordert, gründlich mitzuschreiben, das Gelernte auszuarbeiten und für die anderen zu kopieren.« So seien ganze Kompendien zu den Vorlesungen mit Grafiken und mathematischen Formeln entstanden.

Eines Morgens sitzt Solms zehn Minuten zu früh in einer Vorlesung für Makro-Ökonomie und hat das entsprechende Kompendium vor sich liegen. »Es war ein junger Professor, er ist nervös vorne auf und ab gelaufen, hat sich dann vor Beginn der Vorlesung mein Kompendium gegriffen.« Der Professor blättert intensiv in dem Werk, das im Rahmen zahlreicher Skatrunden von Solms und seinen Freunden entstanden ist, dann fragt er: »Was ist das?« Solms antwortet: »Ihre Vorlesung.« Der Professor, selbst etwas unorganisiert, reagiert geistesgegenwärtig: »Ich möchte eine Kopie.«

Schatzmeister, ohne gefragt zu werden

Zum Amt des Schatzmeisters der FDP kommt Solms 1987 wie die Jungfrau zum Kinde. Die Vorgängerin Irmgard Schwaetzer wird von Hans-Dietrich Genscher zur Staatsministerin im Auswärtigen Amt berufen, der FDP-Parteitag ist gerade erst vorbei. Kommissarisch soll daher ein Mitglied des Präsidiums Schatzmeister werden. In einer Fraktionssitzung der FDP fällt plötzlich Solms’ Name. »Der Fraktionsvorsitzende Martin Bangemann hat erklärt, dass ich ins Präsidium komme und das Schatzamt übernehme. Das war für mich wie für alle anderen in der Fraktion neu. Ich bin nicht gefragt worden.«

Finanziell ist die FDP damals in einem katastrophalen Zustand. »Zwei Leute auf Minister- und Staatssekretärebene haben sich selbst eine Altersversorgung zugesichert, da sind illegale Dinge gelaufen, das hat mehr als sechs Millionen Mark veranschlagt.« Solms saniert die Partei und zeigt Eigenschaften, die ihn bis heute charakterisieren. Seriosität, Stabilität und Vertrauenswürdigkeit. Wer damals illegale Geschäfte getrieben hatte, behält er bis heute für sich.

Verantwortung mit zehn Jahren

Ein guter Schüler am Internat auf Schloss Stein am Chiemsee ist Solms nicht. Er ist zehn Jahre alt, sein Vater ist vor seiner Geburt im Krieg gefallen, als ihm seine Mutter sagt: »Wenn du mir versprichst, dass du dein Abitur machst, werde ich nicht mehr nach deinen Noten fragen.« Sie habe die Verantwortung auf ihn übertragen, sagt er. »Das war einer der wesentlichen erzieherischen Momente in meinem Leben. Ich habe früh gelernt, für mich selbst verantwortlich zu entscheiden.« Nur so könne man mutige Entschlüsse treffen. Die Zukunft, sagt Solms auch mit 80, »ist immer unbekannt.«

Geburtstag ohne Feier

Seinen 80. Geburtstag werde er wegen der Corona-Pandemie nicht feiern, sagt Hermann Otto Solms. »Ich lasse ihn ausfallen, ich bleibe 79«, sagt er. Die Feier werde er vielleicht im Sommer kommenden Jahres im Kreis von Familie und Freunden nachholen. Solms schreibt derzeit am letzten Kapitel eines Buchs mit seinen Erinnerungen. Der Arbeitstitel lautet: »Ein selbstbestimmtes Leben«.

Einen Schnurrbart trägt er übrigens seit Januar 1962, nach der Bundeswehrzeit. Seine Großmutter habe immer gesagt: »Ein Kuss ohne Bart ist wie eine Suppe ohne Salz.«

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