Besuch im Ein-Euro-Haus in Nieder-Bessingen: Die Bauherren Wolfgang Löhmann und Gregor Daubert (3. v. l.) informieren SWS-Geschäftsführer Jens Köhler (2. v. l.), Bürgermeister Julien Neubert und Landrätin Anita Schneider über die Sanierung. FOTO: US
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Besuch im Ein-Euro-Haus in Nieder-Bessingen: Die Bauherren Wolfgang Löhmann und Gregor Daubert (3. v. l.) informieren SWS-Geschäftsführer Jens Köhler (2. v. l.), Bürgermeister Julien Neubert und Landrätin Anita Schneider über die Sanierung. FOTO: US

Sozialer Wohnungsbau

Günstig wohnen im Ein-Euro-Haus

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Mit Hilfe des Landkreises entstehen in Nieder-Bessingen Sozialwohnungen. Das Haus haben die Bauherren für einen Euro gekauft.

Eine Toilette im Erdgeschoss, eine Badewanne auf dem Dachboden, keine Heizung: Zeitgemäßes Wohnen sieht anders aus. Deshalb stand das Haus in der Vordergasse 1 in Nieder-Bessingen jahrzehntelang leer. Dann kamen Wolfgang Löhmann und Gregor Daubert und kauften der Stadt Lich das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert ab. Kaufpreis: ein Euro. Allerdings unter der Voraussetzung, dass hier Sozialwohnungen entstehen. So hat es das Licher Parlament vor bald drei Jahren beschlossen.

Ein Schnäppchen? Nicht ganz. Um den denkmalgeschützten Fachwerkbau wieder fit zu machen, rechnen die beiden Bauherren mit einer Investitionssumme von 250 000 Euro. Lange liefen sie sich vergeblich die Hacken nach Fördergeldern ab. Letzten Sommer schließlich winkte ihnen das Glück. Im Juni beschloss der Kreistag die "Richtlinie zur Revitalisierung der Ortskerne". Das Nieder-Bessinger Ein-Euro-Haus ist das erste Objekt, das aus diesem neuen Fördertopf Geld bekommt. Sogar die Höchstsumme, 75 000 Euro. Das sind 30 Prozent der förderfähigen Investitionskosten.

Zuvor hatten sich die beiden Bauherren vergeblich um Unterstützung bemüht. "Man wird schon etwas ungeduldig", sagt Daubert rückblickend. Beim Land gebe es zwar Programme für Sozialen Wohnungsbau, aber da seien sie mit ihrem Projekt nicht reingekommen. Grund: Die Wohnungen sind zu klein.

Kleine Wohnungen sind gefragt

Genau an diesem Punkt setzt die neue Richtlinie des Landkreises an. Sie ist auf die örtlichen Gegebenheiten zugeschnitten. "Wir wollen Wohnraum schaffen, indem wir die alten Ortskerne stärken, anstatt weiter Flächen zu verbrauchen", sagt Jens Köhler, der Geschäftsführer Sozialer Wohnungsbau und Strukturförderung im Landkreis Gießen GmbH (SWS).

Zwei Drei-Zimmer-Wohnungen à 75 Quadratmeter im ersten und zweiten Stock sowie zwei Ein-Zimmer-Apartmentim Erdgeschoss sind in Nieder-Bessingen geplant. Landrätin Anita Schneider, die sich auf der Baustelle umsah, findet gerade das gut. "Die Analyse zur Wohnraumversorgung im ländlichen Raum hat gezeigt, dass insbesondere kleine Wohnungen für Alleinstehende und Senioren fehlen." Außerdem bringe die Sanierung Leben in den alten Ortskern.

Geld für weitere Projekte ist da

Bürgermeister Dr. Julien Neubert freut sich, dass Lich als erste Kommune von der neuen Richtlinie des Kreises profitiert. Er hofft auf Nachahmer auch aus anderen Stadtteilen. Bei einer Altbau-Quote von etwa 20 Prozent dürfte das ein oder andere Projekt in Frage kommen. Auch einige städtische Liegenschaften fallen Neubert spontan ein.

Geld jedenfalls ist da. Für die Revitalisierung der Ortskerne stehen 690 000 Euro aus dem vergangenen Jahr und weitere 200 000 Euro aus dem Kreishaushalt 2020 zur Verfügung. In diesem Jahr könnten also theoretisch noch zehn Projekte im Umfang des Nieder-Bessinger Hauses gefördert werden.

Einen festen Termin für die Fertigstellung des Gebäudes in der Vordergasse 1 nennen Löhmann und Daubert nicht. Es ist auch eine Zeitfrage, denn die beiden Freunde erledigen viel selbst. Daubert bringt als Schreinermeister das nötige Knowhow mit, Löhmann kann mit Enthusiasmus punkten. Er arbeitet als OP-Manager in Wetzlar. "Das hier ist mein Ausgleich."

Besondere Atmosphäre

Das Haus entkernen, alte Leitungen ausbauen, Wände in den Durchgangszimmern schließen: Bislang haben Löhmann und Daubert alle Arbeiten in Eigenleistung gestemmt. Aber jetzt kommen die großen Brocken. Um Elektrik, Heizung und Wasserleitungen werden sich Fachfirmen kümmern.

Beim Innenausbau soll der Charme eines alten Hauses erhalten bleiben. Die mächtigen Eichenbalken an der Decke zum Beispiel werden auch nach der Renovierung sichtbar sein. "Zeitgemäßer Wohnraum in besonderer Atmosphäre", resümiert die Landrätin. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie wohnt selbst in einem Haus aus dem frühen 19. Jahrhundert.

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