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An der B 488 zwischen Lich und Eberstadt liegt Hof Güll. Der einstige Wirtschaftshof der Arnsburger Mönche ist die Zentrale des Ackerbaubetriebs der Familie Lischka.

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Hof Güll ist eine alte Schönheit

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Leben und arbeiten auf einem viele Jahrhunderte alten Hofgut: Das klingt nach Idyll. Wer sich mit Clemens Lischka, dem Pächter auf Hof Güll, unterhält, wird eines Besseren belehrt.

An grauen Novembertagen wirkt das Ensemble an der B 488 ein wenig abweisend. Aber im Sommer, wenn die alten Baumriesen vor der imposanten Bruchsteinmauer und im weitläufigen Innenhof voll im Laub stehen, entfaltet Hof Güll seine ganze Pracht. Die Schönheit ist alt, sehr alt. Die Autoren der Denkmaltopographie des Landkreises Gießen halten es für möglich, dass die Ursprünge der Anlage bis ins achte Jahrhundert zurückreichen. Gesichert ist die Existenz von "Hoven Gullen" 1151, damals wurde das Benediktinerkloster Alteburg, ein Vorläufer von Kloster Arnsburg, gestiftet. Ora et labora lautete die Lebensregel der Mönche, bete und arbeite. Auf Hof Güll, einem ihrer vielen Wirtschaftshöfe, wurde gearbeitet. Das war im Mittelalter so, und heute ist es nicht anders. Mönche allerdings gibt es auf dem Hof schon lange nicht mehr. 1803 wurde Kloster Arnsburg aufgelöst, Hof Güll fiel an die Fürsten Solms-Braunfels und ist seither verpachtet.

150 Jahre lang hießen die Pächter Hoffmann, seit bald 50 Jahren verbindet man mit Hof Güll den Namen Lischka. Josef Lischka, Landwirtssohn aus dem Sudetenland, und seine Frau Gisela, Landwirtstochter aus Okarben, pachteten das prächtige Gut 1972 und zogen mit ihren acht Kindern ein. Ihr Sohn Clemens, der heute auf dem Hof Regie führt, ist hier groß geworden. Ackerbau ist sein Metier. 700 Hektar bewirtschaftet er an verschiedenen Standorten, 160 davon gehören zu Hof Güll. Braugerste, Winterweizen, Raps und vor allem Zuckerrüben baut er an. Die Rübenernte ist erst vor wenigen Tagen zu Ende gegangen. Der nasse Herbst hat Lischka und seinen drei Mitarbeitern noch einen deutlichen Ertragszuwachs beschert. Mit der Menge sei er zufrieden, sagt er. "Aber die Preise sind unterirdisch."

Viele Gebäude, die sich um den Innenhof gruppieren, stehen heute leer. Eine frühere Scheune ist als Wohnung umgebaut und vermietet, außerdem hat Lischka Räume an die Metallverarbeitung SKH untervermietet. "Früher waren die Gebäude fast alle in Benutzung", erinnert sich der Landwirt. Da gab es zum Beispiel noch die Brennerei für Industriealkohol und die Tiere, die die beim Abdestillieren anfallende Schlempe fraßen.

Ohne Bier und Branntwein

Von der Brennerei hat sich Lischka vor einigen Jahren verabschiedet. "Ohne Subventionen war das nicht konkurrenzfähig", bedauert er. Auf Hof Güll ging damit eine lange Tradition zu Ende. Zunächst hatten die Mönche seit dem Mittelalter Bier gebraut. 1839, unter der Pächtersfamilie Hoffmann, wurde die Brauerei in eine Branntwein-Brennerei umgewandelt.

Leer stehen heutzutage auch die Scheunen, in denen früher Kartoffeln und Getreide lagerten. "Kartoffeln passen nicht in die Fruchtfolge," erläutert Lischka. Und Getreide in jahrhundertealten Bruchsteinmauern - das sei heute allein schon aus hygienischen Gründen nicht mehr zu machen. Der Landwirt hat deshalb in Eberstadt eine neue und trockene Halle gebaut. "Gut, dass ich sie habe." Einfach zu Wohnzwecken umnutzen könne man die leerstehenden Wirtschaftsgebäude nicht. Steile Treppen, niedrige Zwischendecken, und alles steht unter Denkmalschutz: "Da traut sich keiner ran."

Die Landwirtschaft hat auf Hof Güll eine lange Vergangenheit. Aber hat sie hier auch eine Zukunft? Lischka weiß es nicht. Trotz der schwierigen Lage in der Branche würde sein Sohn, der noch studiert, den Betrieb später gerne übernehmen, sagt er. Ob das möglich sein wird, stehe in den Sternen. Der Pachtvertrag laufe 2024 aus.

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